Vier Geschenktipps fürs Kopfkino

Von Andreas Güntert
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Reisebücher für Weihnachten: Viermal Kopfkino vom Feinsten. Bilder: Der Internaut

Von schönen Designhostels, Plätzen, Ferienjobs und Hotelzimmern: Mit diesen Reisebüchern lässt sich an Weihnachten punkten.

Das Reiseleben hat uns heute im digitalen Dauergriff. Bordkarte: Wird uns aufs Smartphone zugeschickt. Bahn-Tickets: erstehen wir per Handy. Hotelbuchungen, Bewertungen, Wetterberichte: Wird alles über den digitalen Kammerdiener erledigt.

Machen in einer solchen Reisewelt Bücher überhaupt noch Sinn? Also solche mit dickem Einband, mit Buchzeichen und Papiergeraschel? Oder, etwas saisonaler gefragt: Geben Reisebücher für Weihnachten auch im Jahr des Herrn 2018 überhaupt noch etwas her?

Absolut! Ich möchte sogar von einer eigentlichen analogen Gegenbewegung berichten, die permanent im Digitaltrend keimt: Je stärker unsere Alltagswelt digitalisiert wird, desto mehr schätzen wir analoge Produkte. Solche, die ohne Standby-Schalter und WLAN-Empfang funktionieren. No Download nötig. Weil solche Produkte ständig aufgeladen sind.

Zu dieser Gattung gehören Bücher. Und weil das Fest der Feste näher rückt, stellt der Internaut hier vier Reisebücher vor, die an Weihnachten Freude machen werden. Aber nicht nur dann: Diese Geschenkideen funktionieren ganzjährig. Vor Weihnachten ist ja immer auch vor der nächsten Reise.

Erfahren und Ersehnen

Wenn ich mich etwas auffrischen will, gehe ich nicht ins Wellness. Sondern eher in ein Hotel, das mich mindestens zehn Jahre jünger macht. Am liebsten in sogenannte Hostels, wo sich junge Menschen aus aller Welt treffen und in Mehrbettzimmern übernachten. Übernachte ich also auch im Mehrbettzimmer? Mais non.

Viele Hostels haben in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung an den Tag gelegt. Indem sie neben Mehrbettzimmern vermehrt coole Einzel- und Doppelzimmer anbieten, sind sie auch für etwas ältere Reisende akzeptabel geworden.

Auf dem Präsentierteller: Schicke Designhostels aus aller Welt.

Von 116 solcher «Luxus-Hostels» in aller Welt berichtet dieses Buch. Erstellt von einem Reiseblogger, der somit seine besten digitalen Inhalte in ein Buchformat transformiert hat. Also ein Beweis mehr dafür, dass auch die analoge Welt durchaus ihre Berechtigung hat. Der Autor hat ein besonderes Faible für Portugal. Meine Wette: Nur schon nach den ersten Seiten wirst Du dieses Faible auch haben. Und Dich nach Lissabon und Porto sehnen.

Souvenir: Ein Satz, der Dir nachreisen wird

«Paris und Venedig, ihr dürft gern vor Neid erblassen: für mich ist Lissabon die romantischste Stadt der Welt.»

Und noch einer

«Die Lobby ist riesig und mit leuchtenden orientalischen Teppichen ausgeschmückt.» (Über eine alte Sojwetnäherei im georgischen Tiflis, die jetzt als «Fabrika Tbilisi» als Luxus-Hostel dient.)

Geeignet für

Junggebliebene, die sich auf den nächsten Trip freuen. Und dabei in Hostels absteigen wollen, wo sich Junge und Junggebliebene treffen.

Reisebücher für Weihnachten: «The Grand Hostels – die schicksten Designhostels der Welt» von Kash Bhattacharya, Gestalten Verlag, um 30 Euro.

Städte und Plätze

Was macht eine europäische Stadt aus? Wie greifen Plätze und Strassen ineinander? Diesem Thema widmet sich die das zweiteilige Werk «Atlas zum Städtebau». Band 1 erklärt und zeigt Plätze, Band 2 geht vertieft auf Strassen ein.

Weil mich Strassen in meiner Serie Starke Strecke stark beschäftigen, finde ich diesen urbanen Doppelschlag eine hochinteressante Lektüre. 68 charakteristische europäische Stadtträume kommen in diesem Doppelband zu ihrem Auftritt. Wie Strassen und Plätze entstanden, wie sie über Jahrhunderte geformt wurden und wie sie im urbanen Kontext wirken – das alles erfährst Du hier.

Für Starke-Strecke-Versteherinnen und -Versteher. Und alle, die es werden wollen.

