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Das Thomas-Cook-Aus hat nicht nur erhebliche Folgen in den Hauptmärkten Grossbritannien und Deutschland. Auch Zielländer wie die Türkei und Spanien fürchten die Auswirkungen der Pleite. Bild: Adobe Stock

Thomas Cooks Ende und die dramatischen Auswirkungen

Reisende, Mitarbeitende und Branchenpartner sind massiv betroffen von der Thomas-Cook-Pleite. Das sind die jüngsten Entwicklungen um das Ende von Europas zweitgrösstem Reiseveranstalter.

So präsentiert sich die Situation in der Schweiz

Seit Montagmorgen wird Thomas Cook in Grossbritannien vom Insolvenzverwalter geführt. In Deutschland befindet sich die Firma zwar im Insolvenzverfahren, ist aber noch nicht Konkurs. Dasselbe gilt auch für die Schweiz.

In einer Mitteilung schreibt der Schweizer Reise-Verband (SRV): «Ob bevorstehende Reisen für in der Schweiz gebuchte Passagiere noch angetreten werden können, ist eher unwahrscheinlich. Es liegt im Ermessen des Kunden, die Abreise in den nächsten Tagen anzutreten. Es muss damit gerechnet werden, dass die einzelnen Leistungsträger sich der Leistung verwehren oder sich diese nochmals bezahlen lassen.» In diesem Falle müsse der Konsument seine Ansprüche mittels seines Sicherungsscheins über die Kundengeldabsicherung der Zürich Versicherung mit Sitz in Frankfurt geltend machen. Einzelleistungen sind nicht abgedeckt.

Die Haftungsfrage für Schweizer Reisebüros sieht so aus: Als Verkaufsstelle einer Thomas Cook oder Neckermann Pauschalreise stehen CH-Reisebüros als Vermittler nicht in der Haftung. Sollten aber Einzelleistungen von Thomas Cook (beispielsweise nur Hotel) mit einem individuellen angebotenen Flug kombiniert und verkauft worden sein, steht das Reisebüros als Veranstalter in der Pflicht. Zudem schreibt der SRV seinen Mitgliedern: «Wir empfehlen Ihnen, sämtliche Zahlungen an Thomas Cook bis auf Weiteres zu sistieren.» Gemäss Information von Thomas Cook Services AG Schweiz dürfen aus juristischen Gründen im Moment weder telefonisch noch über CETS Neubuchungen, Annullationen oder Umbuchungen vorgenommen werden.

Weiter empfiehlt der SRV, alle Reisen, die noch nicht von Thomas Cook belastet wurden, als storniert zu betrachten und für die Kunden neue Alternativen zu suchen. Für alle Reisen, die bereits abgerechnet sind, liegt es im Ermessen des Reisebüros, für den Kunden eine Alternative zu suchen und diese nochmals zu verrechnen. In diesem Falle muss der Konsument seine Ansprüche mittels seines Sicherungsscheins über die Kundengeldabsicherung der Zürich Versicherung mit Sitz in Frankfurt geltend machen (da die deutsche Tochter von Thomas Cook aber bislang keine Insolvenz angemeldet hat, ist der Versicherungsfall noch nicht eingetreten).

Das sagt der Garantiefonds

Wir haben uns zum Fall Thomas Cook auch mit Stefan Spiess, dem Geschäftsführer des Garantiefonds der Schweizer Reisebranche, unterhalten. Thomas Cook besitzt keinen Vertrag mit dem Garantiefonds; Kunden sind über einen Sicherungsschein abgesichert.

Dieser wurde bei Pauschalreisen von Thomas Cook jeweils der Reisebestätigung und/oder Rechnung beigefügt bzw. dort aufgedruckt. Was dieser sicherstellt und wer zuständig ist, ist darin beschrieben.

Ist der Garantiefonds aus dem Schneider? Nicht ganz: «Wir sind von der Pleite von Thomas Cook nicht direkt tangiert», so Spiess, «wir erwarten aber gewisse Kollateralschäden.» Wer selber ein Mikro-Touroperating mit Cook-Reisebestandteilen aufgezogen hat, bekommt nun eventuell Probleme. Jene, die nur vermittelt haben – und das seien laut Spiess doch überraschend viele gewesen – müssten sich dagegen keine Sorgen machen, da dort das Risiko vom Veranstalter abgedeckt ist.

