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«Wer wirklich Interesse zeigt und aktiv zuhört, hebt sich sofort ab»
Reto SuterDas Schweizer Reisegeschäft ist eine Branche der Begegnungen. Wer hier unterwegs ist, weiss, wie wichtig der persönliche Austausch ist und wie viel über Kontakte, Gespräche und gemeinsame Erlebnisse läuft. Entsprechend dicht ist der Eventkalender. Ob Seminar, Workshop oder Get-together: Überall treffen sich Fachleute, knüpfen Kontakte und pflegen bestehende Beziehungen.
Doch nicht für alle sind solche Events ein Selbstläufer. Während die einen scheinbar mühelos ins Gespräch kommen, stehen andere eher am Rand und fragen sich, wie sie den Einstieg finden oder wertvolle Kontakte aufbauen können. Dabei liegt genau hier oft der Schlüssel für den beruflichen Erfolg.
Wie gelingt es also, sich souverän zu vernetzen, authentisch aufzutreten und aus einem Event mehr mitzunehmen als nur eine Handvoll Visitenkarten? Kommunikations-Expertin Catherine Tenger erklärt im Interview mit Travelnews, wie jeder Branchen-Event zum Volltreffer werden kann.
Frau Tenger, warum ist Netzwerken im Berufsleben heute so entscheidend?
Catherine Tenger: Weil wir als Fachkräfte oft austauschbar sind. Viele bringen ähnliche Ausbildungen und vergleichbare Qualifikationen mit. Den Unterschied macht dann, etwa bei einer Neuanstellung, nicht der Lebenslauf, sondern die persönliche Verbindung. Erinnert man sich an eine gemeinsame Begegnung? Ist im persönlichen Austausch Vertrauen gewachsen? Ganz wichtig: Ein tragfähiges Netzwerk basiert auf Gegenseitigkeit. Erst wenn Geben und Nehmen im Gleichgewicht sind, entsteht tatsächlich ein Mehrwert.
Woran erkennt man, wie stark das eigene Netzwerk ist?
Die Nähe zu vertrauten Menschen ist sehr wichtig. Die Stärke eines Netzwerks zeigt sich aber auch darin, ob es unterschiedliche Perspektiven zulässt. Es gibt einen einfachen Test: Stellen Sie auf Social Media eine Frage und beobachten Sie die Antworten. Fallen diese sehr ähnlich aus, bewegen Sie sich vermutlich in einer ziemlich homogenen Blase mit vergleichbaren Denkweisen, Erfahrungen und Lebensrealitäten. Wirklich spannend wird es aber erst ausserhalb dieser Komfortzone: im Austausch mit Menschen, die anders ticken, neue Perspektiven einbringen oder auch widersprechen.
Gehen wir in die Praxis – an einen Networking-Event in der Reisebranche – und beginnen mit dem ersten Eindruck: Wie gelingt eine angemessene und professionelle Begrüssung?
Früher war vieles klar geregelt: Ob Handschlag, Umarmung oder Küsschen. Seit der Pandemie hat sich das verändert. Körperkontakt ist heute kein Muss mehr. Häufig genügt ein freundliches Lächeln oder ein kurzes Nicken. Bei einer persönlichen Begrüssung ist es hilfreich, nonverbale Signale zu senden: eine offene Körperhaltung, ein zugewandter Blick. So zeigt man dem Gegenüber, wofür man bereit ist – und wo die eigenen Grenzen liegen. Wer etwa keine Umarmung oder Küsschen möchte, kann das subtil durch mehr Distanz oder die Haltung der Hände und Arme kommunizieren. Wichtig ist, sich darüber im Vorfeld bewusst zu sein, was man will und was nicht.
Gilt hier das Prinzip: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest?
Ich würde es anders formulieren: Behandle dein Gegenüber so, wie es selbst behandelt werden möchte. Genau darin liegt die eigentliche Kunst und die Grundlage für einen stimmigen ersten Eindruck.
«Entscheidend ist ein gemeinsamer Anknüpfungspunkt»
Bis vor Corona waren drei Küsschen unter Bekannten Standard. Inzwischen ist die Umarmung sehr viel populärer. Dieser Wandel sorgt immer wieder für peinliche Situationen: Die eine Person beugt sich zum Küsschen vor, die andere öffnet schon die Arme zur Umarmung. Wie lässt sich mit solchen Situationen souverän umgehen, ohne dass es unbeholfen wirkt?
Tatsächlich werden die klassischen drei Küsschen seltener – wenn überhaupt, dann sind es eher ein oder zwei. Und ja, die Umarmung hat deutlich an Bedeutung gewonnen. Wenn es dabei zu einem kleinen «Begrüssungs-Missverständnis» kommt, hilft vor allem eines: Humor. Wer die Situation locker nimmt und vielleicht sogar schmunzelnd kommentiert, hat gleich einen perfekten Einstieg in den Small Talk.
Stichwort Small Talk: Was macht ein gutes Gespräch aus – weder zu oberflächlich noch zu persönlich?
Entscheidend ist ein gemeinsamer Anknüpfungspunkt. Ein Satz wie «Was halten Sie von der aktuellen Weltlage?» ist ein No-Go. Besser ist es, ein persönliches Thema zu wählen. Fragen nach Hobbys funktionieren gut. Wichtig ist die Unterscheidung: Persönlich ist in Ordnung, privat kann schnell heikel werden. Themen wie Scheidung oder Erbstreit gehören nicht in den Small Talk.
