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«Wer bezahlt schon 800 Franken für einen anderthalbstündigen Flug?»
Reto SuterSarah Weidmann gehört zu den profiliertesten Stimmen der Schweizer Reisebranche. Die Geschäftsführerin und Inhaberin des Italien-Spezialisten Smeraldo Tours in Wallisellen ZH scheut sich nicht, zu aktuellen Branchenthemen Stellung zu beziehen. Das tut sie klar, fundiert und ohne um den heissen Brei herumzureden.
Travelnews hat Sarah Weidmann in einem für die Reisebranche anspruchsvollen Jahr getroffen. Im Interview spricht sie über die Entwicklung von Smeraldo Tours, die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf das Reisegeschäft – und sie erklärt, welche Lösungsansätze sie für die drängendsten Probleme der Schweizer Reisebranche sieht.
Frau Weidmann, gemäss einer Umfrage des Schweizer Reise-Verbands (SRV) haben nur rund zehn Prozent der Schweizer Reiseunternehmen ihren Umsatz in diesem Jahr um mehr als fünf Prozent gesteigert. Smeraldo Tours setzt mit Italien und den Kanaren auf zwei Destinationen, die als Profiteure des Iran-Kriegs gelten. Gehören Sie zu diesen Gewinnern?
Sarah Weidmann: (schmunzelt) Auf den ersten Blick könnte dieser Eindruck entstehen. In der Realität ist die Situation aber deutlich komplexer. Tatsächlich sind wir sehr stark ins Jahr gestartet. Bis Ende Februar lagen die Buchungseingänge für Individualbuchungen nochmals deutlich über dem bereits hervorragenden Vorjahr. Entsprechend optimistisch war ich. Mit dem Ausbruch des Kriegs kam dann jedoch der jähe Dämpfer. Von einem Tag auf den anderen lief praktisch gar nichts mehr. Nun liegen wir, per Mitte Jahr, etwa gleichauf mit dem Vorjahr.
Sie hatten also zunächst mit einem positiven Effekt gerechnet?
Ja, durchaus. Italien und die Kanaren gelten als sichere Ferienziele. Rund um die Frühlingsferien konnten wir beobachten, dass einige Kundinnen und Kunden ihre ursprünglich geplanten Reisen in den Nahen Osten stornierten und stattdessen auf die Kanaren auswichen. Das hat uns kurzfristig geholfen. Gleichzeitig wurde aber rasch klar, dass dieser Konflikt weitreichendere Folgen hat, als dass man einfach gewisse Destinationen nicht mehr bereisen kann.
Inwiefern?
Die Flugpreise sind regelrecht explodiert – und das beschäftigt uns bis heute. Im vergangenen Herbst bekam man einen Flug nach Sardinien problemlos für rund 250 Franken. In den vergangenen Monaten kosteten dieselben Flüge teilweise bis zu 800 Franken. Das ist schlicht verrückt. Für viele Kundinnen und Kunden war das ein Ausschlusskriterium. Wer bezahlt schon 800 Franken für einen anderthalbstündigen Flug? Erschwerend kam die Pistensanierung am Euro-Airport in Basel hinzu, die das Angebot zusätzlich verknappte. Immerhin beobachten wir seit einigen Wochen wieder eine gewisse Entspannung bei den Flugpreisen. Trotzdem bleibt Italien insgesamt ein eher kostspieliges Reiseziel – auch Hotels und Mietwagen sind zuletzt teurer geworden.
«Das Last-Minute-Geschäft liegt bisher unter meinen Erwartungen»
Fand diese Preisexplosion auch auf der Kanaren-Strecke statt?
Ja, allerdings nicht im gleichen Ausmass. Flüge auf die Kanaren waren schon immer teurer als jene nach Italien. Schliesslich dauert der Flug auch deutlich länger. Während der Frühlingsferien nutzten die Airlines die hohe Nachfrage aber auch dort konsequent aus und hoben die Preise entsprechend an.
Haben Sie in den Wochen vor den Sommerferien einen Last-Minute-Effekt gespürt?
Ehrlich gesagt hatten wir darauf gehofft. Dieser Effekt ist jedoch weitgehend ausgeblieben. Das Last-Minute-Geschäft liegt bisher unter meinen Erwartungen. Ein Grund dürfte das hochsommerliche Wetter in der Schweiz sein. Wenn zu Hause die Sonne scheint und die Temperaturen stimmen, ist der Drang, kurzfristig Ferien zu buchen, erfahrungsgemäss deutlich kleiner als bei Regenwetter.
Smeraldo Tours war von Umbuchungen und Stornierungen infolge des Iran-Kriegs kaum betroffen, viele andere Reiseveranstalter und Reisebüros hingegen schon. In diesem Zusammenhang brachte SRV-Ehrenmitglied René Loosli den Vorschlag ins Spiel, Kundinnen und Kunden für den zusätzlichen Aufwand eine Gebühr zu verrechnen. Ist das der richtige Weg?
Ich finde den Gedanken nicht grundsätzlich falsch. Der Ansatz greift für mich aber zu kurz. Kundinnen und Kunden nachträglich eine Gebühr für einen Mehraufwand zu verrechnen, den sie nicht verursacht haben, finde ich schwierig. Viel sinnvoller wäre es, wenn wir den Wert unserer Beratung konsequenter aufzeigen und dafür von Anfang an einen angemessenen Preis verlangen.
Was meinen Sie damit konkret?
