Karriere

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Michelle Moonen, Selina Häfliger, Melanie Sommer und Melanie Frutiger arbeiten nicht mehr in der Reisebranche. Bild: TN / November 2015

Diese vier Young Talents haben sich aus der Reisebranche verabschiedet

Von Gregor Waser

Sie galten vor sechs Jahren als grosse Hoffnung der Schweizer Reisebranche. Doch wo arbeiten sie heute? Travelnews hat mit den vier «Young Talents» des Jahres 2015 gesprochen.

Jedes Jahr kürt der Schweizer Reise-Verband (SRV) vier Talente der Reisebüro-Branche. Die «Young Talents» dürfen dann als Belohnung an der Generalversammlung im November teilnehmen, so auch in diesem Jahr bei der GV in Ras al Khaimah.

Schon vor sechs Jahren ging die GV im arabischen Raum über die Bühne und zwar in Abu Dhabi. Travelnews war im Hyatt Abu Dhabi mit dabei und wollte damals von den Young Talents 2015 wissen, was den Reiz der Reisebranche ausmacht und wie sie ihre berufliche Zukunft sehen. Viel Vorfreude auf eine Reisebranchen-Karriere war auszumachen.

«Das schönste am Reisebürojob ist, den Leuten ihre beste Zeit des Jahres zu vermitteln», sagte Melanie Frutiger von Kuoni Bärenplatz-Bern. «Jeder Tag im Reisebüro ist sehr abwechslungsreich und spannend und der Kundenkontakt gefällt mir», fand Selina Häfliger von Natural Reisen in Biel. «Ferndestinationen kenne ich noch nicht, dafür die meisten europäischen Städte», unterstrich Michelle Moonen von Hotelplan Winterthur ihr Wissen. Und Melanie Sommer von Hotelplan Bern hielt fest: «Der Job und parallel die Schule dazu sind schon sehr streng, aber wir wissen auch, dass es sich lohnt, diese Ausbildung zu machen.» Hier ist das Video vom 19. November 2015:

Was ist aus den vier damaligen Young Talents geworden, fragten wir uns neulich bei Travelnews und kontaktierten die vier Damen in den vergangenen Tagen. So einfach war das gar nicht. Denn alle vier haben die Reisebranche leider verlassen. Via Social Media oder ihre ehemaligen Arbeitgeber haben wir den Kontakt dennoch hergestellt – und erhielten ausführliche Antworten darauf, wieso die damaligen Reisebüro-Talente heute einen neuen Berufsweg eingeschlagen haben.

«Die Wertschätzung war eher gering.»

Nach ihrer Reisebüro-Lehre bei Natural Reisen in Biel heuerte Selina Häfliger als Flight Attendant bei Edelweiss Air an und blieb eineinhalb Jahre lang im Einsatz über den Wolken. Schon während jener Zeit habe sie sich dann für den Beruf der Logopädin zu interessieren begonnen – ein Medizinalfachberuf, der die Bereiche Stimme, Stimmstörung und Stimmtherapie abdeckt.

Selina Häfliger

«Es war eine tolle und lehrreiche Zeit bei Edelweiss, jedoch wollte ich die Berufsmatura nachholen. Nebenbei habe ich zu 50 Prozent im Bereich Personalwesen eine Anstellung gefunden und bin nach Abschluss der Berufsmatura auch dortgeblieben. In dieser Zeit entschied ich mich auch für eine Studienrichtung und daher werde ich voraussichtlich nächsten Herbst den Bachelorstudiengang Logopädie starten.»

Ihre Reisebüro-Zeit erachtet Selina Häfliger rückblickend als sehr abwechslungsreich und erfolgreiche Beratungen hätten ihr jeweils grosse Freude bereitet. «Es ist toll, wenn man täglich mit Reisen und der Welt zu tun hat.» Und sie vermisse das Buchungstool Galileo, lacht sie.

Aber auch die negativen Punkte verhehlt sie nicht: «Dieses grosse Wissen, welches eine Reiseberaterin oder ein Reiseberater mitbringen sollte, ist eine grosse Herausforderung. Und es kann sehr enttäuschend sein und Fragen nach dem Sinn der Reisebüro-Tätigkeit aufwerfen, wenn nach einer Beratung die Buchung dann online oder bei der Konkurrenz erfolgt.»

