On The Move
«Viele sind derzeit in einem Freeze-Zustand»
Reto SuterDer Ausbruch des Iran-Kriegs hat vielen Menschen die Ferienstimmung verdorben. Und das gleich auf mehreren Ebenen. Besonders betroffen waren jene, die wegen gesperrter Lufträume irgendwo gestrandet sind und erst verspätet nach Hause zurückkehren konnten.
Andere haben ihre Ferien bereits fix gebucht, sei es in der Golfregion oder weiter ost- oder südwärts mit Umstieg im Nahen Osten. Sie stehen nun vor der Frage: umbuchen oder absagen?
Und dann gibt es noch viele, die eigentlich gerade ihre nächsten Ferien planen wollten. Statt Vorfreude dominieren plötzlich Zweifel: Welche Reiseziele sind noch sicher? Will ich das Risiko eingehen, irgendwo zu stranden? Oder ganz grundsätzlich: Habe ich momentan überhaupt Lust auf Ferien im Ausland?
Diese Entwicklungen schlagen sich auch im Alltag der Schweizer Reisebüros nieder. Den ersten Teil haben die meisten – mit erheblichem Mehraufwand – inzwischen bewältigt.
Nun läuft Phase zwei: Kundinnen und Kunden davon zu überzeugen, ihre Ferien nicht zu streichen, sondern auf alternative Destinationen auszuweichen. Und was passiert bei der dritten Gruppe? Wie stark ist die Zurückhaltung bei Neubuchungen tatsächlich? Travelnews hat bei fünf Reisebüros in der Deutschschweiz nachgefragt.
Vielerorts Zurückhaltung spürbar
«Leider ist eine generelle Zurückhaltung spürbar», berichtet Roger Camenzind, Inhaber der Reisestube in Altdorf UR. «Einige Kundinnen und Kunden zeigen sich verunsichert und verzichten vorerst auf Flugreisen.»
Deutlicher wird Béatrice Biner von Contemporary Travel in Dällikon ZH. Sie sagt, seit Ausbruch des Konflikts seien die Buchungsanfragen deutlich zurückgegangen – was sie gut nachvollziehen könne. «Der Nahost-Konflikt belastet die Leute, mich eingeschlossen, sehr. Ich habe den Eindruck, dass sich viele Menschen derzeit in einer Art Freeze-Zustand befinden.»
Ähnliche Erfahrungen macht Martin «Tinu» Fiedler, Inhaber von Zentrum Reisen in Mels SG. «Viele Kundinnen und Kunden warten ab, selbst wenn ihre Wunschdestination eigentlich weit weg vom Konflikt liegt», erklärt er. Es sei kein Stillstand, aber die Buchungsdynamik habe merklich an Schwung verloren.
Aus der Branche sind jedoch auch vorsichtig positive Signale zu hören, was Neubuchungen betrifft. Christa Bühlmann, Co-Geschäftsführerin von Heggli Reisen weltweit in Kriens LU, sagt: «Unsere Kundinnen und Kunden planen ihre Ferien weiterhin – einfach mit angepasstem Fokus. Statt in die betroffenen Regionen zieht es viele derzeit eher nach Westeuropa wie Spanien oder Portugal oder in den Norden Europas.»
Auch Raphael Verdugo von Verdugo Travel in Arlesheim BL, spürt keine ausgeprägte Zurückhaltung, wie er auf Anfrage sagt. «Bei Flügen fragen die Kundinnen und Kunden aber häufiger nach Direktverbindungen als vor ein paar Wochen.»
Sorgenvoller Blick in die Zukunft
Besonders ungünstig ist für die Reisebüros der Zeitpunkt. Die aktuelle Situation beeinträchtigt das wichtige Geschäft mit Oster- und Frühlingsferien. «Wir haben weniger Oster-Dossiers als im vergangenen Jahr», so Christa Bühlmann von Heggli Reisen weltweit.
Martin «Tinu» Fiedler von Zentrum Reisen, sagt unmissverständlich. «Das Ostergeschäft ist dieses Jahr klar unter unsere Erwartungen gerutscht. Wir liegen nun seit Ausbruch des Krieges im Nahen Osten, leider vor allem wegen Stornierungen, deutlich hinter dem Vorjahr.»
Er rechne nicht mehr damit, dass sich das kurzfristig ändere. «Die Nachfrage kommt zu spät, zu zögerlich und zu unregelmässig – für uns ist Ostern faktisch gelaufen.» Was jetzt noch komme, seien vereinzelte Spontanbuchungen, aber kein Volumen, das die Lücke schliessen würde.
Noch grösser sind in der Branche derzeit aber die Sorgen mit Blick auf die kommenden Monate. Béatrice Biner von Contemporary Travel sagt: «Bis zum Ausbruch des Krieges lief das Geschäft ausgesprochen gut. Normalerweise hätte sich dieser Trend wohl noch eine Zeit lang fortgesetzt.» Nun sei die Situation völlig offen. Hinzu kämen steigende Preise, die zusätzlich auf die Nachfrage drücken. «Im Moment fehlt vielen schlicht der Anreiz, neue Ferien zu planen.»
Raphael Verdugo von Verdugo Travel argumentiert ähnlich. «Der Wegfall wichtiger Drehkreuze wie Dubai und Doha dürfte mittelfristig stärker ins Gewicht fallen als der Ausfall einzelner Destinationen», erklärt er. Das führe zu höheren Flugpreisen und einem eingeschränkten Angebot, etwa bei Verbindungen nach Afrika.
Martin «Tinu» Fiedler von Zentrum Reisen zählt unter anderem die Reiseziele im Indischen Ozean zu den Verlierern des Konflikts – und wird deutlich: «Hier ist der Rückgang der Nachfrage kein Destinationsproblem, sondern ein klassischer Fall von Marktverzerrung: Durch den Wegfall der Hubs im Nahen Osten ist das Angebot künstlich verengt worden – und die verbleibenden Airlines nutzen diese Situation preislich bis zum Anschlag aus», sagt er.
Für viele Kundinnen und Kunden seien diese Tarife schlicht jenseits jeder Vernunft, und entsprechend verliere die Region massiv an Attraktivität. «Die Zurückhaltung ist deutlich und lässt sich nicht schönreden.»
Die Branche steht damit vor einer heiklen Phase zwischen Krisenmanagement und Zukunftssorgen. Kurzfristig bremsen Unsicherheit und Stornierungen das Geschäft, mittelfristig drohen strukturelle Auswirkungen durch höhere Preise und eingeschränkte Flugangebote. Ob und wann die Reiselust zurückkehrt, hängt nun stark davon ab, wie sich die geopolitische Lage weiterentwickelt.