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Auf der kapverdischen Insel Sal: Martin Wittwer, CEO von TUI Suisse. Bild: HPB

Martin Wittwers permanente Gratwanderung

Hanspeter Bürgin

Über die Vor- und Nachteile, innerhalb eines internationalen Reisekonzerns zu agieren – ein Treffen mit dem TUI-Schweiz-Chef auf den Kapverdischen Inseln.

Er ist offen und direkt, zugänglich und spontan. Deshalb kann TUI-Suisse-CEO Martin Wittwer auch schlecht verbergen, dass er eigentlich mehr sagen möchte, als er darf. Er kann einem fast leid tun, wie er den Spagat versucht, Informationen über den Geschäftsgang so zu verpacken, dass sie interessant tönen, aber doch nicht zu viel preisgeben. Nennt er doch konkrete Zahlen, zum Beispiel den Buchungsstand für einzelne Länder, macht er das „off-the-record“.

Wittwer laviert zwischen den Konzern-Vorgaben aus Hannover und dem Anspruch, als eigenständige Schweizer Firma wahrgenommen zu werden. Kürzlich sagte er in einem Interview: „TUI Suisse ist ein lokal verankertes Unternehmen, von Schweizern geführt mit Schweizer Mitarbeitern.“ Er macht sich aber nichts vor. Gegenüber travelnews.ch sagt er ohne Zögern: „Letztlich bin ich ein Angestellter, der die Interessen des Konzerns unterstützt und in der Schweiz weiterträgt.“

Schon zur Begrüssung im neu eröffneten Riu Palace Cabo Verde auf der kapverdischen Insel Sal entschuldigt sich Wittwer dafür, dass es keine „Pressekonferenz“ geben werde, wie die Einladung versprochen hatte, sondern „nur“ ein „Pressegespräch“. Im Klartext: Es sind weder News noch konkrete Geschäftszahlen zu erwarten. Er dämpft so die geweckten Erwartungen offensiv und charmant.

Obwohl zwei Tage früher angereist, markiert er nicht bereits den Kenner. Ohne Scham und beiläufig erwähnt er, ebenfalls zum ersten Mal auf den Kapverden zu sein. Obwohl ein guter Verkäufer, ist Martin Wittwer kein Blender. Ziel der Journalistenreise sei es, am Beispiel der neu aufgelegten Destination zu zeigen, wie ein integrierter Tourismuskonzern heute funktioniert. Und natürlich Werbung für die Kapverden zu machen...

Ziele trotz anspruchsvoller Budgetierung erreicht

Auf der Insel Sal ist TUI ein grosser Player. Das rote Signet und das leuchtende Hellblau sind omnipräsent, sei es in Hotels, den modernen Bussen oder den T-Shirts des Personals. Entdeckt habe man die „touristische Neuentdeckung“ zwar nicht, „das wäre dann doch zu vermessen“, sagt Wittwer, „aber TUI hat hier massiv investiert.“ Dies sorge für eine gute touristische Infrastruktur und vermittle dem Gast Vertrauen und Sicherheit. Im Gespräch relativiert er allerdings die Bedeutung der Kapverden für die Schweiz: „Sie sind noch ein kleines Pflänzchen mit riesigem Potenzial.“

Das per Ende September abgeschlossene Geschäftsjahr bezeichnet Wittwer als ein „schwieriges Jahr“. Trotzdem habe TUI Suisse die Ziele erreicht, trotz einer „anspruchsvollen Budgetierung“. „Wir sind zufrieden“, sagt er. „Wir müssen Geld verdienen und wir verdienen Geld.“ Obwohl sich der Schweizer Markt um 8 Prozent negativ entwickelt habe, „konnten wir Marktanteile gewinnen“, und zwar im Pauschalgeschäft und den Fernreisen. „Die Ertragskurve geht trotz Schwierigkeiten hoch.“ Überprüfen lassen sich diese Aussagen natürlich nicht, da TUI keine Länderzahlen veröffentlicht. Zudem muss sich Wittwer aus Rücksicht auf die „Quiet Periode“ in Zurückhaltung üben. (Der in London kotierte Konzern veröffentlicht seine Zahlen erst im Laufe dieser Woche.) Wittwer betont aber, „dass auch die Mitbewerber in der Schweiz keine vergleichbaren Gewinn- und Ertragszahlen mehr veröffentlichen.“

Dass ihn die von der Konzernzentrale auferlegte Zurückhaltung aber wurmt, kann er nur schlecht verhehlen. Zu gerne würde er transparenter sein, um den Erfolg von TUI Suisse in den letzten zwei, drei Jahren offensiver darzustellen. Von den geschätzten 30 Prozent Umsatzverlust der früheren Nummer eins Kuoni dürfte vor allem TUI Suisse profitiert haben. In der öffentlichen Wahrnehmung gab es neben André Lüthi von Globetrotter nur Martin Wittwer, der Kontinuität, Erfolg und Präsenz markierte und sich immer wieder zu aktuellen Themen äusserte. Kuoni war in der Krise, Hotelplan stark mit sich selbst beschäftigt. „Das Geschäftsmodell des integrierten Touristikkonzerns funktioniert. Davon profitieren wir“, sagte Wittwer. Offiziell will er sich zu Konkurrenten, ihren Exponenten und Geschäftsmodellen nicht äussern. „Wir sitzen letztlich im gleichen Boot, Hotelplan und Kuoni sind Mitbewerber, aber auch meine grössten Kunden.“ Die eigentliche Konkurrenz seien ohnehin Booking.com oder Expedia.

