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SRV-Präsident Martin Wittwer spricht beim Blick auf den Nahostkrieg von riesigen Herausforderungen für die Reisebranche. Bild: TN

«Ein Super-Gau für die Reisebranche»

Gregor Waser

SRV-Präsident Martin Wittwer äussert sich zu den Kriegshandlungen im Nahen Osten und den Auswirkungen auf Reisebüros und Reiseveranstalter.

Herr Wittwer, wie schätzen Sie den aufgeflammten Nahostkrieg ein?

Martin Wittwer: Das ist eine Veränderung der Weltpolitik und Kräfteverhältnisse, die sich vor unseren Augen abspielt. Für den Tourismus ist dies eine Riesenherausforderung und ein eigentlicher Super-Gau. Das Problem ist, die Zeitachse ist unklar, und verlässliche kurz-, mittel- oder langfristige Perspektiven fehlen.

Wie beurteilen Sie den Schaden für die Tourismusindustrie?

Es liegen massive Reise- und Flugstörungen vor. Es gehen zahlreiche Stornierungen ein, gleichzeitig rät das EDA von Reisen in betroffene Gebiete ab. Und wir wissen nicht, welche Entwicklungen zu erwarten sind.

Wo liegen die Herausforderungen für die einzelnen Player? Die Reisebüros, die Reiseveranstalter und den Schweizer Reise-Verband?

Aus Sicht des Schweizer Reise-Verbands liegt eine Herausforderung darin, die politische Entwicklung, die rechtlichen Aspekte wie das Pauschalreisegesetz und das Kundenwohl in Einklang zu setzen. Dann stellt sich die Frage, wie wir Reisende zurückführen und wie wir das kurzfristig organisieren können. Erschwerend ist, dass die Informationen nur tröpfelnd eintreffen, wer nun wann die Flüge wieder aufnimmt. Die Leute zurückzuholen, ist für die Reisebranche jedenfalls eine riesengrosse Herausforderung. Drittens geht es um die Reisenden, die vor einer Abreise stehen. Dabei geht es um die Reisehinweise und die Kostenfrage für die Branche, wenn es um Stornierungen geht.

«Abklären, umbuchen, stornieren ... da fällt viel kostenlose Arbeit an.»

Was sagen Sie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen?

Die sind enorm für Reisebüros und Reiseveranstalter. Abklären, umbuchen, stornieren ... da fallen grosse Kosten an, respektive viel kostenlose Arbeit. Gleichzeitig werden zahlreiche Buchungen, die bereits gesichert schienen, wieder annulliert werden.

Welche Rolle spielt der SRV in diesen Tagen?

Ein wichtiges Thema sind sicherlich die Reisehinweise des EDA und die rechtliche Auslegung des Pauschalreisegesetzes. Hier stellen sich viele Detailfragen. Was bedeutet es, wenn das EDA von Reisen in ein bestimmtes Land abrät, die Airline jedoch weiterhin fliegt? Bei solchen Fragen möchten wir unsere Mitglieder insbesondere mit proaktiver Kommunikation unterstützen, dass sie die richtigen Entscheide fällen können.

Was passiert nun im Detail mit einer Buchung nach Dubai mit Abreise in zehn Tagen – bei gleichzeitigem EDA-Reisehinweis, nicht zu reisen?

Liegt ein ausdrückliches Abraten des EDA vor, kann der Kunde in der Regel kostenfrei vom Vertrag zurücktreten. Die Kosten liegen dann beim Veranstalter, wenn die Airline trotzdem fliegt. Somit wäre es für die Branche, wie etwa im Beispiel von Oman, besser, wenn kein Abraten des EDA vorliegt. Wenn dann der Kunde annullieren möchte, fallen die Annullierungskosten beim Kunden an. Diese rechtlichen Feinheiten zu verstehen, ist auch für die Reiseprofis im Kundengespräch nicht immer ganz einfach. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die EDA-Kommunikation stets ändern kann. Gut ist, dass wir mit dem EDA stets in Verbindung sind und aktuell informiert werden und auch unsere Sichtsweise einbringen können. Für Reiseberaterinnen und - berater ist es wichtig, die EDA-Reisehinweise im Auge zu behalten, um basierend darauf mit dem Kunden reden zu können.

Beschäftigen Sie weitere Aspekte?

Die Kunden, die bei einem Reisebüro gebucht haben, profitieren von einem vollumfänglichen Support und einer Betreuung. Und dies wird sich hoffentlich auf künftige Buchungen auswirken. Aber klar: der Aufwand und die Kosten, die die Reisebranche aktuell auf sich nehmen muss, sind immens.