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Der grosse Zwiespalt zwischen Schnäppchenpreis und Reisewarnung
Reto SuterReisende, die derzeit von der Schweiz Richtung Osten wollen, sind in einem Dilemma. Direktflüge von Swiss, Thai Airways oder Edelweiss in beliebte Ferienländer wie Thailand oder die Malediven sind ausgesprochen teuer.
Ganz anders präsentiert sich die Lage bei den arabischen Fluggesellschaften. Seit Ausbruch des Iran-Kriegs Ende Februar ist die Nachfrage nach Verbindungen über die Drehkreuze Doha, Abu Dhabi und Dubai eingebrochen
Gleichwohl halten die Golf-Airlines an ihren Verbindungen nach Asien und Europa fest, wenn auch in leicht reduziertem Mass. Ein Blick nach Zürich zeigt es: Emirates fliegt weiterhin täglich nach Dubai, Etihad bietet in der Regel zwei tägliche Verbindungen nach Abu Dhabi, und Qatar Airways bedient Doha mit wenigen Ausnahmen ebenfalls täglich. Weil die Golf-Carrier ihre Flieger füllen wollen, halten sie die Preise tief.
Der Haken: Viele Reisende scheuen momentan die Umsteige-Verbindungen über die Region. Nicht nur aus einem unguten Bauchgefühl heraus, sondern auch wegen der offiziellen Reisehinweise des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Dieses rät aktuell von touristischen und nicht dringenden Reisen in die Golfstaaten ab.
Die Konsequenz: Reisende geraten zunehmend in einen Zwiespalt. Entweder tief in die Tasche greifen für einen Direktflug, auf ein günstiges Angebot via Golf setzen oder bereits gebuchte Flüge über Doha, Dubai oder Abu Dhabi wieder absagen.
Zwischen Sicherheit und Reisefreiheit
André Lüthi, Verwaltungsratspräsident der Globetrotter Group und Leiter des Ressorts Politik im Schweizer Reise-Verband (SRV), hat mit einem Post auf dem Business-Netzwerk Linkedin eine Debatte zum Thema angestossen.
Er schreibt: « Wollen die Reisenden aufgrund der EDA-Warnung nicht fliegen, was verständlich ist, müssen sie oder je nach Fall der Reiseveranstalter für mögliche Annullationskosten aufkommen – ebenso für die Kosten einer Neubuchung auf eine andere Airline.»
Lüthis Post endet mit der Frage: «Müssten die EDA-Hinweise aufgrund der Tatsache, dass die Fluggesellschaften den Betrieb wieder aufnehmen, für Transitpassagiere angepasst werden?» In anderen Worten: Sollte das Aussendepartement die Flughäfen der Golfregion explizit von der Reisewarnung ausnehmen? Parallel dazu suchte er in seiner Rolle als Politik-Verantwortlicher des SRV den Dialog mit der zuständigen Stelle des EDA.
Auf Nachfrage stellt Lüthi klar, dass es ihm in erster Linie darum gegangen sei, einen Widerspruch sichtbar zu machen – jenen zwischen der Einschätzung der Airlines, die die Lage als ausreichend sicher für den Flugbetrieb beurteilen, und der weiterhin geltenden Reisewarnung des Aussendepartements.
«Die allgemeine Sicht der Reisenden ist: Wenn die Airlines fliegen, muss es doch sicher sein», sagt er. Gleichzeitig betont er, dass er die Argumentation des EDA nachvollziehen könne und deren Haltung vollumfänglich respektiere. Gerade im Beratungsgespräch mit Kundinnen und Kunden sei dieser Zielkonflikt jedoch schwer aufzulösen und entsprechend anspruchsvoll zu vermitteln.
Unterschiedliche Strategien der Reiseveranstalter
Die grössten Schweizer Reiseveranstalter handhaben die Situation unterschiedlich. Von TUI Suisse reisen derzeit keine Passagiere über die Flughäfen der Golfstaaten. Im Fokus stehe dabei nicht nur die unmittelbare Sicherheit am Flughafen, sondern auch ein Folgerisiko entlang der gesamten Reisekette, sagt Sonja Ptassek, Sprecherin von TUI Suisse auf Anfrage.
Dazu zähle insbesondere die Möglichkeit, dass es infolge von Annullationen oder Umbuchungen zu ungeplanten Aufenthalten in einem Land komme, für das eine Reisewarnung gilt. «Das ist ein Szenario, dass es aus unserer Sicht zu vermeiden gilt», so Ptassek.
Dertour Suisse geht mit der Situation anders um. «Auch wenn wir beobachten, dass vermehrt alternative Routen genutzt werden, reisen weiterhin Kundinnen und Kunden über Flughäfen in der Golfregion», erklärt Sprecherin Amélie Schnidrig.
Die Reiseberater von Dertour Suisse informieren Kundinnen und Kunden bei entsprechenden Buchungen transparent über die aktuelle Lage sowie die geltenden Reisehinweise. «Die Entscheidung für oder gegen die Reise liegt letztlich bei den Reisenden selbst», so Schnidrig.
Aus Sicht von Dertour Suisse liegt das zentrale Risiko derzeit vor allem im Luftraum und den damit verbundenen Unsicherheiten im Flugverkehr – etwa kurzfristige Luftraumschliessungen, Umleitungen oder Annullationen. «Diese Faktoren beträfen Transitpassagiere und Aufenthalte vor Ort gleichermassen, sagt die Sprecherin.
«Vor diesem Hintergrund sehen wir aktuell keinen entscheidenden zusätzlichen Nutzen für Reisende in einer Differenzierung zwischen Transit und Aufenthalt.» Wichtiger seien eine gesamtheitliche Beurteilung der Reisesituation sowie transparente Informationen zu möglichen Einschränkungen und Risiken.
Transit im Graubereich
Und wie beurteilt der Ombudsman der Schweizer Reisebranche die aktuelle Lage? Walter Kunz nimmt eine klare Position ein: «Wenn ich mich ausschliesslich im Flughafen-Transit aufhalte, habe ich keinen Grenzübertritt gemacht und bin demzufolge auch nicht ins Land eingereist», sagt er. Gleichzeitig verweist er darauf, dass die Reisewarnung des EDA die Flughäfen mit einschliesse – eine Einschätzung, die er akzeptiere und respektiere.
Für eine abschliessende Klärung müsste ein solcher Fall wohl gerichtlich beurteilt werden, so Kunz. Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung regt er jedoch eine Diskussion an: Es sei prüfenswert, Flughäfen explizit von Reisewarnungen auszunehmen. «Die Öffnung der Flughäfen kommt schneller als die der betroffenen Länder als Ganzes», erklärt der Ombudsman.
Eine Anregung, die im Aussendepartement auf taube Ohren stösst. «Die Reisehinweise des EDA können nicht auf spezifische Konstellationen wie den reinen Flughafentransit eingehen», stellt EDA-Sprecherin Mélanie Gugelmann klar und erklärt, was die aktuelle Reisewarnung konkret aussagt: «Von touristischen und anderen nicht dringenden Reisen wird abgeraten, wenn dringende Reisen unter Einhaltung besonderer Vorsichtsmassnahmen noch als durchführbar eingeschätzt werden.»
In den Reisehinweisen der betreffenden Länder seien die wichtigsten Vorsichtsmassnahmen aufgeführt. Das heisst: Die entscheidende Abwägung bleibt individuell. Wie dringend eine Reise ist und ob sie angetreten wird, muss letztlich jede und jeder für sich selbst entscheiden.