On The Move
Kommentar Der grosse Deal – und die erstaunliche Ruhe danach
Reto SuterDie Ausgangslage hätte alles für ein Branchen-Drama. Die Migros verkauft Hotelplan. Dertour greift zu. Ein Markt in Bewegung. Ein Machtkampf um Marktanteile. Ein Krimi, der sich fast von selbst schreibt. Und dann? Nichts!
Fast acht Monate nach dem Deal wirkt die Schweizer Reisebranche erstaunlich entspannt. Fast schon schläfrig. Kein grosses Werben um Kunden. Keine auffälligen Kampagnen. Kein Feuerwerk an Events. Wer genauer hinschaut, reibt sich die Augen: Ausgerechnet jetzt, in der wohl spannendsten Phase seit über einem Jahrzehnt und dem Kuoni-Verkauf nach Deutschland, passiert erstaunlich wenig.
Viel Potenzial – wenig Angriffslust
Dabei gäbe es genug Ansatzpunkte. Die Integration von Travelhouse ins Dertour-Konstrukt wirft Fragen auf. In der Branche hört man Sorgen: Dauert es künftig (noch) länger, bis die Offerten da sind? Verlieren gewisse Destinationen im Dertour-Universum an Know-how und an Gewicht? Kanada, Australien oder kleinere europäische Märkte – alles Felder, in denen Unsicherheit herrscht.
Ein ideales Spielfeld für die Konkurrenz. Doch die bleibt auffallend zurückhaltend. TUI Suisse? Kaum wahrnehmbar, heisst es aus Reisebüro-Kreisen. Andere Spezialisten? Ebenfalls leise. Am ehesten noch Knecht Reisen mit CEO Sebastian Kickmaier, der Präsenz zeigt. Aber das war’s dann auch schon.
Warum diese Zurückhaltung? Läuft das Geschäft zu gut? Vielleicht. Doch das wäre eine riskante Strategie. Denn Marktanteile gewinnt man selten in ruhigen Zeiten, sondern genau dann, wenn sich Strukturen verschieben. Und diese Verschiebung ist real. Auch wenn sie aktuell kaum sichtbar ist.
Dertour Suisse nutzt die Situation geschickt. Ohne grosse Hektik baut der Platzhirsch um, integriert, justiert. Gleichzeitig pflegt er die Nähe zu den Reisebüros, zuletzt etwa am Touristiker-Treff in Gstaad. Vertrauen schaffen, Unsicherheiten auffangen, Stimmen einbinden. Das wirkt.
Noch ist der grosse Einschnitt nicht erfolgt. Das definitive Ende von Travelhouse steht erst im Oktober an. Vielleicht kommt die Dynamik erst dann. Vielleicht wacht der Markt noch auf. Bis dahin gilt: Wer jetzt nicht angreift, verpasst eine seltene Gelegenheit.
Und so spricht die aktuelle Ruhe weniger für die Branche als Ganzes, sondern vor allem für einen Player: Dertour Suisse.