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Himachal Pradesh, die Indische Schweiz, ist ein bergiger Bundesstaat im Norden Indiens, der zu den am besten entwickelten Bergregionen des Landes zählt. Bild: Unsplash

Die Schweiz ist überall

Hanne Bahra

Über fünfhundert Mal existiert die Schweiz auf diesem Planeten. Mehr als hundert dieser «Schweizen» finden sich allein in Deutschland. Wie hat es die Schweiz geschafft, sich so weit und vielfältig zu verewigen?

Sie sind überall die «Schweizen», im Gebirge und in der Ebene, an der Küste und in der Wüste. Heute findet sich auf jedem Kontinent mindestens eine Region, die den Beinamen Schweiz trägt, von der Grönländischen bis zur Indischen Schweiz. Selbst Haiti sieht sich aufgrund seiner topografischen Eigenheiten als La Suisse. Das afrikanische Königreich Lesotho wird als die Afrikanische Schweiz bezeichnet.

1992 setzte der Berner Künstler Georg Steinmann diesem Phänomen neben dem Bundeshaus ein Denkmal: einen Steingarten namens «Gleichgewicht der Dinge», in dem er 44 Steine aus Asien, Afrika, Amerika, Australien und Europa zusammengetragen und harmonisch angeordnet hat; darunter Tuff aus Japan, Sandstein aus der Sächsischen Schweiz, Gneiss aus der Rantasipi-Schweiz in Finnland sowie grünlicher Serpentinit aus dem Gotthard-Massiv. Dieses Denkmal symbolisiert nicht nur geografische Eigenarten, sondern auch die kulturelle Verbindung, die die Schweiz mit der Welt teilt.

Sehnsucht nach Heimat

Die meisten dieser «Schweizen» haben jedoch wenig mit den Hochalpen zu tun. Charakteristisch für die Sächsische Schweiz im Süden Ostdeutschlands oder Little Switzerland in Südengland sind bizarre Felsformationen, die aus dichten Wäldern herausragen – ähnlich wie im Juragebirge.

Bizarre Felsformationen ragen in der Sächsischen Schweiz aus dichten Wäldern. Bild: Tourismusverband Sächsische Schweiz

Andere verdanken ihren Namen weniger der Landschaft als vielmehr der Sehnsucht von Auswanderern nach ihrer alten Heimat. Ein bemerkenswertes Beispiel ist Vevay, Indiana, das 1814 von einem Waadtländer Weinbauer gegründet und nach seiner Heimatstadt Vevey benannt wurde. Der Name übertrug sich später auf das gesamte County, das heute als «Switzerland County» bekannt ist. In New Glarus, Wisconsin, erklingt noch heute Schweizerdeutsch auf den Strassen.

In Nueva Helvecia in Uruguay ticken die Uhren so pünktlich, dass man meinen könnte, die Schweiz hätte nicht nur ihre berühmten Zeitmesser, sondern auch ihr Zeitgefühl hierher exportiert. Diese Wertschätzung für Genauigkeit ist Teil des kulturellen Erbes. Im Jahr 1860 erwarb das Basler Bankhaus Siegrist & Fender Ländereien und verkaufte sie an eine Gruppe von Deutschschweizer Siedlern. Über hundert Einwandererfamilien erhielten staatliche Unterstützung für ihren Neuanfang. Diese Schweizer waren wahre Pioniere in der Milchwirtschaft. Die Stadt wurde berühmt für ihre Käseproduktion.

Heute noch feiert die «Schweiz von Südamerika» ihre helvetischen Wurzeln u.a. mit Volksfesten, Trachten und Schützenvereinen. Sie ist ein Relikt der Migration und ein Denkmal der Nostalgie. Orte wie Nueva Helvecia zeigen, dass die Schweiz nicht nur ein geografischer Ort, sondern auch ein Gefühl ist – ein Gefühl, das Menschen in ihre Koffer packten und auf die andere Seite der Welt mitnahmen.

Wie die echten Hochalpen

Doch es gibt auch jene «Schweizen», die aufgrund ihrer Geografie tatsächlich mit der Alpenrepublik vergleichbar sind. Ouray in Colorado, die «Schweiz Amerikas», liegt in einer steilen Talsenke, umgeben von den schneebedeckten Gipfeln der San Juan Mountains, die über 4200 Meter hoch sind. Viktorianische Gebäude säumen die Main Street, und die Bergaussichten erinnern tatsächlich an die Schweizer Alpen.

Ähnlich verhält es sich mit der «Argentinischen Schweiz»: Das Panorama der Stadt Bariloche, am Ufer des Nahuel-Huapi-Sees, umgeben von den verschneiten Gipfeln der patagonischen Anden, zeigt eine perfekte schweizerische Postkartenidylle. Schweizer und deutsche Auswanderer hinterliessen hier zu Beginn des 20. Jahrhunderts alpine Architektur und ihre Schokoladentradition. Chalets erinnern an Interlaken, während die Schokoladenhäuser die süssen Traditionen Luzerns nachahmen. Eine «Klein-Schweiz» entstand, nicht nur durch die Natur, sondern auch durch kulturelle Durchdringung.

