Tourismuswelt
Kommentar Das Smartphone nimmt die ITB in Beschlag
Gregor WaserNach drei Tagen in Berlin wird klar: Der Tourismuskosmos wird jedes Jahr ein bisschen verrückter, schneller und schriller. Die Welt ist zwar von zahlreichen Krisen geprägt, die Ferien- und Reiseindustrie kennt aber nur eine Richtung: vorwärts. Schliesslich legten auch im letzten Jahr die internationalen Reisen neuerlich zu – um 4 Prozent. Und der Aufwärtstrend hält 2017 an. Entsprechend lebhaft zeigen sich die 10'000 Aussteller in den 26 Hallen. Auf die Besucher hagelt ein Gewitter an News, Trends und Impressionen.
Neue Destinationen und Player treten in den Markt. Saudi-Arabien ist erstmals mit einem grossen Stand präsent. Mit Airbus hält ein Flugzeughersteller Einzug. Die Technologie-Halle wartete noch nie mit so vielen Anbietern auf, darunter viele neue Namen. Ein Besucher-Magnet sind die arabischen Airlines, etwa Qatar Airways mit ihrer neuen Business-Class oder Emirates mit einem der eindrücklichsten Messestände samt VR-Brillen und sich hinlegen in der First-Class.
Auffallend und nervig: der Erreichbarkeitswahn und die Smartphone-Dichte bei den Besuchern ist enorm. War die Fortbewegung in den gefüllten Hallen schon immer schwierig, ist sie es heute mehr denn je. Denn bekanntlich bewegen sich Leute mit Smartphones am Ohr nur zögerlich und haben kein Gefühl für die Laufwege anderer. Die Messe stockt.
Bei Google folgt auf «Mobile First» nun «Artificial Intelligence».
Ein Highlight der ITB wie jedes Jahr ist das Kongressprogramm – mit einer lockeren Art der Panels, mit prominenten Referenten. Googles Shopping- und Travel-Chef Oliver Heckmann verursachte mit 600 Besuchern im letzten Jahr schon einen Rekord bei der Präsentation von «Destinations», nun in diesem Jahr quillt der Saal London neuerlich über. Im Gespräch mit Philip Wolf gibt Heckmann viele interessante Infos preis. Etwa, dass die Ära «Mobile First» bei Google vorbei ist, nun habe die Ära der «Artificial Intelligence» begonnen. 70 Prozent der Google-Suchen erfolgen über Mobile Devices, davon wiederum 20 Prozent durch Spracheingabe.
Booking-Chefin Gillian Tans – 1,1 Millionen Buchungen zählt sie täglich – liess seltene Einblicke in die Produktionsküche des Hotelportals zu. Es wird klar: der Gigant reagiert konsequent auf Kundenwünsche und das Kundenverhalten. 1500 Leute, aufgeteilt in 8er-Teams, kreieren unaufhörlich neue Produkte und Lösungen im Hintergrund. Auf die Frage, falls eine Akquisition ein Thema wäre, wen sie denn lieber an Bord hätte, Airbnb oder Uber? Uber, entschied sie sich, das wäre eine Ergänzung.
Der Streik ist unter dem Strich hausgemacht.
Dann der Schock. Die Flughäfen Tegel und Schönefeld sind am Freitag ausser Betrieb. Es wird gestreikt. Der Tag der Heimreise gestaltet sich schwierig. Die Smartphones werden noch nervöser gezückt, Flüge ab Leipzig und Hamburg gesucht und Bahnbillette mit der DB gebucht. Oder man bleibt noch eine Nacht, bis das Bodenpersonal hoffentlich die Arbeit wieder aufnimmt.
Sie streiten sich an den Berliner Flughäfen um einen Euro mehr in der Stunde – was nach wenig tönt, bei Stundenlöhnen von wenig mehr als 10 Euro sich prozentual aber auswirkt. Zwar werden in Brandenburg zig Millionen in ein sich ständig verzögerndes Flughafenprojekt verlocht, doch den Euro mehr für das Bodenpersonal wird nicht aufgebracht.
Die Touristiker bleiben stehen. Die Reiseindustrie ist dabei aber nicht unschuldig. Die weltweit steigenden Reisezahlen wurden mit tiefen Preisen erkauft. Kein Wunder, dass es bei 49-Franken-Flugtickets quer durch Europa kaum mehr Spielraum für die Löhne am Ende der Dienstleistungskette gibt. So ist der Streik unter dem Strich eben auch hausgemacht. Und nicht der letzte. Trotz viel Hektik und Nervosität, schön wars in Berlin, auf Wiedersehen!