Die tierischen Verlierer der Coronakrise

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Das Fernbleiben von Touristen und ihren Guides spielt Wilderern in die Karten, Berggorillas sind gefährdet. Bild: Musiime P Muramura

Wildtiere gelten als Gewinner der Coronakrise. Mehrere Beispiele zeigen aber, dass der ausbleibende Tourismus für die Tierwelt auch dramatische Folgen haben kann. Hier ein paar traurige Beispiele, wie sich der weltweite Shutdown auch noch auswirkt.

Nicht lange ist es her, da machten Meldungen über einen Babyboom bei den Berggorillas oder die Rückkehr der Delfine nach Venedig die Runde. Auch wenn sich die Delfin-Geschichte letztendlich als «Fake News» entpuppte, so bringen Nachrichten über die sich während Absenz der Touristenmassen erholende Fauna und Flora doch etwas Licht in unsere Lockdown-Stuben.

Nur: So einfach ist es nicht. Denn während die Natur mancherorts tatsächlich ob der unverhofften Erholungsphase frohlockt (statt in Venedig darf man sich immerhin in Hongkong über die Rückkehr seltener rosa Delfine freuen), sieht die Sache für Tiere in manchen Touristendestinationen ganz anders aus.

Für die einheimische Bevölkerung Thailands stellen Affen – zumindest in den urbanen Gegenden – schon jeher mehr eine Plage als einen Segen dar. Touristen aber erfreuen sich ob den frechen Primaten, die oftmals bei gut frequentierten Tempelanlagen und anderen Sehenswürdigkeiten anzutreffen sind. Und die Besucher füttern die Affen in solch grossem Stil, dass die Affen sich keine Sorgen um die Nahrungsmittelsuche machen müssen und sich vermehren können. Seit bald einem Jahr aber fehlen in Thailand die Touristen, und mit ihnen eine wichtige Futterquelle für die Affen. Das hat natürlich böse Folgen; Schon seit dem letzten Jahr häufen sich die Berichte über aggressive Affenhorden, die auf der Suche nach Nahrung, Märkte und Dörfer überfallen. Stellvertretend ein Video aus der Stadt Lopburi in Zentralthailand.

Lahmgelegte Schlittenhunde in Lappland

Mit Schlittenhunden durch die Schneelandschaften Skandinaviens sausen – was für ein Traum. Das Abenteuer mit den fotogenen Huskys begeistert Fans aus aller Welt, entsprechend zahlreich sind die Anbieter für solche Touren. Und die Vierbeiner. Nun fehlt es den Hunden durch das Ausbleiben der Touristen nicht nur an Bewegung, sondern auch an Futter. Zahlreiche Farmen haben Spendenaufrufe gestartet.

Denn die Lage ist ernst: Zwischen 130 und 180 Tiere hält eine Husky-Farm im Schnitt, die Kosten für Futter und sonstigen Unterhalt belaufen sich gemäss «Kontiki Reisen» pro Hund und Jahr auf rund 1000 Franken – Geld, dass aufgrund der ausbleibenden Gäste nun schmerzlich fehlt. Der Schweizer Nordland-Spezialist hat deshalb eine Crowdfunding-Kampagne zur Unterstützung von Husky-Tourenanbietern in Lappland lanciert. Damit sollen mindestens zehn Anbieter unterstützt und die angemessene Versorgung der Schlittenhunde sichergestellt werden. Andere Anbieter versuchen, einen Teil ihrer Hunde an private Halter abzugeben.

Immerhin: Bei den Meldungen über Einschläferungen soll es sich nur um böse Gerüchte handeln – jedenfalls bislang.

Wilderer nutzen den Lockdown

Durch den Jobverlust wurde weltweit vielen Touristikern die Lebensgrundlage entzogen. Die besonders auf dem afrikanischen Kontinent festgestellte erhöhte Aktivität in der Wilderei ist eine traurige Konsequenz davon – und eine die zeigt, dass (Öko-) Tourismus und Artenschutz oft zusammenspielen. So etwa bei den beliebten Gorillatrekkings in Uganda: Wegen der Gefahr einer Übertragung des Corona-Virus auf die Tiere, blieb der Primatentourismus auch nach Wiedereröffnung des Parks ausgesetzt. Das Fernbleiben von Touristen und ihren Guides spielt Wilderern in die Karten; Im Juli wurde der Silberrücken «Rafiki», das Leittier einer lokalen Berggorillagruppe, tot aufgefunden. Das mächtige Tier musste wohl aufgrund eines unglücklichen Zusammenstosses mit einem Wilderer auf der Jagd nach anderen Tieren sterben. Auch in Südafrika ist die Sorge gross, dass die Pandemie die Wilderei (wieder) beflügelt.