Eigene Airline, Hotels und Schiffe

Fast genervt reagiert Martin Wittwer aber, wenn er auf die „Schweiz-Debatte“ innerhalb der Reisebranche angesprochen wird. Vor kurzem hatte das Branchenmagazin „Travelinside“ berichtet, dass sich Globetrotter, die Nummer vier im Markt, ab dem 1. November als Hauptpartner von TUI abgewendet und zu Hotelplan gewechselt hat. Ein Grund sei gewesen, wird Nick Gerber vom Globetrotter zitiert, dass es sich bei Hotelplan um eine Schweizer Firma und nicht um einen internationalen Konzern mit Hauptsitz im Ausland handle. Für Wittwer „ein schwierig nachvollziehbares Argument“: Der  Tourismus sei doch längst ein „internationales und kein lokales Geschäft“ mehr. Dass TUI Suisse wegen des Absprungs von Globetrotter 15 Millionen Franken an Umsatz verlieren soll, wie „Travelinside“ mutmasst, will er nicht kommentieren. „Wir bleiben Partner von Globetrotter und verlieren sicher nicht den ganzen Umsatz.“

Um die Bedeutung von TUI als „integrierten Tourismuskonzern“ herauszustreichen, verweist er auf die Charterfluglinie TUIfly, die grösser ist als Swiss und Austrian Airlines zusammen, die eigenen Hotels und Kreuzfahrtschiffe sowie das eigene internationale Personal. Bei einem Gesamtumsatz von 21 Milliarden Franken könne man Content und „Betreuung durch Menschen“ garantieren. Das sei der grosse Unterschied zur Konkurrenz. Dass er als CEO für die Schweiz im Grosskonzern nur ein kleines Rädchen ist, ist Martin Wittwer durchaus bewusst. Angesprochen auf die bevorstehende Neuordnung des Fluggeschäfts von TUIfly mit Airberlin meint er lakonisch: „Da kann ich nicht mehr dazu sagen, als was in den Zeitungen steht.“

Tourismus hilft Kapverden

Ab Basel können die Kapverden – ein Kleinstaat im Atlantik mit 15 Inseln, davon sind neun bewohnt –  in rund 6 Stunden erreicht werden. Auf dem wöchentlichen Charter nach Sal hat TUI Suisse im ersten Jahr 1000 der insgesamt 4900 Plätze eingekauft. Über Kontingente verfügt man auch bei der portugiesischen TAP, die über Lissabon nach Sal oder die Nachbarinsel Boa Vista fliegt. Die Hauptinsel Sao Tiago, wo rund 90 Prozent der 500'000 Einwohnern leben, wird nicht angeboten. Hier fehlen die langen weissen Sandstrände und die bei Surfern und Kite-Surfern beliebten Strände der beiden „Touristen-Inseln“.  

Vor allem auf Sal werden im grossen Stil neue Hotelanlagen und Apartment-Siedlungen gebaut. Im Süden auf dem Weg zum Städtchen Santa Maria sind gigantische Komplexe entstanden oder am Entstehen. Ein Hilton mit Casino sowie das Sensimar Cabo Verde von TUI stehen kurz vor der Eröffnung. Da nur zwei Stockwerke hoch gebaut werden darf, brauchen die Anlagen viel Platz. Das von TUI erst kürzlich neu eröffnete Riu Palace Cabo Verde sowie das günstigere Riu Klub Hotel bieten 1100 Zimmer an. Das Konzept „All inclusive“ wird voll durchgezogen, auch für alkoholische Getränke.

Nach Auskunft von Hoteldirektor Yeray Zurita, der von den Kanarischen Inseln kommt und seit sieben Jahren auf Sal arbeitet, reisen die Hälfte der Gäste aus Grossbritannien an und 25 Prozent aus Deutschland, Holland und Skandinavien. Er ist überzeugt davon, dass der Tourismus den Kapverden hilft, schneller aus der Armut herauszukommen und sich zu entwickeln. Allein in seinem Hotel arbeiten 700 Leute. „Der Tourismus schafft nicht nur Arbeitsplätze, sondern bietet auch Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten“, sagt Zurita. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Einheimische die verantwortungsvollen Jobs übernehmen.“

Gut 500 Kilometer vor Senegal gelegen, gelten die Kapverden als politisch stabil. Der Regierungswechsel nach den letzten Wahlen vollzog sich ohne Nebengeräusche. „Man fühlt sich hier sicher und die Infrastruktur funktioniert einigermassen“, lobt Hoteldirektor Zurita die seit 1975 unabhängige Kapverdische Republik. Auf einer Rundfahrt durch karge, wüstenähnliche Landschaften der Vulkaninsel wird einem aber bewusst, wie arm weite Teile der Bevölkerung noch sind. Hunderte wohnen in Slumsiedlungen, weil sie die Mietpreise für die vom Staat erstellten Sozialwohnungen nicht bezahlen können. Hotelangestellte verdienen zwischen 200 und 500 Euro. „Der aufstrebende Tourismus sorgt aber dafür“, glaubt Zurita, „dass die Leute hier bleiben und nicht auswandern müssen.“

Martin Wittwer ist sich der Schattenseiten des Massentourismus durchaus bewusst. Wie sinnvoll ist eine Expansion in neue, bisherig kaum erschlossene Weltgegenden? Er betont, dass der TUI-Konzern nachhaltig investiert, „um der grossen Herausforderung der Ökologie Rechnung zu tragen.“ „Unsere Investitionen in die Zukunft sind von hoher Qualität, was den Menschen vor Ort und unsern Gästen gleichermassen nützt.“