Hotellerie

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Einwurf Ernüchternder Blick über den Tellerrand

Von Jan Stiller

Eine Standesaufnahme des Schweizer Spitzenhoteliers Jan Stiller zeigt: in nordamerikanischen Hotels fehlt es an Vielem.

«Zu teuer», «zu unpersönlich», «zu unfreundlich» oder «nicht innovativ»: Die Schweizer Hotellerie muss zumindest im Inland regelmässig als Prügelknabe herhalten und Kritik einstecken. Nicht selten wird man als «Jammeri» abgestempelt, wenn man auf die erschwerten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hinweist mit der die Schweizer Hotellerie zu kämpfen hat, oder wenn man es gar wagt, mit dem Finger auf andere zu zeigen.

Obwohl ich grundsätzlich von der Qualität und auch der Gastfreundschaft unserer Hotellerie überzeugt bin, perlt diese Kritik nicht einfach an mir ab. Zumindest im Lenkerhof sehen wir konstruktive Kritik immer auch als Chance, uns zu verbessern und als Anlass, einen Blick über den Tellerrand zu wagen. Folglich freute ich mich Mitte Oktober sehr auf die 25 Tage in kanadischen und US-amerikanischen Hotels, die ich vor mir hatte.

Inklusive? Von wegen

Hoteliers dienen Reisen, egal ob private oder geschäftliche, immer auch zur Weiterbildung und Inspiration. Betrete ich ein fremdes Hotel, sauge ich alles auf, was besser oder zumindest anders gemacht wird. Eifrig notiere ich jeweils in meinem Tagebuch, was mir aufgefallen ist. Dabei bleibt auch hängen, was weniger gut läuft…

Hier ein Auszug aus meinem Hoteltagebuch der 25 Tage in nordamerikanischen Hotels (3- bis 5-Sterne-Häuser, darunter namhafte Ketten):

  • Ein halber Liter Wasser im Zimmer kostete zwischen 6 und 12 Franken (in einem einzigen Hotel war es kostenlos).
  • Taxen, Steuern und teilweise Resortabgaben wurden immer zusätzlich zur Hotelübernachtung verrechnet. Pro Nacht waren das noch einmal 35 bis 60 Franken.
  • Das inkludierte Internet reichte maximal zum Versenden von E-Mails ohne Anhang. Für die höhere Geschwindigkeit musste ich 8 bis 15 Franken pro Tag bezahlen, oder in Starbucks ausweichen. In einem Hotel gab es gar kein Internet.
  • Frühstück war nur in einem einzigen 5-Sterne-Hotel inklusive und auch dort nur bis 9 Uhr. In allen anderen Häusern bezahlte ich für Rührei, Speck und Würstchen zwischen 25 und 50 Franken... mit dem freundlichen Hinweis, dass der Service «not included» ist und 15% Trinkgeld erwartet wird.
  • Parkieren konnte ich in keinem Hotel kostenlos. Ich bezahlte zwischen 20 und 58 Franken pro Tag. Wenn ich eine Nacht blieb, bezahlte ich teilweise für zwei Tage.
  • Obwohl überall schön auf die Nachhaltigkeit hingewiesen wird, wurden alle Zimmer für zwei Personen vorbereitet.
  • Während des ganzen Aufenthaltes erhielt ich nur ein «Bettmümpfeli».
  • Slippers scheint es ennet dem Teich nicht zu geben. Nicht mal im Wellnesshotel, auch nicht im 5-Sterne-Hotel.
  • Einen Gepäck-Service gab es in der Regel auch nicht. In einem Hotel wurde der Dienst gegen Gebühr angeboten.
  • Persönliche Karten oder Blumen: ebenfalls Fehlanzeige in den meisten Hotels.

Ich könnte die Liste mit kleinen und grossen Infrastrukturmängeln fast beliebig erweitern. Sie verstehen sicher, dass ich mir – so sehr ich die Reise auch genossen habe – in vielen Fällen nichts sehnlicher wünschte als einen Hauch dieser vielgescholtenen Schweizer Hotel-Qualität.

Die Reise nach Nordamerika hat mir einmal mehr gezeigt, dass wir in der Schweiz unter erschwerten Bedingungen Höchstleistungen erbringen und unsere Hotels in der Königsklasse spielen!