Oft sei man auch unsicher über das Gesagte oder das Gelesene. «Besonders bei eher kleineren Reisebüros ist die Möglichkeit Studienreisen oder unbezahlter Urlaub zu genehmigen nicht so einfach», findet Selina Häfliger. Zudem sei es sicherlich wichtig zu überdenken, ob sämtliche Reisen und Destinationen angeboten werden oder ob es Sinn macht sich zu spezialisieren, um sich zum Beispiel von Online-Anbietern abzuheben. «Persönlich für mich, war es manchmal schwierig damit umzugehen, dass die Wertschätzung eher gering und die Misserfolge bei Buchungen dafür um so grösser sind.»

«Das Online-Business macht den Reisebüro-Job schwieriger.»

Schon während ihrer Lehre bei Kuoni Bärenplatz-Bern hat Melanie Frutiger als Tourguide für die Interlaken Free Walking Tours gearbeitet. «Da hat sich dann nach meiner Ausbildung die Möglichkeit ergeben für 20 Prozent das Operationsmanagement zu übernehmen. Damals gab es in Interlaken keine freie Stelle im Reisebüro, ansonsten wäre ich gerne in dem Beruf geblieben. Mich hat dann die ausgeschriebene Stelle als Spa Rezeptionistin im Grand Hotel Victoria Jungfrau angesprochen, dies hauptsächlich, weil ich gerne Gäste aus aller Welt betreuen wollte und so meine Muttersprache Englisch im Alltag brauchen konnte. Gut ein halbes Jahr nach Stellenantritt übernahm ich dann die Administration der Spa Mitglieder und war so zuständig und Anlaufstelle für über 500 Mitglieder.»

Melanie Frutiger

Über ihre Reisebüro-Zeit, sagt sie: «Die Schwierigkeit liegt darin, den Kunden ein auf sie passendes und zufriedenstellendes Angebot zu finden, das dann auch noch ins Budget passt.» Zudem mache das Online-Business den Job schwieriger.

«Ich denke kaum, dass ich wieder in einem Reisebüro arbeiten werde. Ich glaube ein springender Punkt, wieso ich den Tourismus anders sehe als früher, war, als meine Kollegin mir Videos von Lombok geschickt hatte. Ich habe mit ihr im April 2012 einen Monat dort verbracht, es war traumhaft. Was jetzt aber durch den Tourismus daraus geworden ist, stimmt mich traurig. Ich denke im Allgemeinen müssen wir uns hinterfragen, ob viele unserer Verhaltensmuster wirklich nötig sind.»

Heute arbeitet Melanie Frutiger bei La Suisse Vitale. «Ich bin hauptsächlich für die Küche, Administration, Social Media und Verwaltung der Website verantwortlich. Wir sind ein kleines Unternehmen in Unterseen, welches sich für die Gesundheit und körperliches Wohlbefinden unserer Mitmenschen einsetzt. Hand in Hand mit dem Personal Training und Massagen, dies bietet meine Partnerin an, spielt die Ernährung natürlich auch eine entscheidende Rolle. Dazu kann man bei uns Ernährungsberatung buchen, Lunch/Dinner Packages, Detoxkuren, Gebackenes und sonstige Leckereien. Alles was wir anbieten ist vegan und glutenfrei und von mir hausgemacht.»

Momentan vermisse sie nichts. «Ich habe mich und meine Arbeit, die mich glücklich macht, gefunden und würde Stand heute daran auch nichts ändern. Ich bin nah am Menschen und kann direkt die Erfolgserlebnisse miterleben. Ich spüre, dass ich Gutes tue und Gutes unterstütze, dass fühlt sich für mich richtig an.»

«Ich hoffe sehr, dass die Branche wieder einen Aufschwung erleben darf.»

Seit drei Jahren arbeitet Michelle Moonen als Assistentin im Institut für Verwaltungs-Management (Politik) der ZHAW. Nebenbei studiert sie Unternehmenskommunikation, ebenfalls an der ZHAW.

