Here & There
Kommentar Hitzeflucht? Von wegen!
Reto SuterWer sich im Freundeskreis umhört oder durch die Nachrichtenportale klickt, könnte meinen: Die grosse Hitzeflucht ist da. Schweizerinnen und Schweizer, die früher ihre Badetücher an den Stränden des Mittelmeers ausrollten, zieht es neuerdings scharenweise in den Norden – nach Grossbritannien, Norddeutschland oder Skandinavien. Statt schmelzendem Glacé in der Adria-Sonne lieber eine frische Brise in Schottland oder Norwegen. Wandern statt Wellenreiten, Fjord statt Feta.
Und tatsächlich: Island und Norwegen tauchen plötzlich in den Bestsellerlisten für Sommerferien auf. Airlines fliegen Destinationen an, von denen vor ein paar Jahren noch kaum jemand gehört hatte – Heringsdorf, Akureyri, Kittilä.
Nur – so dramatisch, wie es scheint, ist die «nordische Wende» nicht. Ja, der Norden boomt. Aber eben auf eher bescheidenem Niveau. Was wie ein Massenexodus klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als vorsichtige Annäherung an neue Abenteuer.
Die Kuoni-Marken liefern Zahlen, die den Hype relativieren: Der Anteil der Mittelmeerreisen lag 2022 bei 38 Prozent, 2024 sind es immer noch solide 33 Prozent. Von einer flächendeckenden Hitzeflucht kann also keine Rede sein.
Trend ja, Wende nein
Zudem: Die klassische Badeferienklientel hat sich emanzipiert. Wer Sonne, Sand und Sangria will, bucht vermehrt direkt online – ohne Know-how der Profis. Zum Veranstalter oder ins Reisebüro geht man, wenn's ein spezieller sein darf: Mietwagenrundreise durch Schweden, Gletscher-Trekking in Island, Mitternachtssonne in Finnland. So verschieben sich die Buchungsstatistiken – nicht zwingend die Vorlieben.
Und wenn man dann in die Ranglisten der grossen Reiseveranstalter schaut, ist das Bild eindeutig: Griechenland und Spanien sind weiterhin die unangefochtenen Lieblinge. Ja, trotz 40 Grad im Schatten. Das zeigen auch die Neuerungen von Easyjet im Sommerflugplan 2025: Neben dem neuen Ziel Edinburgh finden sich – wenig überraschend – Klassiker wie Mallorca, Sardinien und Faro.
Aage Dünhaupt, Kommunikationschef der TUI Group, brachte es bei einer Medienkonferenz in Zürich mit feiner Ironie auf den Punkt: «In Schweden hatten wir im vergangenen Jahr ein Wachstum von 100 Prozent – von 10’000 auf 20’000 Gäste. In Griechenland war’s nur ein Prozent – aber auf 3,1 Millionen.» Manchmal sagt eben ein süffisanter Vergleich mehr als jede Hochglanzbroschüre.
Kurz gesagt: Die Reiseveranstalter freuen sich über frischen Wind aus dem Norden. Er bringt neue Kundinnen und Kunden, die nicht selten über sehr ansehnliche Reisebudgets verfügen. Für die Branche heisst das: dranbleiben, das Know-how auf- und das Angebot clever ausbauen. Aber die angebliche Massenflucht aus dem Mittelmeerraum? Die gibt es so nicht.