Die romantische Verbreitung

In Deutschland hat die Verbreitung der «Schweizen» vor allem eine romantische Note. Die Sächsische Schweiz gilt als die älteste und hat landschaftlich durchaus Parallelen zur echten Schweiz. Der Name der Region geht übrigens auf zwei Schweizer, den Kupferstecher Adrian Zingg und den Maler Anton Graff, zurück, die 1766 an die Dresdner Kunstakademie kamen und sich im Umland der Stadt sofort heimisch fühlten. Das schroff zerklüftete Mittelgebirge, mit Gipfeln bis zu 730 Metern Höhe, ist zwar bei weitem nicht so hoch wie die Alpen, doch das liess die beiden Wanderer bald von der «Schweiz in Sachsen» sprechen.

Dieses Chalet thront auf einer Insel im Landschaftspark Anholter Schweiz. Bild: Biotopwildpark Anholter Schweiz

Oft waren es auch lokale Regenten, die in sentimentaler Neigung ihrer Heimat etwas von der eidgenössischen Romantik verleihen wollten. Im Münsterland bei Anholt, nahe der deutsch-niederländischen Grenze, türmen sich überraschend zwei Felsformationen auf – Miniaturausgaben der Rigi und des Pilatus. Der im 19. Jahrhundert angelegte Landschaftspark Anholter Schweiz ahmt bewusst eine typische Schweizer Szenerie nach.

Auch das Chalet, mit dunklem Holz und mit Zierrat aus einer Interlakener Fabrik, ist eine sentimentale Erinnerung des Fürsten zu Salm-Salm und seiner Gemahlin an ihre Hochzeitsreise. Es thront auf einer Insel inmitten eines künstlichen Sees, der ganz offensichtlich dem Vierwaldstättersee nachempfunden ist.

Schweizen als Marketingstrategie

Fast jede deutsche Region, und sei sie noch so flach, hat ihre eigene «Schweiz». Der 1819 im ostdeutschen Neuruppin geborene Dichter Theodor Fontane bemerkte spöttisch: «Die Schweizen werden auch immer kleiner …» und sprach damit von der Mecklenburgischen Schweiz, wo die hügelige Landschaft mehr an die Seenplatte als an die Alpen erinnert. Auch im auf Meeresspiegelhöhe liegenden Dithmarschen findet man einige sanfte Bodenwellen, liebevoll und attraktiv steigernd «Schweiz» genannt.

Der höchste Berg in der Holsteinischen Schweiz zwischen Lübeck und Kiel ist 168 Meter hoch. Sie ist ein klassisches Beispiel für die cleveren touristischen Schachzüge des 19. Jahrhunderts, als die Schweiz zum Reisetrend schlechthin wurde. Ein erfinderischer Kaufmann taufte sein frisch eröffnetes Hotel feierlich «Holsteinische Schweiz» – und voilà, schon schien die ganze Region in den Genuss der alpinen Anziehungskraft zu kommen! Er bediente sich des immer mehr verbreitenden Geheimrezepts: Ein bisschen Schweiz im Namen, und schon fühlten sich die Gäste wie auf einer Bergwiese.

Der höchste Berg in der Holsteinischen Schweiz zwischen Lübeck und Kiel ist 168 Meter hoch. Bild: Eutin Tourismus GmbH

Die Schweiz regiert die Welt

In der Moderne hat sich die Bedeutung der Schweiz subtil verschoben. Costa Rica wird als «Schweiz Mittelamerikas» bezeichnet, nicht weil es besonders gebirgig ist, sondern wegen seiner Stabilität und seines Wohlstands. In diesem Fall steht die Schweiz für einen Zustand – für Ordnung und Wohlstand, für alles, was die kleine Alpenrepublik nach aussen hin verkörpert.

Die Schweiz ist zum Symbol geworden für etwas, das Menschen überall suchen: Stabilität in unsicheren Zeiten, funktionierende Strukturen, Schönheit in einer von Zerstörung geprägten Welt, eine Zuflucht, die vielleicht nur in der Vorstellung existiert. Wie Friedrich Dürrenmatt einmal bemerkte: «Die Welt wird entweder untergehen oder verschweizern.» In Anbetracht der heutigen globalen Herausforderungen könnte man meinen, er habe recht behalten. So regiert die Schweiz die Welt – ohne es zu wissen. Ihr Name und ihre Konzepte sind zu universellen, wenn auch mitunter zu verklärten Symbolen geworden. So entfaltet sich die Idee der Schweiz als ein lebendiges Mosaik, das in den vielfältigsten Landschaften und Kulturen rund um den Globus widerhallt.

