Flug
Kommentar Was Handgepäck mit dem Blutdruck zu tun hat
Jean-Claude RaemyFliegen ist im 21. Jahrhundert so selbstverständlich wie Busfahren. Leider ist es damit genau so nervig wie manch eine Busfahrt. Denn es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass der Mensch als Flugpassagier zum gestressten Egoisten mutiert. Unmengen an Handgepäck und respektloses Verhalten an Bord: Das kann selbst ausgeglichenen Personen den Blutdruck in ungesunde Höhen schnellen lassen.
Beim Handgepäck-Chaos geht es längst nicht mehr nur um Chartertouristen, die sechs Uhr morgens am Gate auf ihren Handgepäckbergen sitzen und lautstark ihre dünnen Kenntnisse des Zielorts zum Besten geben. Nein, der Handgepäck-Wahnsinn hat sich auch auf normalen Flugrouten bei an sich erfahrenen Flugreisenden etabliert.
Zumindest am Flughafen Zürich funktionieren Check-in/Gepäckaufgabe und Sicherheitskontrolle vergleichsweise gut, dank guter ÖV-Anbindung ist auch die Anreise entspannt. Das Blut gerät erst am Gate in Wallung. Schon früher war man vielleicht irritiert über jene Passagiere, die schon 20 Minuten vor dem Boarding in der Schlange stehen. Ich hab ja eine Sitzplatznummer, was soll ich da stressen? Inzwischen ist aber klar, dass das frühe Anstehen einem ähnlichen Reflex folgt wie das frühmorgendliche Verteilen von Badetüchern auf den Sonnenliegen in Mallorca: Wer früher an Bord ist, kann sich die besten Plätze für sein voluminöses Handgepäck schnappen.
Mittlerweile entspricht das Handgepäck jedes Passagiers gefühlt einem Mehrfachen der «Persönlichen Ausrüstung» jedes Schweizer Armeesoldaten. Und so kommt es, dass ich seelenruhig und als einer der Letzten ins Flugzeug steige, Platz 7C ansteuere… und dort natürlich die Gepäckablage schon randvoll ist. Da mein Handgepäck nicht komplett sauber unter den Vordersitz passt, wird es von einer Flugbegleiterin höflich, aber bestimmt in der Gepäckablage von Reihe 23 verstaut. Damit ist an ein schnelles Verlassen des Flugzeugs nicht mehr zu denken, trotz Sitzposition weit vorne.
Regeln gelten nur für die anderen
Für anhaltend hohen Blutdruck sorgt weiter die Erkenntnis, dass sich die meisten Mitpassagiere einen Deut um die klar vorgegebenen Regeln an Bord scheren. Bei jedem Abflug hört man noch irgendwo das Piepsen einer erhaltenen SMS. Handy abstellen, und sei es nur für Take-Off und Landung, ist offenbar zu viel verlangt. Dass Airlines solche Regeln nicht aus Spass oder Freude an der Schikane erstellen, müsste doch klar sein.
iPad-Nutzer müssen regelmässig von Flugbegleitern persönlich angehalten werden, das Gerät auszuschalten. In der Regel sind die Geräte aber bereits wieder im Einsatz, lange bevor das Anschnallzeichen erloschen ist. Zu jenem Zeitpunkt dürften auch rund 80% der Mobiltelefone bereits wieder im Einsatz sein. Bei der Landung ist es nicht anders. Und: Mindestens die Hälfte der Passagiere steht in der Regel lange vor Abschalten des Anschnallzeichens mit krummem Nacken unter der Gepäckablage, weil man ja subito aus dem Flugzeug muss, auch wenn das gar nicht machbar ist.
OK, es ist noch kein Flugzeug wegen einem eingeschalteten iPad explodiert (glaube ich jedenfalls) und dass die Menschen Sekunden nach der Landung bereits stehen müssen, ist auch nicht zwingend eine Sicherheitsgefahr, ausser für sie selber. Aber die Frage sei erlaubt: Warum? Ist es nicht mehr möglich, sich an ein paar simple Regeln zu halten, ohne dass man gleich das Gefühl hat, die persönliche Freiheit gehe vor die Hunde?
Kollektiver Stress statt kollektive Entspannung
Regeln helfen dabei, respektvollen Umgang miteinander zu gewährleisten. Dass Passagiere vermehrt Handgepäck mitnehmen, um separate Kosten für die Gepäckaufgabe zu umgehen, ist noch verständlich und das resultierende Chaos haben sich die Airlines selbst zuzuschreiben. Es gäbe eigentlich beim Handgepäck Regeln in Bezug auf Grösse, Gewicht und Menge. Nur werden diese kaum je eingehalten und von Airlines eingefordert.
Beim Gepäckband schliesslich gehen die letzten verbliebenen Nerven verloren. Offensichtlich kurzsichtige Passagiere stehen direkt am Gepäckband, die Top-Plätze zuvorderst bei der Gepäckauslieferung sind immer gleich besetzt, das Verhalten, wenn das Band in Bewegung kommt, erinnert an Touristen beim Gratisbuffet. Man wird einfach das Gefühl nicht los, dass der Stress an Flughäfen weniger mit Prozessen und Regeln zu tun hat als viel mehr mit dauergestressten Passagieren, die alle (Anstands-)Regeln in den Wind schiessen. Wären alle etwas entspannter... wäre das Fliegen generell angenehmer.