Trips & Travellers
«Schoggi verschenken ist immer falsch»
Andreas GüntertBeim neulichen Besuch in Marrakesch haben meine Parternin und ich die Orientierung verloren – und fanden uns in einem touristisch-moralischen Dilemma wieder. In einer Seitengasse sahen zwei Knirpse, vielleicht acht und zehn Jahre alt, unsere ratlosen Gesichter.
«Suchen Sie etwas?» fragten sie. Wir bejahten. «Riad Tawargit?», errieten sie zielsicher. Sie würden den Weg kennen, sagten die Kids, und könnten uns hinführen. Abgemacht.
Angekommen, war für uns klar: Diese sympathische Hilfeleistung verdient eine Belohnung. Da wir aus Prinzip und für genau solche Fälle Schweizer Notvorrat mitführen, stieg die Internautin kurz aufs Zimmer, um Schokolade zu holen. «Wir wollen keine Schokolade. Wir wollen Geld!», meinte dann aber ein Fünfzehnjähriger, der sich mittlerweile zu den Knirpsen hinzugesellt hatte.
Kurzer Krisengipfel auf Schweizerdeutsch. Wir blieben hart: Kein Geld. Die Internautin reagierte clever und fragte die Buben: «Dann also auch keine Schokolade?» So weit ging der Stolz dann doch nicht. Die Jungs griffen zu und zogen ab.
Zurück blieb auch Tage später noch ein schales Gefühl. Und eine touristisch-moralische Grundsatzfrage, die mich seither umtreibt: Wie gehe ich als Reisender mit Geldforderungen von Minderjährigen um? Kindern Geld geben auf Reisen – soll man das?
Weil mir das Thema keine Ruhe gelassen hat, habe ich mir Rat geholt. Bei einem Elder Statesman der Schweizer Touristik, bei André Lüthi, dem weitgereisten Chef der Globetrotter Group.
Herr Lüthi, Geld oder Schokolade geben? Wie hätten Sie in meiner Marrakesch-Causa entschieden?
André Lüthi: Beim Thema Geld so wie der Internaut. Es war sicher richtig, kein Geld zu geben. Zur Schoggi kommen wir noch. Was aber in diesem Fall noch richtiger und wichtiger gewesen wäre: Die Situation gleich zu Beginn richtig einzuschätzen.
Wie meinen Sie das?
Was Ihnen da passierte, ist ein Klassiker, der in Ländern wie Marokko, Indien, Peru oder Vietnam ständig zur Anwendung kommt. Ich nenne es den «I-show-you-the-Way-Business-Case»: Kinder, aber auch Erwachsene, bieten Hilfe an – und erwarten danach unausgesprochen eine Belohnung.
Was also soll man tun?
Als Tourist handelt man dann richtig, wenn man dieses Unausgesprochene gleich zu Beginn zum Thema macht. Im Falle des Internauten in Marrakesch beispielsweise so: «Das ist sehr lieb, dass ihr uns den Weg zeigen wollt – aber ich kann euch nichts geben dafür.» An touristischen Orten ziehen die Kids dann in neun von zehn Fällen gleich wieder ab. An kleineren und weniger touristischen Orten kann es anders sein.
Kinder für ihre Leistungen mit Geld entlöhnen – ist das für Sie immer ein No-Go?
In aller Regel schon. Geld-Gaben führen dazu, dass Bettelei noch stärker an Kinder delegiert wird. Dahinter stecken oft ganze Banden. Touristen finanzieren so ein System, das niemand gutheissen kann. Problematisch finde ich in diesem Zusammenhang übrigens auch überhöhte Trinkgelder – weil sie ein ganzes Gefüge durcheinanderbringen.
Sie machen also in Sachen Geld für Kinder nie eine Ausnahme?
Sozusagen nie. Es sei denn, die Umstände rechtfertigen es. Kürzlich kam ich in Tibet in Kontakt mit einem Kind, das krank war. Den Eltern fehlten nicht nur die Mittel zur Behandlung, sondern auch das Geld für den Bus bis zum Arzt. Da habe ich Geld gegeben. Aber nicht dem Kind, sondern seinen Eltern.
Ist es grundsätzlich besser, Schokolade statt Geld zu verschenken?
Davon halte ich gar nichts. Schoggi und andere Süssigkeiten zu verschenken ist immer falsch. Weil man die Kinder so zum Fall für den Zahnarzt macht, der in den allermeisten Fällen weit weg ist und von den Familien kaum bezahlt werden kann. Westliche Touristen haben in solchen Fällen eine Verantwortung – und darauf sollten sie von Schweizer Reiseveranstaltern stärker hingewiesen werden.
«Selbst in meinem kleinsten Reisegepäck ist immer Platz für 10 bis 20 Postkarten aus der Schweiz.»
Gibt es überhaupt eine Form von Belohnung, zu der Sie raten würden?
Wenn schon, würde ich mit den Kindern in einen Laden gehen und ihnen etwas zu essen kaufen. Das mache ich übrigens auch in der Schweiz so. Kürzlich hat mich jemand im Bahnhof Bern um einen Franken angebettelt. Ich ging mit ihm in den Laden, kaufte ihm zwei Äpfel – und er war happy.
Haben Sie darüber hinaus eine Bakschisch-Strategie?
In Nepal, wo ich oft hinreise, beschenke ich Kinder manchmal mit Malstiften oder Malbüchern. Weil das in den dortigen Schulen oft Mangelware ist. Für Guides und Sherpas führe ich Mini-Sackmesser in Form von Schlüsselanhängern mit. So ein Victorinox-Messerli, nur wenige Zentimeter lang, ist nützlich und hilft bei der täglichen Arbeit.
Und was ist sonst noch im Gepäck?
Selbst in meinem kleinsten Reisegepäck ist immer Platz für 10 bis 20 Postkarten aus der Schweiz. Sujets wie eine Kuh vor dem Matterhorn oder eine Kirche im Emmental kommen immer erstaunlich gut an. Wenn ich dann sage: «So leben die Eingeborenen bei uns», oder – im Hinblick auf die Kirche – «das ist unsere Moschee», dann sorgt das für Freude und Verblüffen.
Wäre das auch eine Idee für den Internaut-Konflikt im nächtlichen Marrakesch gewesen? Postkarte statt Geld und Schokolade?
Wer weiss? Für offene Münder wäre damit bestimmt gesorgt gewesen.
Bevor der Internaut ein Hotelzimmer verlässt, formt er auf dem Bett immer ein grosses Herz, geformt aus Napolitains, also kleinen Schweizer Schokolade-Täfelchen. Ist das eine gute Sache – oder wäre hier Geld besser?
Das klingt wie eine hübsche Idee und bereitet jenen Leuten, die das Zimmer machen, bestimmt Freude.
Was hinterlassen Sie im Hotelzimmer?
Ich gebe jeweils Geld. Was sicher auch funktionieren und für noch mehr Freude sorgen könnte: In der Mitte des Schoggi-Herzens ein Nötli hinlegen. Oder, je nach Länge des Aufenthaltes: ein paar Nötli.