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Travelnews-Chefredaktor Reto Suter war drei Tage in Tuzla, die neue Destination von Chair Airlines im Nordosten von Bosnien und Herzegowina. Bild: TN

Tested Ich kam ohne Erwartungen – und ging begeistert

Reto Suter

Tuzla steht bei einer Reise durch Bosnien und Herzegowina meist im Schatten von Sarajevo und Mostar – zu Unrecht. Travelnews-Chefredaktor Reto Suter hat die neue Destinationen von Chair Airlines drei Tage lang besucht und zeigt, warum sie vielleicht die unterschätzteste Stadt auf dem Balkan ist.

In der Schweiz dürfte Tuzla bisher nur wenigen ein Begriff sein: Historikern, die sich mit dem Bosnienkrieg beschäftigen. Fachleuten aus der Salzwirtschaft, denen eines der traditionsreichsten Salzabbauzentren Europas geläufig ist und natürlich den rund 60'000 Menschen mit bosnischen Wurzeln, die in der Schweiz leben.

Nun hat Chair Airlines die Universitäts- und Industriestadt für Schweizerinnen und Schweizer auf die touristische Landkarte gebracht. Die Schweizer Ferienfluggesellschaft bedient Tuzla seit vergangenem Donnerstag (9. Juli 2026) zweimal wöchentlich ab Zürich.

In erster Linie richtet sich das Angebot, wie Chair-CEO Shpend Ibrahimi sagt, an die bosnische Diaspora in der Schweiz. Die neue Verbindung könnte aber auch Feriengäste anlocken, die den Balkan entdecken möchten.

Tagsüber entspannt, abends voller Leben

Mit seinen rund 100'000 Einwohnern wirkt Tuzla überschaubar. In der Sommer-Hochsaison herrscht tagsüber eine fast schon überraschende Gelassenheit. Vor Cafés und Restaurants stehen genügend freie Tische, selbst über Mittag. Im gepflegten Stadtpark findet sich fast immer ein schattiges Plätzchen. Und an den bekanntesten Fotospots muss niemand Schlange stehen.

Am Abend zeigt sich dann plötzlich eine andere Stadt. Sobald die Temperaturen etwas angenehmer werden, strömt gefühlt ganz Tuzla nach draussen. Familien, Jugendliche, Senioren – alle zieht es ins Zentrum. Der Trg Slobode, der grösste Stadtplatz von Bosnien und Herzegowina, wird zum Dreh- und Angelpunkt.

Wer spontan in einem der beliebtesten Restaurants draussen essen möchte, hat jetzt kaum mehr eine Chance. Ohne Reservation geht nichts. Und vor den zahlreichen Glacé-Ständen bilden sich Warteschlangen von bis zu zwanzig Metern Länge.

Tuzla besitzt keine Fülle berühmter Sehenswürdigkeiten oder Museen. Dafür bietet die Stadt etwas, das sich nicht planen oder bauen lässt: Atmosphäre. Der Trg Slobode ist dafür das beste Beispiel. Gesäumt von historischen Gebäuden, dominiert von einem prächtigen Barockbau und belebt von einem Brunnen mit Wasserfontänen, fühle ich mich hier sofort wohl.

Rund um den Platz reihen sich Cafés, Restaurants und kleine Geschäfte aneinander. Unter einem mächtigen Baum sitzen Einheimische auf der grossen Rundbank, trinken Kaffee oder Bier und beobachten das bunte Treiben.

Die Wege sind kurz. Wenige Gehminuten entfernt liegt der Stadtpark mit dem Denkmal von König Tvrtko I. Kotromanić, dem bedeutendsten Herrscher der mittelalterlichen Geschichte Bosniens. Zwischen Bäumen, Wiesen und Sitzbänken trifft sich Jung und Alt.

Nicht weit davon entfernt ist der Soni Trg, das historische Zentrum der Stadt. Tagsüber geht es ruhig zu, am Abend wird hier gefeiert – mit Musik, Bars und einer lockeren Atmosphäre.

Salz ist Tuzlas grösster Schatz

Das eigentliche Wahrzeichen der Stadt sind jedoch die Pannonischen Salzseen. Sie liegen nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt und gehören zu den ungewöhnlichsten Badeanlagen Europas.

Die Seen wurden künstlich angelegt, werden aber mit natürlicher Sole gespeist. Genau diese Salzquellen machten Tuzla über Jahrtausende zu einem der wichtigsten Salzzentren Europas. Heute sorgen sie für ein ganz besonderes Bade-Erlebnis.

An heissen Sommertagen herrscht Hochbetrieb. Über eine halbe Million Besucherinnen und Besucher zählt die Anlage jeden Sommer. Kiesstrände, Liegewiesen, Wasserfälle, Rutschbahnen und Restaurants machen die Salzseen zum beliebtesten Treffpunkt der Stadt.

Wer dem Trubel entfliehen möchte, steigt zum Aussichtspunkt Kicelj hinauf. Der Fussmarsch dauert rund eine Viertelstunde und fordert an einigen Stellen etwas Kondition. Oben wartet jedoch ein herrlicher Blick über Tuzla – und eines der schönsten Fotomotive der Stadt.

Hervorragend essen – zu Preisen wie vor 50 Jahren

Meine schönsten Erinnerungen nehme ich allerdings nicht von den Sehenswürdigkeiten mit. Ich habe zwei andere persönliche Highlights. Das eine ist die Kulinarik. Ich esse ausnahmslos hervorragend. Und ich zahle dafür Preise, die man in Europa kaum noch für möglich hält.

Mitten im Zentrum bestelle ich vier reich belegte Bruschette als Vorspeise, Tagliatelle mit Rindswürfeln und Steinpilzen, dazu zwei kleine Bier, eine Flasche Wasser und einen Espresso. Die Rechnung: umgerechnet gerade einmal 22 Franken. Nicht irgendwo in einer Seitengasse, sondern an bester Lage.

Ebenso beeindruckt mich die Offenheit der Menschen. Immer wieder sprechen mich Einheimische an, wenn sie sehen, dass ich fotografiere. Nur die wenigsten sprechen Englisch. Doch mit Händen, Füssen und einer Übersetzungs-App entstehen trotzdem Gespräche.

Tuzla ist keine Stadt, für die man eine ganze Woche einplanen muss. Anderthalb bis zwei Tage reichen aus, um ihre schönsten Seiten kennenzulernen. Als Ausgangspunkt für eine Balkan-Rundreise eignet sie sich hingegen hervorragend. Von hier aus lassen sich Bosnien und Herzegowina ebenso gut erkunden wie Kroatien, Serbien, Montenegro, Slowenien oder Ungarn.

Wer Tuzla eine Chance gibt, entdeckt keinen Ort voller Superlative, sondern einen, der mit Charme, Gastfreundschaft, überraschend viel Lebensqualität und einer ganz eigenen Atmosphäre überzeugt. Das macht die Stadt letztlich reizvoller, als es auf den ersten Blick scheint.