Im Buch zu den Plätzen freut mich natürlich besonders, dass mit dem Münchner Gärtnerplatz und dem Zürcher Idaplatz zwei Fallbeispiele aufgegriffen werden, die auch schon als Stars bei den Starken Strecken ihren Auftritt hatten.

Souvenir: Ein Satz, der Dir nachreisen wird

«Jede grössere Stadt lässt sich in zentrale, lebhafte, ruhige und intime Stadträume gliedern.»

Und noch einer

«Wir begreifen die europäische Stadt…. als eine unglaublich reiche Schöpfung von Stadtarchitekten und ein grundlegendes Modell, das uns lehrt, wie wir von den bisherigen Errungenschaften für die Zukunft unserer Städte lernen können.»

Geeignet für

All jene, die nicht einfach so durch eine Stadt streifen. Sondern verstehen wollen, wie sich Quartiere, Plätze und Strassen im Lauf von Zeit und Geschichte entwickelt haben. Wer sich für Architektur im öffentlichen Raum interessiert und vorab durch diesen Doppelband reist, kommt informiert am Ziel an. Und kann Plätze und Strassen noch intensiver geniessen. Und wertschätzen.

Reisebücher für Weihnachten: «Atlas zum Städtebau», von Vittorio Magnago Lamugnani, Harald R. Stühlinger, Markus Tubbesing, Verlag Hirmer, um 130 Euro.

Auftanken und Abnehmen

Zu diesem Buch möchte ich gar nicht allzu viel sagen. Nur das: «Junger Mann» ist ein einziger grosser Lesepass. Wie ein pummeliger kleiner Kerl im Österreich der siebziger Jahre erwachsen wird, liest sich in einem freudvollen Zug durch.

Ein Buch wie eine Fahrt durch dick und dünn.

Konsequent aus der Ich-Perspektive erfahren wir, wie ein vormals «dicker Wuzel» einen Ferienjob an einer Tankstelle antritt. Und wie die Dinge – und sein Leben – von dort aus rasant an Fahrt aufnehmen.

Souvenir: Ein Satz, der Dir nachreisen wird

«Und so kam es, dass ich in neun Wochen fünfzehn Kilo verlor und meine Unschuld.»

Und noch einer

«Mein Leben wäre normal weitergegangen, wenn ich nur sympathisiert hätte. Wenn ich mich nicht augenblicklich um den Verstand verliebt hätte.»

Geeignet für

Alle. Oder mindestens für alle, die daran glauben, dass das Leben eine einzige grosse Reise ist.

Reisebücher für Weihnachten: «Junger Mann» von Wolf Haas, Verlag Hoffmann und Campe, um 22 Euro.

Drinnen und draussen

Bekannt war der 2014 verstorbene Österreicher Michael Glawogger vor allem als Dokumentarfilmer. Etwa durch sein Werk «Megacities», das die Welt der Grossstädte in ihren Zellen der Menschlichkeit und in ihrer Grösse als Moloche zeigte.

Für das Buch «69 Hotelzimmer» versammelte Glawogger Eindrücke aus Hotelzimmern aus aller Welt. Und aus der Welt davor. Nicht aus Mallorca, Mykonos oder Miami Beach, sondern aus Gegenden wie Bangladesh, Mexico City, der Ukraine oder Serbien. Kurze Geschichten, starke Eindrücke.

69 Hotelzimmer. Oder 96. Beziehungsweise 95, um ganz genau zu sein.

Total aber nicht 69 Stoffe, wie der Buchtitel suggeriert, sondern 96. Beziehungsweise 95, um genau zu sein. Die Nummer 13 liess Glawogger, wie es Usus ist bei der Nummerierung von Hotel-Etagen und Jet-Sitzreihen, aus. Ein Profi eben.

Souvenir: Ein Satz, der Dir nachreisen wird

«Ein gutes Hotel erkennt man unter anderem daran, ob direkt über dem Arbeitstisch ein Spiegel angebracht ist. In neunzig Prozent der Fälle ist es so, aber es ist falsch.»

Und noch einer

«Er lernte ihre Telefonnummer auswendig und schrieb sie auf fast alle Geldscheine, die er in den nächsten Wochen im ganzen Land ausgab.»

Geeignet für

Alle Erwachsenen, die das Exotische und Schicksalshafte, das Schöne und Schreckliche der Welt nicht nur suchen. Sondern auch ertragen.

Reisebücher für Weihnachten: «69 Hotelzimmer» von Michael Glawogger, Aufbau Verlag, um 25 Euro.