Services

Maschinenbau-Ingenieur Dieter Schmidli hat in seiner Freizeit Viativity entwickelt. Die App bündelt verschiedene Ansätze, die bei Reiseübelkeit helfen sollen. Bilder: zVg

Diese Schweizer App soll gegen Reiseübelkeit helfen

Reto Suter

Eine neue App soll Reiseübelkeit, Seekrankheit und Flugangst lindern. Entwickler Dieter Schmidli erklärt im Travelnews-Interview, auf welche Methoden er setzt, was erste Tests zeigen und weshalb er ausdrücklich keine Heilversprechen abgibt.

Manche vertragen als Mitfahrer kaum drei Kurven auf einer Passstrasse, bevor sich der Magen meldet. Andere kämpfen bei starkem Wellengang auf dem Schiff mit Übelkeit. Und dann gibt es noch jene, die im Flugzeug bei Turbulenzen schnell kreidebleich werden, womöglich zusätzlich verstärkt durch Flugangst.

Gegen Reiseübelkeit gibt es bei Ärzten und in Apotheken allerlei Helfer: Tabletten, Kaugummis, Kapseln, Pflaster oder Zäpfchen. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Dieter Schmidli. Der Maschinenbau-Ingenieur hat in seiner Freizeit eine App programmiert, die bei Reiseübelkeit, Seekrankheit und Flugangst helfen soll: Viativity.

Die App ist komplett werbefrei, sammelt keine Daten und funktioniert zu 100 Prozent offline. Seit einigen Wochen ist sie im Apple App Store und im Google Play Store erhältlich.

Travelnews wollte von Dieter Schmidli wissen, wie die App gegen Übelkeit und Ängste helfen soll, was ihn zu diesem ungewöhnlichen Projekt bewogen hat und welche Rückmeldungen die ersten Nutzerinnen und Nutzer geben.

Herr Schmidli, wie kommt ein Maschinenbau-Ingenieur auf die Idee, eine App gegen Reiseübelkeit zu entwickeln?

Dieter Schmidli: Auslöser war ein Zeitungsartikel über eine Studie der Nagoya University: Diese zeigte, dass ein spezifischer 100Hz-Ton das Gleichgewichtssystem unterstützen und die gefühlten Symptome von Reiseübelkeit bei Probanden um bis zu 50 Prozent reduzieren kann. Von diesem Ansatz hatte ich zuvor noch nie gehört, und er faszinierte mich sofort: Als Kind litt ich extrem unter Reisekrankheit. Schon kurze Autofahrten waren eine Qual. Da bei uns eine Familienreise nach Sardinien inklusive Fährüberfahrt anstand, dachte ich, so eine digitale Hilfestellung auf dem Handy wäre genial.

Und weil Sie keine passende App gefunden haben, haben Sie kurzerhand selbst eine entwickelt?

Genau. Im App Store fand ich keine passende Lösung, und bei meinem Arbeitgeber fanden zeitgleich Schulungen zu Künstlicher Intelligenz statt. Ich nutzte die Chance, mir die App-Entwicklung in meiner Freizeit mit KI-Unterstützung selbst beizubringen. Eine App mit «nur» dem 100Hz-Ton war mir jedoch zu wenig: Ich nutzte KI, um Studien nach weiteren wissenschaftlich beschriebenen Wirkmechanismen zu durchsuchen und diese in der App zu implementieren. Wichtig ist mir: Viativity ist eine Wellness-App und kein Medizinprodukt. Sie gibt keine Heilversprechen, bietet aber Werkzeuge, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen.

«Am spannendsten finde ich den künstlichen Horizont»

Wie lange haben Sie an Viativity gearbeitet, bis die App veröffentlicht werden konnte?

Die ersten Arbeiten begannen im Sommer 2025, zunächst noch sporadisch. Von Anfang 2026 bis April investierte ich dann viele Wochenenden und unzählige Abende und Nächte intensiv in die Entwicklung der App. Anschliessend verlagerte sich ein Teil der Arbeit auf die Website: Sie soll Viativity im Netz sichtbar machen, die verschiedenen Werkzeuge verständlich erklären und zugleich Hintergrundwissen rund um Reisekrankheit vermitteln.

Wie viel Zeit investieren Sie aktuell ins Projekt?

Nach der Veröffentlichung der iOS-Version im April 2026 investierte ich im Mai und Juni viel Zeit in die geschlossene Testphase für Google Play. Mithilfe der Rückmeldungen der Tester konnte ich Fehler beheben und die App weiter verfeinern, bevor im Juni auch die Android-Version erschien. Seither liegt mein Fokus darauf, Viativity bei Bloggern, Fachportalen sowie Akteuren aus der Reise- und Gesundheitsbranche bekannter zu machen und die App kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Gerade Kinder leiden häufig unter Reiseübelkeit. Die App Viativity bündelt verschiedene Methoden, die unterwegs bei aufkommenden Beschwerden helfen sollen. Bild: Adobe Stock

Welche der Funktionen halten Sie persönlich für die spannendste?