Schon im April hatte die Organisation «Wildlife Justice Commission» vor den möglichen Corona-Auswirkungen auf die Wilderei gewarnt. Hatten die Grenzschliessungen vorerst die Hürden zum internationalen Schwarzhandel mit Elfenbein und Co. erhöht, wurde für die Zeit danach eine erhöhte Tätigkeit vorausgesagt. Kriminelle Netzwerke würden die Schliessung von Parks und die damit einhergehende verminderte Präsenz von Behörden ausnutzen, hiess es einer entsprechenden Medienmitteilung. Alarmiert ob diesen Aussichten, griffen die Nationalparkbehörden im Nordwesten Südafrikas letzten Sommer zu drastischen Mitteln; in drei Schutzgebieten wurden sämtliche Nashörner ausfindig gemacht. Mitarbeiter sägten den Dutzenden von Tieren die Hörner ab – vorsorglich sozusagen, da sie dadurch für Wilderer wertlos wurden.

Fischerei in Schutzzonen

«Gewildert» wird aus Not und Opportunität heraus derzeit auch wieder vermehrt in den Weltmeeren – dort, wo der aus dem Tourismus finanzierte Meeresschutz nicht mehr gewährleistet ist.

In Küstengebieten, wo sich normalerweise Taucher und Schnorchler ob farbigen Riffen und reichen Fischgründen erfreuen, fehlt es den Menschen aktuell an Arbeit. Einheimische, die ob dem Reisestillstand erhebliche Anteile ihres Einkommens oder gar ihren Job verloren haben, wenden sich notgedrungen nun auch vermehrt (wieder) dem Fischfang zu, sei es als alternative Einkommensquelle oder auch «nur» um wortwörtlich die eigene Familie zu ernähren.

«Tourismus sichert weltweit Arbeitsplätze und Existenzen. Dort, wo dies achtsam geschieht, wurde die Bevölkerung über Jahre sensibilisiert, dass ein lebendiger Fisch weit mehr wert ist, als ein toter», erklärt Thomas Meier, Geschäftsführer von Manta Reisen.

Dass das Wegbleiben von Feriengästen dem nun entgegenwirkt, zeige, wie ein koordinierter und gut regulierter Tourismus durchaus einen Beitrag zu Schutz und Unterhalt der Unterwasserwelt beitragen könne. «Mit sinkender Präsenz von Touristen und Behörden steigt das Risiko markant, dass auch an geschützten Fischgründen gefischt wird oder vermehrt auch wieder auf verheerende Methoden wie die Dynamitfischerei gesetzt wird», so Meier weiter.

Am verheerendsten sind die illegalen Aktivitäten der industriellen Fischerei, die nun in den weniger stark kontrollierten Gewässern ebenfalls ihre Chance wittert. Mit ihren Methoden ziehen sie oftmals auch viel Beifang – Haie, Rochen, Delfine – an Bord.

In Indonesien wurden schon kurz nach Beginn des dortigen Lockdowns Schiffe aus anderen Nationen angehalten, die sich verbotenerweise in die fischreichen Gewässer begeben hatten. Ähnliche Meldungen gibt es auch aus den Philippinen, Brasilien oder der Karibik. Im Grenzgewässer der ecuadorianischen Galàpagosinseln – ein für seine ausgesprochene Artenvielfalt bekanntes und geschütztes Archipel – wurde während der Touristenflaute im letzten Sommer eine Flotte chinesischer Industriefischerei-Schiffe gesichtet. Dass bei der Küstenwache Alarm geschlagen wurde, hat einen Grund: 2017 waren auf einem solchen Schiff nämlich Tausende, illegal in den geschützten Gewässern gefischte Haie konfisziert worden.

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