Das grösste Problem sei nun die Unsicherheit: Für den 23./24. September wurden alle Reisen abgesagt. Was ist mit jenen, die in einer Woche abreisen? Wenn sie jetzt annullieren, gelten die üblichen Annullationsbedingungen. Wenn sie eine Alternative buchen und Thomas Cook die Reise doch durchführt, sitzen sie auf zwei Reisen bzw. Verträgen. «Die meisten erhalten ihr Geld wohl zurück», gibt sich Spiess optimistisch. Weniger optimistisch ist er für die Mitarbeitenden von Thomas Cook in der Schweiz sowie für viele Hotels weltweit, die nun einen massiven Ausfall kompensieren müssen: Viele Vorausbuchungen fallen nun weg, die sich nicht einfach aus anderen Märkten ersetzen lassen. Das dürfte vielen Hotels, ja sogar ganzen Ländern die Geschäftszahlen verhageln. Zum Beispiel gehen diverse karibischen Länder davon aus, dass ihre Gesamtbesucherzahlen infolge der Thomas-Cook-Pleite nun spürbar zurückgehen werden.

Die Frage ist, ob das Internet die Reisenden «absorbiert», welche nun nicht mehr zum Veranstalter bzw. ins Reisebüro wollen. Spiess ist da nicht sicher: «Gerade in solchen Fällen zeigt sich doch, wie wichtig eben eine Absicherung ist, welche das Internet so nicht bieten kann.»

So viele Schweizer sind betroffen

Die Thomas-Cook-Pleite erfolgt in der Zwischensaison. Derzeit dürften nur rund 300 bis 400 Schweizerinnen und Schweizer mit Thomas Cook unterwegs sein. Die werden derzeit von den Reisebüros informiert, wie die weitere Reise und Rückreise erfolgen wird. Beim Reiseversicherer TCS liegen derzeit 42 Fälle von Schweizer Reisenden vor, die durch den Thomas-Cook-Konkurs betroffen sind. Reisende, die noch nicht kontaktiert worden sind, sollten sich an ihre Buchungsstelle wenden.

Für betroffende Pauschalreisende steht bei der Zurich-Versicherung in Frankfurt ein Versicherungsfonds in Form von Sicherungsscheinen bereit. Der Fonds hat jedoch nur ein Volumen von 110 Millionen Euro. Da alle Gäste ihre Forderungen geltend machen können, also auch für gebuchte und noch nicht angetretene Reisen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Geld nicht reicht. Laut einem Zurich-Sprecher ist zudem noch gar kein Versicherungsfall eingetreten, da die deutsche Tochterfirma von Thomas Cook noch keinen Konkurs angemeldet hat. Thomas Cook Deutschland lotet laut eigenen Angaben letzte Optionen aus. Sollten diese ins Wasser fallen, würde auch sie Insolvenz anmelden.

Condor in der Luft

Als einzige der fünf Fluggesellschaften von Thomas Cook hielt Condor den Betrieb am Montag aufrecht – jedoch darf Condor keine Thomas-Cook-Kunden mehr an ihre Reiseziele bringen. Spezielle Teams beantworteten an den Flughäfen die Fragen der Passagiere. Gleichzeitig rede das Management mit allen Lieferanten und Partnerunternehmen, um seine Maschinen weiter in der Luft zu halten.

Wegen der Zahlungsunfähigkeit des Mutterkonzerns Thomas Cook hatte Condor einen Überbrückungskredit bei der Bundesregierung beantragt. Darüber ist aber noch nicht entschieden. Noch ist auch offen, ob es einen Investor gibt, der die Gesellschaft mit ihren 4900 Beschäftigten möglicherweise von Thomas Cook übernehmen könnte.

Die DER Touristik als einer grössten Kunden der Condor appelliert an die Bundesregierung, Condor über den Winter zu helfen. Alles andere käme für die Bundesrepublik teurer und wäre für die Reisenden und die Branche katastrophal. Ein Aus wäre eine tragische Folge der Thomas-Cook-Pleite. Die Airline war für den Reisekonzern eine Gewinnquelle.

21'000 Arbeitsplätze gehen verloren

Die Thomas-Cook-Pleite dürfte 21'000 Angestellten den Job kosten, alleine 9000 in Grossbritannien. In der Schweiz stehen rund 30 Jobs in der Schwebe.

Gemäss britischen Medien ist das Bangen der 9000 Angestellten gross, ob sie überhaupt noch für Ihre September-Arbeit einen Lohn sehen werden. Auch die künftigen Jobaussichten in der UK-Reisebranche sind nicht verheissungsvoll.

Auf Twitter posteten viele Angestellte Erinnerungsfotos aus ihrer Zeit bei Thomas Cook und zeigten sich dankbar für die schöne Zeit.

