Travel Tech

Mathis Boldt ist seit 2023 CEO des Travel-Tech-Unternehmens Giata. Bild: Giata

«Wir sind die Schweiz des Tourismus»

Jonathan Spirig

Ohne Giata würde ein grosser Teil der globalen Hotelbuchungen nicht funktionieren. Trotzdem kennt kaum jemand das deutsche Unternehmen. CEO Mathis Boldt erklärt, warum Giata nun stärker in den Vordergrund tritt und weshalb konsistente Hoteldaten für die Branche immer wichtiger werden.

Herr Boldt, Sie vergleichen Giata gerne mit der Schweiz. Was meinen Sie damit genau?

Mathis Boldt: Wir sind neutral, präzise und vertrauenswürdig – genau wie die Schweiz. Wir betreiben bewusst keine eigene Buchungsplattform, sondern stellen nur die Infrastruktur zur Verfügung. Nur so können wir neutral mit allen Marktteilnehmern zusammenarbeiten – auch mit direkten Wettbewerbern wie Booking, Expedia oder Airbnb.

Wie erklären Sie einem Endkunden in wenigen Worten, was Giata eigentlich macht?

Vereinfacht gesagt sorgen wir dafür, dass ein Hotel im Internet überall eindeutig erkannt wird. Wir haben jedem Hotel weltweit eine eigene Giata-ID zugewiesen. Diese wird von der gesamten Reiseindustrie genutzt, um über genau dieses Hotel zu kommunizieren – egal ob auf Vergleichsportalen, bei Veranstaltern oder auf Buchungsplattformen. Ohne eine solche eindeutige Zuordnung würden viele Systeme deutlich weniger effizient funktionieren.

Können Sie das etwas greifbarer machen?

Nehmen Sie ein Vergleichsportal wie Skyscanner: Dort werden Angebote aus unterschiedlichsten Quellen zusammengeführt. Damit das funktioniert, muss klar sein, dass es sich bei allen Angeboten um dasselbe Hotel handelt. Genau das ermöglichen wir mit unserer Technologie und unseren Daten.

«Wir stellen Informationen zu mehr als 900’000 Hotels bereit»

Wie gross ist diese Datenbasis inzwischen?

Wir arbeiten mit über 500 Datenquellen weltweit zusammen und stellen Informationen zu mehr als 900’000 Hotels in mehreren Sprachen bereit. Dadurch haben wir einen sehr breiten Einblick in die Hoteldistribution. Unsere Systeme werden täglich mit aktuellen Daten gespeist – und das seit über 20 Jahren. Ein grosser Teil ist automatisiert, gleichzeitig überprüft ein Team von rund 15 Personen Datensätze manuell. Unsere zentralen Versprechen sind Geschwindigkeit und hohe Datenqualität.

Wo liegen die grössten Probleme bei Hoteldaten?

Trotz dieser grossen Datenbasis gibt es in der Branche nach wie vor zentrale Herausforderungen. Häufig ist der Content unvollständig oder widersprüchlich, weil Anbieter keinen direkten Zugang zu den Hotels haben. Das führt dazu, dass Informationen wie Ausstattung, Zimmerkategorien oder Beschreibungen nicht konsistent sind. Genau hier setzen wir an und sorgen für Einheitlichkeit.

Auftritt an der weltgrössten Tourismusmesse: Mathis Boldt referiert an der ITB Berlin. Bild: Giata

Ihre Daten werden also branchenweit genutzt?

Ja, praktisch die gesamte Distributionswelt arbeitet mit unserer ID und den zugehörigen Daten. Wir sind eine Art unsichtbare Infrastruktur hinter einem grossen Teil der Hotel- und Pauschalreisebuchungen. Auch grosse Plattformen und Reiseanbieter greifen darauf zurück – oft ohne, dass der Endkunde das überhaupt bemerkt. In der Branche hat sich Giata damit als eine Art Gold-Standard etabliert.

Giata war lange im Hintergrund tätig. Warum suchen Sie jetzt mehr Sichtbarkeit?

