Tourismuswelt

Ein sehr gut besuchtes Volkshaus am Arabian Souk 2019. Früher waren die Teilnehmerlisten an Weiterbildungs-Events meist deutlich länger als heute. Bild: TN

Kommentar Ego-Trips statt Teamgeist

Reto Suter

Die Teilnehmerlisten an Workshops und Roadshows werden kürzer, etablierte Events geraten unter Druck. Neue Unternehmensstrategien, knappe personelle Ressourcen und ein verändertes Freizeitverständnis stellen den früheren Zusammenhalt der Schweizer Reisebranche auf die Probe.

Der Teilnehmerrückgang bei Workshops und Weiterbildungs-Events ist kein Zufall. Er ist Ausdruck einer Reisebranche, die sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat. Und zwar nicht nur organisatorisch, sondern auch kulturell.

Das begann mit dem Verkauf von Kuoni nach Deutschland vor elf Jahren, akzentuierte sich mit dem steigenden deutschen Einfluss bei TUI Suisse und gipfelte in der Übernahme von Hotelplan durch Dertour Suisse im vergangenen Jahr.

Mancherorts entsteht der Eindruck, dass die grossen Player, Dertour Suisse und TUI Suisse, weniger im Interesse der gesamten Branche handeln als auch schon. Statt gemeinsam Lösungen zu suchen, werden da und dort Ego-Trips gefahren. Das mag aus Unternehmenssicht nachvollziehbar sein. Für die Branche als Ganzes ist es jedoch keine gute Nachricht.

Früher war das gemeinsame Interesse stärker ausgeprägt. Hotelplan übernahm über viele Jahre eine Art Kitt-Funktion. Der etablierte Reiseveranstalter war dank seiner genossenschaftlichen Migros-DNA tief im Schweizer Markt verwurzelt und dachte vielfach über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus. Mit der Übernahme durch Dertour ist dieser Kitt dünner geworden.

Es liegt nicht nur an den Grossen

Die Verantwortung allein den grossen Playern im Schweizer Reisemarkt zuzuschieben, wäre allerdings zu einfach. Viele Reisebüros arbeiten heute mit deutlich kleineren Teams als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Wer tagsüber Kundinnen und Kunden betreut, Umbuchungen organisiert und Krisen bewältigt, überlegt sich zweimal, ob am Abend noch Zeit und Energie für einen Workshop vorhanden sind.

Gerade deshalb überrascht die Entwicklung dieses Jahres. Während der Unsicherheit rund um den Iran-Konflikt und der vorübergehend schwächeren Nachfrage wäre vielerorts genügend Raum gewesen, in Weiterbildung zu investieren und neues Wissen aufzubauen. Zahlreiche Betriebe haben diese Gelegenheit nicht genutzt.

Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Wandel. Früher erwarteten viele Reisebüros ganz selbstverständlich, dass ihre Mitarbeitenden nach Feierabend noch einen Workshop, eine Roadshow oder einen Branchen-Event besuchten. Heute setzen gerade jüngere Reiseprofis oft andere Prioritäten. Nach einem intensiven Arbeitstag verbringen sie ihre Freizeit lieber mit Familie und Freunden, treiben Sport oder schalten bewusst vom Beruf ab, statt unbezahlt an einem Weiterbildungs-Event teilzunehmen.

Das ist nachvollziehbar und keineswegs eine schlechte Entwicklung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob dabei nicht unterschätzt wird, wie wichtig persönliche Kontakte in der Reisebranche nach wie vor sind. Know-how lässt sich heute online aneignen. Vertrauen, Beziehungen und ein starkes Netzwerk entstehen dagegen fast ausschliesslich dort, wo sich Menschen persönlich begegnen.

Wenn diese Treffen seltener werden, verliert die Branche mehr als nur gut besuchte Workshops. Sie verliert ein Stück ihres Zusammenhalts. Und genau dieser könnte in Zeiten grosser Umbrüche wichtiger sein denn je.