Groll auf CEO Peter Fankhauser

Mit dem gigantischen Niedergang des Reiseveranstalters, der Vielzahl gestrandeter Touristen und Angestellten, die ihren Job verlieren, wächst derzeit der Groll auf das Management, insbesondere CEO Peter Fankhauser. Dass sich dieser in den letzten fünf Jahren umgerechnet rund zehn Millionen Franken ausbezahlen liess, dieser Umstand fliegt dem Berner Oberländer derzeit um die Ohren.

Da dürfte er auch durch seine gestrigen Worte vor der Kamera kaum Milderung erhoffen – Fankhauser sagte: «Ich entschuldige mich bei den 21'000 Kollegen. Ich weiss, dass sie ein gebrochenes Herz haben werden. Sie haben so hart gearbeitet, um mit Thomas Cook Erfolg zu haben». Dann entschuldigte er sich bei allen Reisenden, die derzeit in den Ferien weilen, und bei jenen, die für die kommenden Monaten gebucht haben.

Türkischer Tourismusminister greift ein

Nach der Thomas-Cook-Pleite hat die Türkei ein millionenschweres Kreditpaket angekündigt, um die von der Insolvenz betroffenen einheimischen Firmen zu unterstützen. Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy sprach am Montag von einem Kreditpaket in der Höhe 50 Millionen Euro. Die Küstenregionen um Antalya, Bodrum und Dalaman gehörten zu den Topzielen des britischen Reiseanbieters.

Total 21'000 britische Feriengäste befinden sich derzeit mit Thomas Cook in der Türkei. Total, aus allen Quellmärkten, dürften sich 80'000 Touristen mit den verschiedenen Thomas-Cook-Firmen derzeit in der Türkei aufhalten.

«Unsere Priorität ist es, dass die ausländischen Gäste hier ohne zu grosse Unannehmlichkeiten nach Hause zurückkehren können», sagte Ersoy. Er warnte, türkischen Hotels drohten Strafen, sollten sie von britischen Thomas-Cook-Kunden zusätzliches Geld verlangen. Er verwies darauf, dass britische Pauschalurlauber durch die Air Travel Organiser's Licence (ATOL) abgesichert seien.

Riesenausfall für Mallorca

Die Pleite des Reisenkonzerns Thomas Cook dürfte grosse Auswirkungen auf Mallorcas Wirtschaft haben. Firmen bleiben hier auf schätzungsweise 100 Millionen Euro sitzen, die Thomas Cook nicht mehr bezahlen kann, schätz das «Mallorca Magazin». Dazu zählen zahlreiche Hotels, Handling- und Catering-Firmen. Offenbar zögerte Thomas Cook seine Zahlungen bereits nach Beginn der diesjährigen Hochsaison hinaus.

Die Konsequenzen der Thomas-Cook-Pleite für die Baleareninsel seien «von einer bisher nie dagewesenen Dimension», sagte die Präsidentin des Hotelierverbandes FEHM, Maria Frontera, vor Journalisten in Palma. Sie sprach von einem «harten Schlag» und erklärte: «Wir sind noch dabei, die Konsequenzen für die Zukunft des Sektors zu evaluieren. Aber es gibt in der Branche grosse Sorgen.»

Nach Medienberichten warteten am Montagabend auf dem Flughafen Son Sant Joan in Palma de Mallorca zwischen 1500 und 2000 von der Pleite betroffene Touristen auf Ersatzflüge, die sie nach Hause bringen sollten.

«Operation Matterhorn» – Zermatt irritiert

Toll, dass die britische Regierung ein Repatriierungs-Projekt gestartet hat, um die Leute heimzuholen, schreibt Zermatt Tourismus in einer Mitteilung und drückt den betroffenen Reisenden Mitgefühl aus. Ob des Namens der Rückführ-Aktion zeigt sich Zermatt aber irritiert und fragt sich: «Warum muss die Koordination der Rückreisen als <Operation Matterhorn> bezeichnet werden?»

Zermatt Tourismus weist darauf hin, dass die Destination Zermatt-Matterhorn damit nicht in Verbindung steht. Die britische Regierung wisse wohl nicht, dass «Matterhorn» eine international geschützte Marke ist und als Symbol für erholsame Ferien, Sicherheit und Qualität der Schweiz gelte. Attribute, welche nicht wirklich für den grossen Frust der Reisenden stünden. Um im Scherz anzufügen: «Aber vielleicht wollte die britische Regierung damit ja nur einen Hinweis geben, wo die Geschädigten in Zukunft sorgenfreiere Ferien verbringen können?!»

(JCR/GWA)