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Kommentar Ein Entscheid mit Nebenwirkungen
Reto SuterLange war die Sache für Schweizer Reisende einfach: Wenn das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) von touristischen Reisen in eine Region abriet, zeigten sich die Reiseveranstalter grosszügig. Kostenlose Umbuchungen oder Annullierungen gehörten zum Standard. Selbst dann, wenn Flüge in die entsprechende Region noch durchgeführt wurden. Diese Logik gibt es nicht mehr.
Nachdem der Schweizer Reise-Verband (SRV) seine Empfehlung angepasst hat, zieht nun auch der grösste Schweizer Reiseveranstalter Dertour Suisse die Konsequenzen: Transitverbindungen über die Golfregion können ab sofort nicht mehr kostenlos storniert oder umgebucht werden – sofern die Reiseleistungen erbracht werden können und keine konkrete Gefährdungslage besteht.
Und nicht nur das: Die Regelung gilt auch für Ferien direkt in der Golfregion, also etwa in Dubai oder im Oman. Damit folgt Dertour Suisse dem Kurs, den andere Anbieter wie TUI Suisse bereits zuvor eingeschlagen hatten.
Mehr als nur Flug und Hotel
Juristisch ist dieser Schritt nachvollziehbar. Politische Reisehinweise des EDA sind keine automatische Rücktrittsgarantie. Wenn Flüge stattfinden, Hotels geöffnet sind und keine akute Gefahr besteht, ist nachvollziehbar, dass Reiseveranstalter nicht unbegrenzt Kulanz gewähren wollen.
Und dennoch stellt sich eine unbequeme Frage: Was bleibt dann vom Sicherheitsversprechen der Pauschalreise? Viele Kundinnen und Kunden buchen nicht nur wegen des Transfers oder des Hotelpakets beim Schweizer Reiseveranstalter. Sie buchen auch ein Stück Sicherheit – oder zumindest das Gefühl davon.
Dazu gehört etwa die Absicherung über den Garantiefonds der Schweizer Reisebranche: Wird eine Reise wegen einer Insolvenz des Veranstalters nicht durchgeführt oder muss sie abgebrochen werden, sind Kundengelder geschützt und Rückreisen organisiert.
Hinzu kommen zentrale Ansprechpartner, Unterstützung im Problemfall und operative Hilfe vor Ort. Kurz: Viele bezahlen bewusst nicht nur für die Reise selbst, sondern auch dafür, dass im Fall der Fälle jemand Verantwortung übernimmt.
Ein neuer Balanceakt
Für viele Reisende sind die durchaus umstrittenen EDA-Hinweise eine Orientierung. Wenn der Staat von touristischen Reisen abrät, erwarten sie intuitiv, dass ihr Veranstalter nicht gleichzeitig sagt: Die Reise findet statt: Entscheiden Sie selbst, aber die Kosten tragen Sie.
Damit nähert sich die Pauschalreise zumindest in diesem Punkt ein Stück weit der individuell organisierten Reise an. Wer Flug, Hotel und allenfalls weitere Leistungen direkt bei Airlines, Hotels oder über Buchungsplattformen zusammenstellt, trägt Risiken grundsätzlich selbst.
Wenn dieses Prinzip nun teilweise auch für Pauschalreisen gilt, wird die Branche künftig stärker erklären müssen, worin ihr konkreter Mehrwert gegenüber der Direktbuchung besteht. Denn natürlich bleibt dieser bestehen: zentrale Ansprechpartner, Kundengeldabsicherung, Unterstützung im Problemfall, Rückholungen und operative Begleitung. Das sind gewichtige Vorteile.
Nur: Sicherheit verkauft sich emotional, nicht juristisch. Die Reisebranche befindet sich deshalb in einer heiklen Gratwanderung. Bleibt sie zu kulant, wird es wirtschaftlich eng. Entfernt sie sich aber zu weit vom Sicherheitsbedürfnis ihrer Kunden, riskiert sie, eines ihrer stärksten Verkaufsargumente zu relativieren.
Die eigentliche Herausforderung beginnt deshalb erst jetzt: Den Kundinnen und Kunden glaubwürdig zu erklären, weshalb eine Pauschalreise trotz weniger Kulanz weiterhin deutlich mehr ist als nur Flug plus Hotel aus einer Hand.