Trips & Travellers

Peter Brun lebt weiterhin in Dubai und hat sich in den letzten dreieinhalb Wochen nie unsicher gefühlt. Bild: PB

«Dubai schaltet einen Gang zurück»

Der einstige Kuoni-Kommunikationschef Peter Brun wohnt an der Dubai Marina und meldet sich auf Anfrage von Travelnews mit einem Situationsbericht und einer Einschätzung der Lage.

Die Nahost-Eskalation hält die Welt und die Tourismusindustrie in Atem. In Mitleidenschaft gezogen wurde auch die Glitzermetropole Dubai.

Schon am Tag nach Ausbruch der Eskalation hat Travelnews mit Peter Brun gesprochen. Der einstige Kuoni-Kommunikationschef lebt seit neun Jahren in Dubai – und dies tut er auch weiterhin.

Travelnews hat ihn erneut kontaktiert und wollte wissen, wie sich die Situation in Dubai heute präsentiert? Wie hat sich das Leben in den letzten dreieinhalb Wochen verändert? Fühlt sich die Stadt wie ausgestorben an? Wie geht es den Hotels? Und welchen Image-Schaden muss Dubai als Reiseziel befürchten?

Der Situationsbericht von Peter Brun:

«Knapp vier Wochen nach der Eskalation im Nahen Osten präsentiert sich der Alltag in Dubai weiterhin ruhig, geordnet und sehr funktionsfähig. Geschäfte und viele Restaurants sind geöffnet. Unternehmen empfehlen den Mitarbeitenden, von zu Hause aus zu arbeiten. Schulen haben auf Online-Unterricht umgestellt. Die Strassen sind wenig befahren und die langen Verkehrsstaus sind verschwunden. Die Supermärkte sind sehr gut mit Waren gefüllt. Auch frische Produkte sind problemlos erhältlich.

Dennoch ist eine spürbare Veränderung der Stimmung wahrnehmbar. Die gewohnte Leichtigkeit ist einer nüchternen Wachsamkeit und Bedrücktheit gewichen. Dies wird diese Woche noch durch schlechtes Wetter mit vielen Wolken, Regengüssen und Wind verstärkt. Dubai wirkt nicht ausgestorben, aber ungewohnt ruhig. Die Stadt scheint einen Gang zurückgeschaltet zu haben. Ich selbst habe mich zu keiner Sekunde unsicher gefühlt. Die Armee der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) scheint einen guten Job zu machen, denn über 95 Prozent der fast 2000 iranischen Drohnen und Raketen wurden abgefangen. Es gab verhältnismässig wenige Schäden. Auch informiert die Regierung sachlich, ruhig und nie alarmistisch.

Anders als gewisse Schlagzeilen und Social-Media-Videos suggerierten, herrscht bis heute nirgends in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Panik und Chaos. Auffällig ist, dass touristische Orte weniger belebt sind als sonst. Die Hotelauslastung ist auf unter 20 Prozent gesunken, gegenüber rund 90 Prozent im Januar. Gewisse Hotelrestaurants haben den Betrieb vorübergehend eingestellt. Jene, die geöffnet sind, haben wenige Gäste. Der Service und die Qualität sind jedoch wie gewohnt. Hotels reagieren flexibel und bieten den Einwohnern grosszügige Rabatte, etwa für ein langes Wochenende.

«Inwiefern die VAE einen Imageschaden davontragen, hängt stark von der Entwicklung der nächsten Wochen ab.»

Die Fluggesellschaften der Golfstaaten operieren weiterhin mit einem reduzierten Flugplan. Allerdings fliegt Emirates Airline bereits wieder mehr als 110 der 140 möglichen Destinationen an. Die Ausfallquote ist von anfangs 60 Prozent auf lediglich 14 Prozent gesunken. Dies ermöglicht auch die Versorgung des Landes mit Luftfracht – ein Grund, warum Frischprodukte und lebenswichtige Artikel ausreichend erhältlich sind. Zürich und Genf werden weiterhin mehrmals pro Woche von Emirates und Etihad angeflogen.

Inwiefern die VAE und insbesondere ihre touristischen Hotspots Dubai, Abu Dhabi und Ras al Khaimah einen Imageschaden aufgrund der iranischen Aggression davontragen werden, hängt stark von der Entwicklung der nächsten Tage und Wochen ab. Kommt es zum Ende des Kriegs oder zu einem Waffenstillstand? Wird die Strasse von Hormus für die Schifffahrt wieder vollständig geöffnet? Verbleibt ein feindseliges Regime in Teheran? Eine instabile geopolitische Lage ist nicht im Interesse der Golfstaaten und besonders der VAE, da bei jedem Aufflammen des Konflikts die ganze Region stets in ‚Geiselhaft‘ geraten würde.

Sollte eine Deeskalation der Lage nachhaltig sein, bin ich überzeugt, dass die VAE und Dubai im Besonderen keinen Imageschaden davontragen werden. Die Stadt und das Land sind für Touristen zu attraktiv und als Transithub zu wichtig. Rekordbesucherzahlen wird es dieses Jahr nicht geben. Die Saison endet im Mai und ist wohl bereits jetzt gelaufen. Doch ab Oktober könnten die Besucherströme wieder fliessen wie zuvor. Aus meiner touristischen Arbeit von früher weiss ich, dass Reisende schnell vergessen.»

(TN)