Trips & Travellers

Oliver Howald, Leiter Krisenmanagement bei Dertour Suisse, spricht über Rückführungen, Umbuchungen und die Arbeit im Krisenfall. Bild: TN

«Diese Preiserhöhungen sind aus meiner Sicht schlicht unmoralisch»

Reto Suter

Der Iran-Krieg hat die Reisebranche in den Ausnahmezustand versetzt. Oliver Howald, Leiter des Krisenmanagements bei Dertour Suisse, spricht im Travelnews-Interview über Rückholaktionen, Umbuchungen und Grenzen des Anstands bei Ticketpreisen.

Der Ausbruch des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026 hat ein Reise-Chaos ausgelöst. Wegen geschlossener Lufträume strandeten Hunderttausende Reisende, darunter auch zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer.

Zwölf Tage nach der Eskalation stellt sich die Frage: Wie hat sich die Lage inzwischen entwickelt? Sind die meisten Betroffenen wieder zurück in der Schweiz – und wie arbeiten die Reiseveranstalter in einer solchen Phase der Unsicherheit? Travelnews hat darüber mit Oliver Howald, Leiter des Krisenmanagements bei Dertour Suisse, gesprochen.

Herr Howald, die vergangenen Tage waren für die Reisebranche äusserst turbulent. Wie präsentiert sich die Situation bei Dertour Suisse derzeit – bei Rückführungen, Umbuchungen und Annullationen?

Oliver Howald: Man muss hier unterscheiden zwischen Reisenden, die direkt in der Golfregion gestrandet sind, und jenen, die weiter östlich unterwegs waren und wegen ausgefallener Verbindungen über die Drehkreuze im Nahen Osten festsassen. Praktisch alle unsere Kundinnen und Kunden in der Golfregion, die nach Hause zurückkehren wollten, konnten inzwischen ausreisen. Schwieriger ist die Situation für Reisende, die beispielsweise auf den Malediven oder in Phuket feststecken, weil ihre Anschlussflüge über den Nahen Osten weggefallen sind. Auch hier konnten zwar bereits viele Betroffene zurückreisen, doch für einige suchen wir weiterhin nach passenden Lösungen. Gerade bei diesen Via-Verbindungen werden nicht alle Probleme von heute auf morgen verschwinden. Diese Herausforderungen werden uns noch eine Zeit lang begleiten.

Heisst das, Dertour Suisse arbeitet weiterhin im Krisenmodus?

So würde ich es nicht mehr bezeichnen. Aus meiner Sicht ist das Gröbste überstanden. Was wir derzeit erleben, ist vielmehr operatives Tagesgeschäft. Situationen also, wie sie auch bei anderen Ereignissen vorkommen können, etwa bei Waldbränden oder schweren Unwettern. Dann geht es ebenfalls darum, rasch Alternativen zu finden und für unsere Kundinnen und Kunden neue Lösungen zu organisieren.

«Wir beobachten derzeit eine klare Verschiebung in Richtung Westen»

Wie reagieren Reisende, deren Ferien noch bevorstehen? Überwiegen Annullationen, oder verlagern sich die Reisen in andere Regionen?

Wir beobachten derzeit eine klare Verschiebung in Richtung Westen. Auf der Langstrecke profitieren vor allem Destinationen in der Karibik, etwa die Dominikanische Republik. Auf der Mittelstrecke sehen wir eine stärkere Nachfrage für die Kanarischen Inseln. Und auf der Kurzstrecke weichen viele Reisende auf Mallorca aus – insbesondere für Ferien ab Mai und während der Sommer-Hochsaison.

Einige Airlines haben ihre Preise zuletzt deutlich erhöht, insbesondere auf Asien-Verbindungen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Dafür habe ich ehrlich gesagt keinerlei Verständnis. Diese Preiserhöhungen sind aus meiner Sicht schlicht unmoralisch. Wir sprechen hier nicht von kleinen Anpassungen, sondern von Aufschlägen von mehreren Hundert bis zu mehreren Tausend Franken pro Ticket. Aus einer Situation, in der ein Krieg den Flugverkehr durcheinanderbringt und viele Menschen dringend nach Hause möchten, Profit schlagen zu wollen, halte ich für völlig fehl am Platz.

Blenden wir zurück zum 28. Februar 2026, dem Tag des Kriegsausbruchs. Wie lief das Krisenmanagement bei Dertour Suisse an?