Michelle Moonen

Auf die Frage, was sie denn bewogen habe, eine Stelle in einer anderen Branche, sagt sie: «Nach meiner Lehre, die ich 2012 begonnen hatte, war ich 2018 reif für eine neue Herausforderung. Unabhängig von der wirtschaftlichen Lage der Branche, wollte ich weg von der Beratungsfunktion und bin so in die Welt der Akademiker eingetaucht.»

Rückblickend denke sie, dass sie noch mit weniger Herausforderungen konfrontiert war, als diejenigen, welche jetzt noch in der Branche arbeiten. «Aber auch schon 2018 hat man den Druck des Internets bereits zunehmend verspürt. Man investiert sehr viel, wenn man im Reisebüro arbeitet. Viel Zeit und Emotionen. Der Lohn ist oftmals nicht gerechtfertigt, was auch einer der Gründe war, wieso ich die Branche verlassen habe.»

Wenn sie an ihre Reisebüro-Zeit denkt, sagt Michelle Moonen: «Je länger je mehr fehlt mir der Austausch mit Menschen. Ich vermisse es, Kunden glücklich zu machen und sie strahlen zu sehen. Beim Reisebüro-Job weiss man immerhin am Ende des Tages oder der Reise, wofür man gearbeitet hat.» Man habe grösstenteils mit zufriedenen Menschen zu tun.

Sie könne sich sehr gut vorstellen, wieder in die Branche zurückzukehren: «Jedoch nicht als Beraterin, sondern in der Unternehmenskommunikation, sei dies auf Seite eines Carriers, Flughafens, Swissport oder ähnlich – deshalb auch meine Studienrichtung. Ich hoffe sehr, dass die Branche wieder einen Aufschwung erleben darf. Es ist und bleibt die schönste Branche für mich.»

«Eine von persönlichen Erfahrungen geprägte Beratung ist wichtiger denn je.»

«Nach meiner Ausbildung im Reisebüro hatte ich noch nicht genug von der Schule und vor allem nicht genug von der Tourismusbranche», blickt Melanie Sommer zurück.

Melanie Sommer

«Ich habe ein dreijähriges Tourismusstudium an der Hes-So in Sierre abgeschlossen, um danach einer meiner beiden Leidenschaften – der Outgoing Branche oder der Eventbranche – nachzugehen. Schlussendlich bin ich in der Eventbranche als Hospitality Manager bei NZZ Connect (ehemals Swiss Economic Forum) gelandet.»

Wie so viele andere Arbeitnehmende, sei auch sie von der Coronakrise betroffen gewesen: «Mein Studium hatte ich im Sommer 2020 abgeschlossen. Zu dieser Zeit wurde die Outgoing Branche natürlich vor viele Herausforderungen gestellt. Vor allem die Lage in der Reisebranche hat mich auch sehr getroffen. Ich finde jedoch der SRV hat einen sehr wertvollen Beitrag zur Besserung beigetragen. Nichtsdestotrotz konnte ich der Tourismusbranche im weiteren Sinne als Hospitality Manager in der MICE Branche treu bleiben.»

Nach wie vor stelle die Digitalisierung eine der grössten Herausforderungen im Reisebüro dar, führt Melanie Sommer weiter aus: «Eine von persönlichen Erfahrungen geprägte Beratung ist wichtiger denn je, um sich von den günstigen Angeboten im Internet abzuheben. Ich bin jedoch überzeugt, dass das Klientel für die persönlichen Beratungen im Reisebüro besteht, es gilt nur dieses zu finden und sich als Touroperator an die Gegebenheiten anzupassen.»

Persönlich vermisse sie heute, dass sie in ihrer Reisebüro-Zeit täglich mit neuen Erkenntnissen zu verschiedensten Kulturen und Ländern dieser Welt konfrontiert gewesen sei: «Ich konnte jeden Tag aufs Neue einen Teil dieser Welt entdecken, auch wenn es nur vom Büro aus war. Sozusagen war ich jeden Tag ein bisschen in den Ferien. Diesen Teil vermisse ich.» Sie könne sich gut vorstellen, eines Tages in die Reisebranche zurückzukehren.