Lässt sich guter Small Talk vorbereiten?
Unbedingt. Wer sich vorab über den Event informiert – etwa über die Location oder die Gästeliste – fühlt sich sicherer. Ebenso hilfreich ist es, sich eine gute Antwort auf die Frage «Was machst du beruflich?» zurechtzulegen. Nicht zu knapp, sondern mit einer kleinen Geschichte oder einem spannenden Aspekt. Das öffnet Türen und bleibt im Gedächtnis.
Welcher Fehler passiert beim Small Talk am häufigsten?
Viele sind gedanklich schon beim nächsten eigenen Satz, während das Gegenüber noch spricht, aus Angst vor einer unangenehmen Pause. Dadurch fehlt die ungeteilte Aufmerksamkeit, und das Gespräch bleibt oft an der Oberfläche. Wer wirklich Interesse zeigt und aktiv zuhört, hebt sich sofort ab. Ich nehme mir vor Networking-Events bewusst vor, etwas Neues zu lernen oder zu erfahren. Das gelingt nur, wenn man dem Gegenüber Raum gibt. Zu viel selbst reden, zu wenig zuhören und zu wenige gute Fragen stellen: Das sind die klassischen Stolpersteine.
Wie wichtig ist die Körpersprache beim Netzwerken – und worauf sollte man achten?
Sehr viel beginnt schon vor dem Event. Wie ich mich auf dem Weg dorthin fühle, beeinflusst meinen Auftritt. Bin ich entspannt, vielleicht mit guter Musik im Ohr, trete ich ganz anders auf, als wenn ich gestresst oder unsicher bin. Gerade introvertierte Menschen sollten sich nicht unter Druck setzen: Statt direkt in eine grosse, laute Gruppe zu gehen, ist es oft angenehmer, mit einer einzelnen Person oder in einer kleinen Runde ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist auch, sich im Raum offen zu bewegen – Blickkontakt suchen, lächeln, auch bei Unbekannten. So entstehen erste Verbindungen, an die man später anknüpfen kann. Wer nonverbal Offenheit ausstrahlt, wirkt oft wie ein Magnet auf andere.
Und was sind die grössten Killer beim Small Talk?
Ganz klar das Smartphone. Wer ständig darauf schaut, signalisiert Desinteresse. Ebenso problematisch sind Menschen, die während eines Gesprächs den Blick schweifen lassen und ständig den Raum scannen. Das wirkt abwesend und wenig wertschätzend.
«Elegant wird es, wenn man selbst das Gespräch aktiv abschliesst»
Wie steigt man elegant aus einem Gespräch aus, ohne unhöflich zu wirken?
Zunächst hilft die Erkenntnis, dass sich diese Frage alle stellen – das gehört ganz wesentlich zum Small Talk. Es ist völlig in Ordnung, weiterzuziehen. Elegant wird es, wenn man selbst das Gespräch aktiv abschliesst, statt nur zuzuhören und dann abrupt zu gehen. Auch nonverbale Signale können helfen, etwa wenn man das leere Glas abstellt. Besonders charmant ist es, wenn man eine Brücke schlägt: Zum Beispiel indem man das Gegenüber noch einer anderen Person vorstellt, bevor man sich verabschiedet.
Alkohol gehört bei Branchen-Events oft dazu – wo liegt die Grenze?
Das ist individuell unterschiedlich. Ein Glas kann helfen, lockerer zu werden – aber zu viel kippt schnell ins Gegenteil. Meine Empfehlung: nie ans Limit gehen. Man weiss nie, wem man noch begegnet.
Und wie verhält es sich beim Essen?
Essen gehört dazu, aber mit Mass. Wer gar nichts isst, bringt andere eher in Verlegenheit. Gleichzeitig ist das Buffet ein idealer Ort, um ins Gespräch zu kommen, mit einer kleinen Geste oder einem humorvollen Kommentar.
Was tun, wenn man eigentlich gar keine Lust auf den Event hat?
(Lacht) Diese Momente kenne ich gut. Wichtig ist, sich nicht direkt gestresst hineinzuwerfen, sondern mit einer spielerischen Haltung hinzugehen. Zum Beispiel mit dem Ziel, zwei neue Menschen kennenzulernen – nicht mehr. Kleine, realistische Vorsätze helfen, in die richtige Stimmung zu kommen.
Ein heikles Thema: No-Shows – wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Das ist tatsächlich ein Problem. Für Gastgeber ist es sehr ärgerlich, wenn angemeldete Gäste einfach nicht erscheinen. Und in einer Branche spricht sich so etwas schnell herum. Niemand möchte als unzuverlässig gelten.
Wie sagt man stilvoll ab?
Im gleichen Kanal, über den die Einladung kam. Also per Mail, wenn die Einladung per Mail kam – oder über das entsprechende Online-Formular.
Ihr wichtigster Tipp für den nächsten Networking-Event?
Lassen Sie sich nie von Titeln oder Namensschildern leiten. Jede Begegnung kann wertvoll sein. Oft ergeben sich die spannendsten Verbindungen dort, wo man sie am wenigsten erwartet.