Der Ausbruch des Kriegs kam für alle überraschend. Für uns war das zunächst ein Schockmoment. Ich habe umgehend Kontakt mit unserem Pikettdienst aufgenommen, bei dem bereits die ersten Anrufe von Kundinnen und Kunden eingegangen waren. Parallel dazu stimmten wir uns sofort mit unserer Kommunikationsabteilung ab, um die nächsten Schritte einzuleiten. In solchen Situationen ist eine klare interne und externe Kommunikation entscheidend.

Wie gross ist der Krisenstab bei Dertour Suisse in einer solchen Situation?

Wir definieren jeweils sehr schnell, wer Teil des Krisenstabs sein soll. In der Regel besteht dieses Team aus fünf bis sechs Personen. Zu Beginn halten wir den Kreis bewusst klein, damit Entscheidungen rasch getroffen werden können. Die grösste Herausforderung ist allerdings immer die Frage: Wie lange wird diese Krise dauern? Zwei oder drei Tage – oder ein halbes Jahr? Diese Ungewissheit macht das Krisenmanagement besonders anspruchsvoll. Wichtig war deshalb vor allem, unseren Mitarbeitenden rasch einen klaren Leitfaden zu geben, wie sie gegenüber Kundinnen und Kunden kommunizieren sollen. Dabei orientieren wir uns auch stets an den Einschätzungen und Empfehlungen des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

«Es war beeindruckend zu sehen, wie gut alle zusammengearbeitet haben»

Welche Herausforderungen standen im Zentrum?

Die Ausgangslage war diesmal speziell, weil wir uns mitten in der Integration von Hotelplan in die Dertour Group befinden. Hotelplan und Dertour Suisse arbeiten teilweise mit unterschiedlichen Systemlandschaften und Prozesswegen. Entsprechend stellte sich schnell die Frage: Über welche Kanäle kommunizieren wir intern und extern? Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass eine Krise dieses Ausmasses nicht gerade in dieser Phase der Zusammenführung auftritt.

Wie ging es operativ weiter?

Wir haben unsere Mitarbeitenden jeden Morgen bis spätestens 9 Uhr mit einem aktuellen Lagebericht informiert. Darin ging es vor allem um Anpassungen bei Annullationsbedingungen und um das weitere Vorgehen. Diese Informationen haben wir laufend aktualisiert, abhängig von der Situation im Nahen Osten und im Austausch mit unseren Leistungsträgern, insbesondere mit den Airlines.

Wie hat das Team in dieser intensiven Phase reagiert?

Es war beeindruckend zu sehen, wie gut alle zusammengearbeitet haben. Unsere Mitarbeitenden haben enorme Flexibilität und Einsatzbereitschaft gezeigt. Besonders hervorheben möchte ich die Ticketshops von Hotelplan und Kuoni, die bei den zahlreichen Umbuchungen eine zentrale Rolle gespielt haben. Insgesamt finde ich, dass wir die Situation dank des grossen Engagements aller Beteiligten sehr gut gemeistert haben.

Haben Ihnen Erfahrungen aus früheren Krisen – etwa aus der Corona-Zeit – geholfen?

Absolut. Gleichzeitig bringt jede Krise aber auch neue Erkenntnisse, und man ertappt sich manchmal dabei, Fehler zu wiederholen, die man früher schon gemacht hat. Entscheidend ist deshalb, nach einer Krise ein gründliches Debriefing durchzuführen und sich ehrlich zu fragen: Was würden wir mit dem heutigen Wissen anders machen?

Was nehmen Sie konkret aus dieser Situation mit?

Ein wichtiges Learning betrifft die Integration von Hotelplan. Heute arbeiten rund 800 Mitarbeitende im Vertrieb für uns, die aus unterschiedlichen Strukturen und Unternehmenskulturen kommen. Früher waren Hotelplan und Dertour eigenständige Unternehmen mit jeweils eigenen Kommunikationswegen und Prozessen. Diese Unterschiede mussten wir in der Krise berücksichtigen – und genau daraus haben wir auch viel gelernt. Das wird uns für künftige Herausforderungen sicher helfen.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit innerhalb der Schweizer Reisebranche erlebt?

Aus meiner Sicht hat sie sehr gut funktioniert. Der Schweizer Reise-Verband (SRV) hat schnell die Initiative ergriffen und die wichtigsten Akteure zusammengebracht. Das hat den Austausch von Informationen erleichtert und ermöglicht, dass die Branche in dieser Situation geschlossen auftreten konnte.