In der Distributionswelt kennt man uns sehr gut, bei den Hotels selbst hingegen weniger. Dabei verfügen wir über sehr umfangreiche Daten und Informationen – oft mehr, als ein Hotel selbst hat. Lange hatten wir allerdings kein eigenes Produkt für Hotels. Das hat sich mittlerweile geändert, weshalb wir nun auch direkter in Erscheinung treten.

Ein Schritt in Richtung «mehr Sichtbarkeit» war der Kauf des Hotelrankings «101 Beste Hotels» von Carsten K. Rath. Wie erklären Sie diesen Schritt – und warum passt das Ranking zu Ihrem Unternehmen?

Aus zwei Gründen: Erstens wollen wir näher an die Hotels heranrücken, insbesondere an Einzelhotels. Zweitens passt die Marke perfekt zu uns, weil sie für Neutralität steht und stark datenbasiert ist – genau wie wir. Gleichzeitig haben wir die klare Ambition, das Ranking international auszubauen und stärker zu vermarkten.

Was bieten Sie Hotels, die mit Ihnen zusammenarbeiten, konkret an?

Mit unserer Plattform ermöglichen wir Hotels, ihre Inhalte zentral zu pflegen. Statt Informationen auf zahlreichen Plattformen einzeln zu aktualisieren, machen sie das einmal bei uns – und wir verteilen es in die relevanten Kanäle. Das schafft Konsistenz und spart viel Aufwand.

«Hotels, die diesen Zug verpassen, werden künftig weniger häufig gefunden werden»

Wie gross ist die «Reichweite» eines Hotels heute denn?

Viele Hoteliers denken, sie seien auf 15 bis 20 Plattformen präsent. Tatsächlich sind es im Schnitt rund 160 Kanäle – inklusive Wiederverkäufer und B2B-Systeme. Und genau dort fehlt häufig die Kontrolle über Inhalte und Darstellung.

Was kostet Ihr Angebot für ein Hotel?

Das hängt von der Grösse ab, aber für ein typisches Einzelhotel sprechen wir von rund 1000 Euro pro Jahr. Dafür erhält es die Möglichkeit, seine Inhalte zentral zu steuern – inklusive Ausspielung auf Plattformen wie Booking sowie an Reiseveranstalter und Reisebüros und eine strukturierte Datenbasis für eigene KI-Anwendungen. Es ist wichtig zu verstehen, dass KI nur so gut ist, wie die dahinterliegenden Daten und hier hat die Hotellerie Nachholbedarf.

Was verändert sich dadurch für Ihr Unternehmen?

Wir haben eine eigene Unit mit mittlerweile rund zehn Personen aufgebaut, die sich gezielt um Hotels kümmert. Die Ansprache ist eine andere als in der B2B-Distributionswelt. Das ist seit meinem Stellenantritt im Jahr 2023 ein klarer Wachstumsbereich für uns.

Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz in Ihrem Geschäft?

Eine immer grössere. Suchanfragen werden viel spezifischer – etwa nach der Grösse eines Pools oder ob ein Hotel über bestimmte Ausstattungsmerkmale verfügt. Wir sammeln und strukturieren genau solche Informationen und stellen sie den grossen KI-Systemen wie Google Gemini zur Verfügung. Dafür ist es entscheidend, dass die Daten aktuell und vollständig sind. Hotels, die diesen Zug verpassen, werden künftig weniger häufig gefunden werden.

Wo sehen Sie Giata in den nächsten Jahren?

Wir wollen unsere Rolle als globaler Standard weiter ausbauen – sowohl in der Distributionswelt als auch bei den Hotels selbst. Unser Ziel ist klar: Wir wollen sicherstellen, dass Hoteldaten weltweit konsistent, korrekt und kontrollierbar sind und damit auch in einer zunehmend KI-getriebenen Reisebranche verlässlich bleiben. Oder anders gesagt: Wir bleiben die neutrale Instanz im Hintergrund – die Schweiz des Tourismus.