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«Ich denke, bei der Edelweiss geht es nicht um Übergewinne»
Reto SuterRund um die Tarife der Edelweiss ist in der Schweizer Reisebranche eine emotionale Debatte entbrannt. Stein des Anstosses sind die Preise der Ferienfluggesellschaft auf Strecken, wo sie ab der Schweiz faktisch ohne Konkurrenz fliegt. Seit Ausbruch des Iran-Kriegs steigen die Preise dort massiv – vor allem in der Business Class.
Ein Blick auf aktuelle Buchungen zeigt das Ausmass: Für die Frühlingsferien werden in der Business Class rund 10’000 Franken für Mauritius fällig, über 12’000 Franken für die Malediven und knapp 16’000 Franken für die Seychellen. Zahlen, die in der Branche für Kopfschütteln sorgen. Der Unmut ist entsprechend gross. Martin «Tinu» Fiedler, Inhaber von Zentrum Reisen in Mels SG, brachte ihn in einem offenen Brief auf den Punkt.
Die Edelweiss ist derweil darum bemüht, die Wogen zu glätten und nahm gegenüber Travelnews zum Abzocker-Vorwurf Stellung. Die Ferienfluggesellschaft weist die Kritik zurück, die Preise aktiv erhöht zu haben. Hauptgrund für die hohen Tarife sei die aktuelle Marktsituation.
Durch wegfallende Verbindungen über die Golfregion sei das Angebot stark geschrumpft, während die Nachfrage hoch bleibe. Diese Kombination lasse die Preise innerhalb der bestehenden Tarifstruktur automatisch steigen. Die Airline spricht deshalb von einer aussergewöhnlichen Situation – nicht von bewusster Preispolitik.
Branche läuft Sturm
Die Argumentation der Edelweiss besänftigt die Branche in keiner Weise. Im Gegenteil: Sie bringt die Reiseprofis noch mehr in Rage. Das äussert sich in zahlreichen Rückmeldungen, die bei Travelnews in den vergangenen Stunden direkt oder via Kommentarfunktion auf den Social-Media-Kanälen eingegangen sind.
Wortführer bleibt Martin «Tinu» Fiedler – und er spart auch nach der Stellungnahme des Ferienfliegers nicht mit Kritik. Die Argumentation der Edelweiss erinnere ihn an ein Hotel, «das sagt: Wir haben die Zimmerkategorien nicht geändert, aber die Preise pro Kategorie verdoppelt».
Die Airline habe zwar nichts Falsches kommuniziert, aber auch nichts wirklich erklärt, so Fiedler. Die Stellungnahme wirke höflich, glatt, PR-tauglich und inhaltlich dünn. Sie liefere keine echte Begründung für die explodierten Preise, sondern lediglich eine Erklärung dafür, «warum man sie explodieren lassen konnte». Genau hier liege für ihn der Knackpunkt. Die Branche habe allen Grund, kritisch zu reagieren. Fiedler schliesst mit: «So geht’s nicht!»
Gianni Moccetti, früherer langjähriger Vertriebschef von Kuoni, äussert sich ähnlich dezidiert wie Fiedler. «Es ist billig und verwerflich, sich hinter der Marktsituation zu verstecken und Algorithmen, die eben diese abbilden, als unfehlbare Instrumente darzustellen», sagt er. «Die Preisgestalter bei der Edelweiss haben schlichtweg den Realitätsbezug verloren.»
Ihm sei klar, dass eine Angebotsverknappung normalerweise zu höheren Preisen führt. Es gebe aber eine gefühlte Anstandsgrenze, die den Wert des Angebotenen noch widerspiegelt. «Und so bequem können die Liegesitze der Edelweiss in der Business Class nicht sein, so viel Champagner und Kaviar (bei Edelweiss Biberli) können die Passagiere nie konsumieren, damit solche Preise gerechtfertigt wären.»
Experte erklärt die Preisdynamik
Die teils harschen Reaktionen zeigen: In der Reisebranche brodelt es gewaltig. Der Ärger über die Edelweiss-Preise sitzt tief. Wie aber beurteilt ein unabhängiger Experte die aktuelle Situation? Andreas Wittmer, Leiter des Aviatik-Zentrums der Universität St. Gallen, ordnet die Lage nüchtern ein.
Er erklärt gegenüber Travelnews: «Die Airlines in der Golfregion können aus Sicherheitsgründen nicht mehr das gesamte Angebot aufrecht erhalten.» Somit gebe es Reisende, die ausweichen und umbuchen – und die Nachfrage bei europäischen Fluggesellschaften und Ethiopian Airlines ankurbeln, so Wittmer.
«Diese kurzfristige Zunahme der Nachfrage dürfte die Preise steigen lassen.» Ebenfalls müsse mit starken Erhöhungen der Kerosinpreise gerechnet werden. Laut dem Experten hedgen die Airlines den Kerosinpreis. Das heisst, sie sichern den Treibstoffpreis im Voraus ab, um kurzfristige Schwankungen abzuschwächen.
«Allerdings wird meist nicht 100 Prozent der benötigten Kerosin-Nachfrage gehedgt, und das Hedgen funktioniert nur auf eine bestimmte Zeit», sagt Wittmer. «Man verschiebt die Kerosinpreis-Erhöhung einfach um ein paar Monate und hofft, dass bis dann wieder Normalität einkehrt.»
Kerosin mache unter normalen Umständen rund ein Drittel der Gesamtkosten aus. Dieser Anteil dürfte gemäss dem Aviatik-Experten signifikant steigen. «Da Airlines im Durchschnitt eher kleine Margen haben, rutschen sie mit hohen Kerosinpreisen schnell in die Verlustzone.»
Die Frage, wo die Grenze verläuft zwischen marktgetriebenem Pricing und überhöhter Preisgestaltung, will Wittmer nicht konkret beantworten. Er sagt: «Ich denke, bei der Edelweiss geht es nicht um Übergewinne, sondern darum, finanziell unabhängig durchs Jahr zu kommen.»
Sollte sich innert der nächsten wenigen Wochen alles beruhigen, kommt die Airline-Industrie laut Wittmer dank Hedging und Ertragssteigerungen durch mehr Nachfrage auf einigen Routen über die Runden. «Sollte sich die Situation länger hinziehen, könnte es für viele Airlines zu Anpassungen im Netzwerk und dem Angebot führen und auch kritisch werden», so der Leiter des Aviatik-Zentrums an der Universität St. Gallen.
Die Diskussion zeigt, wie stark die Wahrnehmung auseinandergeht: Während viele Reiseprofis die Preise als überzogen kritisieren, verweist die Edelweiss auf Marktmechanismen und äussere Umstände. Gleichzeitig macht die Einschätzung des Experten deutlich, wie komplex die aktuelle Lage für die Airlines ist. Ob sich die Situation rasch entspannt oder länger anhält, wird entscheidend dafür sein, wie sich Preise und Stimmung weiter entwickeln.