Wohin auch immer man geht – die Schweiz ist schon da

Mecklenburgische Schweiz – Deutschland
Diese Schweiz huckelt sich in Nordostdeutschland um die 100 Meter hoch auf ziemlich kleinem Raum. Ackerfurchen umkreisen die baumbewachsenen Hügelkuppen; in den Tälern liegen zahllose kleine Seen. Erbprinz Georg von Mecklenburg-Strelitz soll sich den Namen Anfang des 19. Jahrhunderts ausgedacht haben, weil er die Landschaft ebenso schön fand wie die der Alpen.

Fränkische Schweiz – Deutschland
Diese Region liegt im bayrischen Städtedreieck Nürnberg, Bamberg und Bayreuth. Sie ist bekannt für beeindruckende Karstlandschaften mit über 1.000 Höhlen, viele davon reich an Tropfsteinen und fossilen Knochen. 35 mittelalterliche Burgen und Ruinen überragen romantische Täler, imposante Hügelketten und steil abfallende Flusstäler.
www.fraenkische-schweiz.com

Nationalpark Böhmische Schweiz – Tschechien / Nationalpark Sächsische Schweiz – Deutschland
Das Elbsandsteingebirge ist ein Mittelgebirge, das sich beidseitig der Elbe in Sachsen (Deutschland) und Nordböhmen (Tschechien) erstreckt, wobei der tschechische Teil als Böhmische Schweiz und der deutsche Teil als Sächsische Schweiz bekannt ist. Diese beiden Naturparadiese sind geprägt von bizarren Sandsteinformationen, tiefen Schluchten und malerischen Ausblicken.
www.saechsische-schweiz.de

Kleine Luxemburger Schweiz
Zickzackschluff, Keltenhöhle, Wolfsschlucht, Adlerhorst – die Namen der Felsen, Höhlen und Abgründe sind so märchenhaft wie die Formen der Sandsteinfelsen. Die Kleine Luxemburger Schweiz mit dem Mullerthal zählt zu den wildesten Gegenden Luxemburgs. Die Schwarze Ernz und ihre Zuflüsse haben tiefe Schluchten in den Sandstein gewaschen.
www.mullerthal.lu

Grönländische Schweiz
Dieses abgelegene, zerklüftete Gebirgsgebiet im Osten Grönlands ist bekannt für hochalpine Gipfel wie den Mount Forel (3.383 m). Diese Region zieht Schweizer Bergsteiger an, die ähnliche Herausforderungen wie in den Alpen suchen, und ist ein Zentrum der Schweizer Grönlandforschung seit dem frühen 20. Jahrhundert. Der Name "Schweizerland" entstand durch die Expeditionen von Alfred de Quervain und anderen Schweizer Forschern, die das Gebiet kartografierten. Die Grönländische Schweiz ist Teil der Kommune Sermersooq und wird oft als "Schweizerland Alps" bezeichnet.
www.visitgreenland.com

Indische Schweiz
Himachal Pradesh, die Indische Schweiz, ist ein bergiger Bundesstaat im Norden Indiens, der zu den am besten entwickelten Bergregionen des Landes zählt. Die schneebedeckten Gipfel des Himalaya, des Dhauladhar-Gebirges und des Pir Panjal prägen diese Landschaft, die zudem durch exotische Täler, rauschende Flüsse und unendliche Wälder verzaubert.

Die schneebedeckten Gipfel des Himalaya und des Pir Panjal prägen die Landschaft des Himachal Pradesh. Bild: Unsplash

Mongolische Schweiz
Der Terelj-Nationalpark, südlich von Ulaanbaatar, wird oft als die "Mongolische Schweiz" bezeichnet. Hohe Berge, Granitfelsenformationen wie der Turtle Rock, üppige Wälder und sanfte Hügel, Bäche und alpine Wiesen prägen das Landschaftsbild. Zudem unterstützt der Park einheimische Nomadenfamilien und trägt aktiv zum Erhalt der mongolischen Kultur und Umwelt bei.

Kleine Schweiz – Israel
Der Carmel-Nationalpark im Norden des Landes ist mit 84 Quadratkilometern Israels grösster Nationalpark. Er erstreckt sich auf einem Rücken des Karmelgebirges. Besonders das Gebiet um den Nahal Kelach (Kelah-Bach) erhielt den Namen "Kleine Schweiz" von Einwanderern, die damit an die Landschaft ihrer Heimat erinnern wollten.

Asiatische Schweiz – Bhutan
Bhutan wird oft als die «Asiatische Schweiz» bezeichnet, da es aufgrund seiner ähnlichen Grösse (ca. 38‘394 km²) und der dramatischen Himalaya-Landschaft mit zahlreichen Gipfeln über 2000 Metern Höhe eine gewisse Ähnlichkeit mit der Schweiz aufweist. Über 80 % des Landes liegen in den Bergen, was die alpine Charakteristik unterstreicht. Historisch gesehen hat die Schweiz Bhutan seit den 1950er Jahren in der Entwicklung unterstützt, was zur Prägung dieses Namens beigetragen hat. Auch wenn die offizielle Entwicklungszusammenarbeit 2016 endete, ist die Schweiz nach wie vor ein wichtiger Partner für Bhutan.