Am spannendsten finde ich persönlich den künstlichen Horizont. Er macht auf eindrückliche Weise sichtbar, wie man dem Gehirn in einer fensterlosen Innenkabine oder unter Deck die fehlende optische Bewegungsinformation zurückgibt. Manche Schiffsreisende behelfen sich unter Deck bisher mit einer halb gefüllten Wasserflasche auf dem Tisch oder speziellen Flüssigkeitsbrillen, um die Schiffsbewegung sichtbar zu machen. Der künstliche Horizont in der App ist quasi die moderne, digitale Übersetzung dieses Prinzips direkt auf dem Display. Das war technisch auch die grösste Herausforderung: Die Bewegung der Smartphone-Sensoren muss absolut verzögerungsfrei auf den Bildschirm übertragen werden, ohne bei feinen Schiffs-Vibrationen zu zittern.

«Die App bündelt alle Möglichkeiten an einem Ort»

Sie sind Maschinenbau-Ingenieur und kein Mediziner. Wie stellen Sie sicher, dass die in der App vermittelten Methoden wissenschaftlich ausreichend abgestützt sind?

Ich habe KI-gestützte Recherchen (Deep Research) genutzt, um wissenschaftliche Literatur und Fachstudien gezielt zu identifizieren und die Wirkmechanismen bei Kinetose zu analysieren. Als Ingenieur bin ich es gewohnt, mich strukturiert in neue Fachgebiete einzudenken und analytisch an Problemstellungen heranzugehen. Die Rechercheergebnisse habe ich eigenständig ausgewertet und mir überlegt, wie sich diese Prinzipien technisch in einfache, intuitive Werkzeuge übersetzen lassen.

Wie muss man sich diese Werkzeuge konkret vorstellen?

Einige Funktionen wie die P6-Akupressur wirken auf den ersten Blick sehr simpel. Im Grunde handelt es sich um eine anschauliche Grafik mit einem Timer. Man könnte den Druckpunkt zwar auch ohne App stimulieren oder spezielle Akupressur-Bänder wie das bekannte Sea-Band nutzen. Doch Extra-Equipment hat man unterwegs selten zur Hand oder vergisst es im Koffer. Das Smartphone ist hingegen meist griffbereit: Die App bündelt alle Möglichkeiten an einem Ort. So macht sie einem die verschiedenen Handlungsoptionen im Akutfall überhaupt erst wieder bewusst, und man wendet sie auch tatsächlich an.

Andere Werkzeuge wie die 100Hz-Audio-Modulation oder der künstliche Horizont sind technisch deutlich komplexer, in der Anwendung aber genauso unkompliziert gehalten. Die Ideen, Inhalte und das Design stammen komplett von mir.

«Erste positive Bewertungen in den Stores und das Blogger-Feedback stimmen mich sehr zuversichtlich»

Die App verspricht Hilfe bei Reiseübelkeit, wurde aber bisher nicht medizinisch auf ihre Wirksamkeit geprüft. Wie aussagekräftig waren die bisherigen Tests?

Vor der Veröffentlichung im Play Store gab es einen geschlossenen Test mit Freiwilligen aus Foren, Linkedin und meinem Umfeld – darunter Betroffene aus Kreuzfahrt-Communitys sowie eine Krankenschwester. Dieser Testlauf ist von Google vorgeschrieben, wobei ganz klar die technische Stabilität im Vordergrund stand und nicht die wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit.

Haben Sie Viativity inzwischen auch selbst in einer konkreten Situation eingesetzt?

Ja, eine eindrückliche Erfahrung hatte ich diesen Sommer: Unserem Sohn wurde in einem überfüllten, stickigen Bus während der Fahrt sehr schlecht. Ich habe mit ihm die geführte 4-2-6-Atemübung gemacht und gleichzeitig den P6-Punkt am Handgelenk massiert – ihm ging es rasch deutlich besser.

Aktuell testen zudem einige Reiseblogger den künstlichen Horizont auf anstehenden Schiffsreisen. Auf deren Rückmeldungen aus der Praxis bin ich sehr gespannt. Grundsätzlich gilt: Kinetose ist sehr individuell, und jeder Mensch reagiert anders auf die verschiedenen Wirkmechanismen. Was dem einen sofort hilft, schlägt beim anderen vielleicht weniger an. Genau deshalb bündelt Viativity verschiedene Ansätze. So kann jeder unterwegs unkompliziert ausprobieren, welche Werkzeuge persönlich am besten helfen.

Leiden Sie selbst noch ab und zu an Reiseübelkeit, Seekrankheit oder Flugangst?

Heute wird mir im Postauto oder Zug gelegentlich leicht übel, insbesondere beim Rückwärtsfahren oder wenn ich als Beifahrer im Auto auf eine Karte oder das Handy schauen muss. Mit Viativity möchte ich Reisenden, besonders Familien und Kindern, genau diese Erfahrung ersparen. Die App strukturiert die Methoden übersichtlich in Soforthilfe für den Akutfall und Prävention – ergänzt durch praktische Reisetipps.

Wie viele Nutzerinnen und Nutzer hat die App bisher erreicht?

Da Viativity noch sehr neu ist, ist die Nutzerzahl aktuell eher bescheiden und liegt bei etwas über 30 Personen. Mein Ziel ist es nun, die App über ehrliches Feedback von Nutzerinnen und Nutzer, Medien und Bloggern bekannt zu machen. Erste positive Bewertungen in den Stores und das Blogger-Feedback stimmen mich bereits sehr zuversichtlich.