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Das Bedürfnis nach Reisen wird im nächsten Jahr nicht verschwunden, sondern stärker denn je sein, schreibt Vanessa Bay. Bild: Adobe Stock

Einwurf Kopf hoch!

Von Vanessa Bay

Die Monate der Talfahrt, der Buchungsflaute und des Jammerns haben die Schweizer Reisebranche paralisiert. Unsere Autorin findet: Zeit, uns wieder aufzurappeln.

Den Mainstream der kollektiven Depression in unserer Branche werde ich heute verlassen. Das ist riskant, denn diese Depression ist ja nun wirklich bestens begründet durch objektive Probleme, Widrigkeiten und existenzielle Nöte. Weiter werde ich eine Prognose wagen. Das ist vor allem dann riskant, wenn sie sich auf die Zukunft bezieht, wie wir von Mark Twain wissen. Doppeltes Risiko also – aber wie immer: no risk, no fun.

Also dann: Ich behaupte, dass ab Mitte Januar 2021 alles besser wird in unserer Branche. Erstens wird es ein neues Jahr sein, und wir werden das alte geistig abschreiben und protokollarisch im untersten Fach unseres Archivs ablegen. Zweitens wird sich in der Welt neue Hoffnung zeigen, zumindest was die USA betrifft, denn die Senatsnachwahl in Georgia wird vorüber sein und es wird auch dem letzten klar sein, dass am 20. Januar eine neue Ära beginnt und wir politisch wieder einmal durchatmen können. Drittens wird es eine weltweite berechtigte und in nützlicher Frist absehbare Hoffnung auf einen Covid-Impfstoff geben, den ausser den notorischen Impfgegnern wohl sehr viele Menschen freudig begrüssen werden. Viertens werden die Tage wieder länger und die Aare wieder wärmer. Fünftens haben sich die Ferienbudgets vieler Menschen durch den erzwungenen Verzicht dieses Jahres entspannt. Sechstens wird das Bedürfnis nach Reisen nicht nur nicht verschwunden, sondern stärker sein denn je. Von einem Nachholeffekt kann ausgegangen werden. Und siebtens ist es unwahrscheinlich, dass gleich wieder eine neue Pandemie ausbricht und die Welt auf Feld eins zurückwirft.

Die Flut hebt alle Boote gleichermassen: All diese Faktoren werden gemeinsam dafür sorgen, dass eine neue Aufbruchsstimmung entsteht, in der unser Geschäft wieder gedeihen kann. Doch es gibt ein Aber: Die Sache klappt nur, wenn wir dann bereit sind für ein «Kopf hoch». Wenn wir in der pessimistischen Haltung verbleiben und erstarren, wonach eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, dann stärkt das vielleicht unsere Bittstellerposition in Bern, aber es hindert uns daran, die Chance auf Wiederauferstehung zu packen. Auch für neue Ideen ist Pessimismus kein fruchtbarer Boden. Schon jetzt – das wage ich zu behaupten – trägt unsere Weltuntergangshaltung dazu bei, dass auch noch dem letzten potenziellen Reisekunden die Lust auf touristische Aktivitäten vergeht. Denn er hört sogar von uns Profis (ich schliesse mich mit ein), dass kein Mensch mehr etwas buche in diesen Zeiten. Dass das jetzt so ist – ja, klar, okay! Aber wir müssen aufhören damit! Wenn es im von mir angekündigten Januaraufbruch immer noch so ist, dann wird die Flut nur alle anderen Boote steigen lassen, während der Tourismus auf dem Abgrund der Depression fest verankert bleibt und sang- und klanglos im steigenden Wasser untergeht.

Bis zum Aufschwung sind es nur noch zwei Monate. Bis da müssen wir unsere innere Haltung auf «Kopf hoch!» bringen.

Man soll nichts einfach gesundbeten und schönreden. Das klappt nicht. Andererseits wissen wir, dass man gewisse Dinge «zum Leben ersingen» muss, wie das Bruce Chatwin in seinem wunderbaren Buch «The Songlines» (dt.: «Traumpfade») von den australischen Aborigines berichtet, die Jahr für Jahr im dortigen Frühling imaginäre Linien abschreiten, um die Natur mit rituellen Gesängen wieder neu zum Leben zu erwecken. Darin steckt viel Weisheit, und wir tun gut daran, darauf zu setzen. Wer, wenn nicht wir Reise- und Tourismusprofis, könnten aufgerufen sein, das richtige Lied dafür zur richtigen Zeit anzustimmen? Aber wir müssen gemeinsam, vernehmlich, versöhnlich und harmonisch klingen. Ein Chor gegenseitiger Beschimpfungen, Empörungen und Schuldzuweisungen dürfte die Götter kaum gnädig stimmen …

Und da ist dann noch ein zweites Aber: Meine hoffnungsfrohe Prognose wird nur dann eintreffen, wenn wir mit dem «Kopf hoch!»-Ansatz nur die pandemiebedingten Probleme anpacken. Es gibt jedoch unzweifelhaft auch andere, strukturbedingte Probleme. Diese können nicht aus der Welt gewünscht oder gesungen werden. Die australischen Aborigines sind mit ihren Gesängen auch nicht in der Lage, abgestorbene Bäume und Pflanzen wieder zum Blühen zu bringen. Und wiederum sind wir Reise- und Tourismusprofis aufgerufen. Wir müssen deutlich machen und klar benennen, was Pandemieschäden und was langjährig gewachsene Strukturprobleme sind. Und wir dürfen nicht zulassen, dass letztere im Windschatten der ersteren ihr Siechtum noch weiter verlängern.

Die Zeit wird knapp. Bis zum Aufschwung sind es nur noch zwei Monate. Bis da müssen wir unsere innere Haltung auf «Kopf hoch!» bringen und die Strukturprobleme in unserer Branche beim Namen nennen. Wir müssen wieder selbst schwimmen – und nicht mehr nur Notrufe absetzen (so berechtigt sie auch gewesen sind).

Wir alle müssen dafür sorgen, dass es in keinem Fall wir selbst sind, die den Moment verpassen, wo es aufwärts gehen könnte. Wir müssen aber selbst daran glauben, es nach Kräften «besingen» und unsere Energie auf alle die Bereiche in unserer Branche fokussieren, die eine langfristige Perspektive verdient haben.

Kopf hoch, liebe Kolleginnen und Kollegen!

PS: Diesen Einwurf adressiere ich auch an meine eigene Adresse.