Tourismuswelt

Der Garantiefonds hilft und rechtfertigt sich

Hanspeter Bürgin

Trotz seiner Dimensionen und einem möglichen Schaden von mehreren Millionen Franken ist der vor knapp zwei Wochen eröffnete Konkurs über die WTA-X Travel AG in der Branche kaum ein Thema. Der Garantiefonds hilft den Kunden, die Aufarbeitung des Falls aber muss warten.

Walter Kunz vom Schweizer Reiseverband bestätigt den Eindruck, den travelnews.ch nach verschiedenen Gesprächen mit Reiseprofis hatte: Der Fall ist in der Branche noch gar nicht richtig angekommen. „Beim Verband ist keine einzige Anfrage wegen dieses Konkursfalles eingegangen,“ sagt Kunz. Eine mögliche Erklärung: Als Holding mit Sitz in Wald/ZH war WTA-X Travel kein Begriff und zudem sind vorwiegend Tausende von deutschen Urlaubern betroffen. Auch die ebenfalls in Wald domizilierte Tochterfirma ARG viel FERIEN GmbH war in der Branche trotz des speziellen Namens kein Begriff. Ein Zuger Reisebürobesitzer fand heraus, dass die Firma bis vor drei Jahren bei einem Zuger Rechtsanwalt gemeldet war. „Das weiss ich aber erst seit kurzem“, bestätigt er, „vorher hatte ich keinerlei Hinweise auf sie.“ Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn angesprochen wurden vor allem Kunden in Deutschland. Von dort aus wurde auch das operative Geschäft geführt.

Jochen Gehlert, CEO und Delegierter des Verwaltungsrates, teilte am Freitagvormittag mit, dass der Garantiefonds in der Schweiz den Lösungsvorschlag des deutschen Insolvenzverwalters akzeptiert hat. Die Kunden, die bis zum 30. November gebucht hätten, könnten doch noch in die Ferien verreisen. Es sei „weitgehendst sichergestellt“, dass die Reisen „vollständig angetreten werden können“. Am Nachmittag bekannte sich Stefan Spiess als Geschäftsführer des Fonds, zum „Hauptziel, dass alle Reisenden, welche (...) einen Pauschalreisevertrag nach Schweizer Recht abgeschlossen haben, ihre Reisen mit Abreisedatum bis und mit dem 30. November 2015 durchführen können.“

Garantiefonds hat das Gebahren kritisch begleitet

Wer sich von der Pressemitteilung mehr Aufschluss über die Hintergründe und die offenen Fragen im Zusammenhang mit dem Konkurs erwartet hatte, wurde enttäuscht. „In der aktuellen Situation“, schreibt Stefan Spiess, könnten keine Auskunft über die Anzahl betroffener Kunden oder die Schadenssumme gemacht werden. Vor einer Woche hatte der Garantiefonds von einem „höchst komplexen internationalen Sachverhalt“ gesprochen, den es zu prüfen gelte. Zu den von travelnews.ch aufgeworfenen Fragen nimmt er zum ersten Mal Stellung — jedoch nur in allgemeiner Form. Die „Vertraulichkeit der Verträge“ würde „keine Details“ zulassen.

Besonders brisant ist, dass der Garantiefonds das Geschäftsgebaren von Jochen Gehlert bereits seit einiger Zeit kritisch begleitete und vor Jahresfrist die Erhöhung der Garantiesumme um 320 000 Franken auf 800 000 Franken verlangt hatte. Diese wurde auch geleistet. Trotzdem nahm der Fonds das Geschäftsjahr 2014 genauer unter die Lupe und stiess — wie die Revisionsstelle PwC Luzern — auf „verschiedene Risikopunkte“, wie es in einem internen Papier heisst. In der Folge verlangte er per Ende September 2015 einen „detaillierten Sanierungsplan“ für die WTA-X Travel AG. Wäre die Antwort nicht zufriedenstellen ausgefallen, wäre ein sofortiger Ausschluss geplant gewesen. Zwei Wochen vor diesem Termin flüchtete sich Gehlert jedoch in die Insolvenz in Deutschland und den Konkurs in der Schweiz

Einige Millionen Franken „durchaus realistisch“

Stefan Spiess bestätigte gegenüber travelnews.ch nun erstmals, dass man „eine markante Erhöhung der Garantiesumme“ verlangt habe. Zur Höhe von Garantiesummen gebe er aber „generell keine Auskunft“. Weiter bestätigte er, dass der Garantiefonds „seit längerem in engem Kontakt mit der WTA-X Travel AG“ gewesen sei und „zusätzliche Informationen eingefordert und weitere Auflagen“ gemacht habe. „Zum genauen Inhalt dieser Auflagen“ könne man allerdings keine Auskunft geben. Im weitern bekräftigt er, dass die Holding in Wald/ZH mit ihrem Eintrag ins Handelsregister „diese Richtlinie für die Teilnahmebedingungen des Garantiefonds erfüllt hatte“. Zum Geschäftsmodell generell hält Spiess fest, dass es durch die Digitalisierung der Absatzkanäle immer mehr Onlineanbieter in der Schweizer Reisebranche gebe. Heute würden auch Kunden aus dem benachbarten Ausland vermehr in der Schweiz buchen. „Zudem lassen sich vermehr ausländische Anbieter in der Schweiz nieder und bieten ihre Reisen in der Schweiz sowie im Ausland mit der gleichen Infrastruktur an.“

Der deutsche Insolvenzverwalter Renald Metoja gab sich Mitte der Woche „vollkommen überzeugt“, dass der Schweizer Garantiefonds auf seinen Lösungsvorschlag einschwenken werde, „weil es für ihn sonst viel teurer werde“. Aufgrund der ihm vorliegenden Zahlen scheint ein Schaden von einigen Millionen Franken „durchaus realistisch“. Zum Vergleich: Der grösste Schadenfall, den der Garantiefonds je zu bewältigen hatte, war der Konkurs des Reisebüros Mittelthurgau AG im Jahre 2001 mit einer Summe von gut 1,2 Millionen Franken, gefolgt von ASC African Safari Club AG im Jahre 2009 mit einer Schadensumme von 950 000 Franken. Mit andern Worten: Der Konkurs der WTA-X Travel AG dürfte der wohl teuerste Schadenfall in seiner Geschichte werden.