Heute bezahlen Kundinnen und Kunden meist eine Auftragspauschale, sobald sie buchen und manchmal zusätzlich eine Offertengebühr, die bei einer Buchung wieder angerechnet wird. Genau dort sehe ich Potenzial.
Wo genau?
Erstens sind Auftragspauschalen von 100 oder 150 Franken für den geleisteten Aufwand oft zu tief. Zweitens müssten wir konsequenter eine Offertengebühr verlangen, sobald eine Anfrage über ein Standardangebot hinausgeht. Bei komplexeren Buchungen oder ab der zweiten Offerte verlangen wir in der Regel eine Gebühr. In der Praxis merken wir, dass es für viele Reisebüros nicht einfach ist, solche Gebühren gegenüber Kundinnen und Kunden zu erklären. Genau hier braucht es aus meiner Sicht mehr Sicherheit und ein gemeinsames Branchenverständnis.
Gerade für einen Spezialisten wie uns ist der Aufwand pro Offerte enorm. Umso wichtiger ist es, den Kundinnen und Kunden transparent aufzuzeigen, welche Arbeit, welches Fachwissen und welche Verantwortung hinter einer fundierten Reiseofferte stehen. Unsere Beratung ist eine wertvolle Dienstleistung – und wir sollten ihren Wert als Branche selbstbewusster vertreten.
«Persönliche Kontakte bleiben in unserer Branche enorm wichtig»
Ein Thema, das die Schweizer Reisebranche derzeit stark beschäftigt, sind die sinkenden Teilnehmerzahlen an Workshops, die auch schon vermehrt zu Absagen von Schulungsevents geführt haben. Woran liegt’s?
Wenn ich das wüsste! Noch im vergangenen Herbst führten wir in Zürich einen sehr gut besuchten Schulungsevent durch. In diesem Jahr scheint es aber generell harziger zu laufen. Das erstaunt mich. Gerade jetzt, wo vielerorts eine gewisse Buchungsflaute herrscht, wäre eigentlich der ideale Moment, in Wissen und Beratungskompetenz zu investieren. Stattdessen bleiben viele Schulungsplätze leer.
Weshalb?
Dafür gibt es vermutlich mehrere Gründe. Vielleicht ist das Angebot an Events zu gross, vielleicht vermögen einzelne Schulungen nicht zu überzeugen. Hinzu kommt: In vielen Reisebüros sind die Teams kleiner geworden. Dann kann es selbst bei ruhigerem Geschäft schwierig sein, wenn jemand einen ganzen Tag fehlt.
Gleichzeitig laufen viele Social Events, bei denen es weniger um Schulung als um Netzwerken geht, weiterhin gut. Ein aktuelles Beispiel ist die TPS Social Night von Mitte Juni in der Zürcher Altstadt.
Genau – und das passt auf den ersten Blick nicht ganz zusammen. Mir fällt auf, dass jüngere Mitarbeitende an klassischen Branchenevents oft weniger stark vertreten sind als erfahrenere Kolleginnen und Kollegen. Das heisst nicht, dass ihnen Austausch weniger wichtig ist. Aber die Formen des Austauschs haben sich verändert. Für viele Jüngere steht ein Branchenevent heute stärker in Konkurrenz zu Webinaren, digitalen Netzwerken oder der eigenen Freizeit. Umso wichtiger ist es, den Mehrwert solcher Events klar aufzuzeigen. Persönliche Kontakte bleiben in unserer Branche enorm wichtig. Aber man muss heute besser erklären, weshalb sich die Teilnahme lohnt – fachlich, persönlich und auch für die eigene Entwicklung.
«Mir ist bewusst, wie wichtig gut ausgebildeter Nachwuchs für die Zukunft unserer Branche ist»
Ein weiteres Dauerthema in der Schweizer Reisebranche ist der Nachwuchs. Die Zahl der Lernenden liegt noch immer deutlich unter dem Niveau vor Corona. Smeraldo Tours hat bis 2021 Lernende ausgebildet. Weshalb haben Sie dieses Kapitel vorerst geschlossen?
Wir haben gerne Lernende ausgebildet und dabei gute Erfahrungen gemacht. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass unser Profil als Spezialveranstalter für Italien und die Kanaren besondere Anforderungen mit sich bringt. Unsere Stärke liegt in sehr fundiertem Destinationswissen, während die klassische Ausbildung auch eine breite Auseinandersetzung mit vielen weiteren Reisezielen verlangt. Das bedeutet, dass Lernende bei uns viel Eigeninitiative mitbringen müssen, um sich auch Wissen über andere Destinationen anzueignen. Aktuell setzen wir deshalb stärker auf Quereinsteigerinnen mit Berufs- und Verkaufserfahrung sowie Destinationswissen in Italien oder auf den Kanaren. Sie bringen bereits viel Kundenverständnis und Praxis mit, was sehr gut zu unserem Betrieb passt. Das heisst aber nicht, dass wir das Thema Lernende abgeschlossen haben.
Der Schweizer Reise-Verband prüft derzeit Sharing-Modelle, bei denen Lernende ihre Ausbildung in mehreren Betrieben absolvieren. Wäre das für Smeraldo Tours eine Option?
Durchaus. Ich finde es gut, wenn die Branche auch unkonventionelle Lösungen prüft. Ein solches Modell wirft allerdings neue Fragen auf. Jeder Betrieb investiert viel Zeit und Geld in die Ausbildung und möchte eine gute Nachwuchskraft nach der Lehre möglichst übernehmen. Wer erhält am Ende den Zuschlag – und wer geht leer aus?
Warum verzichten Ihrer Meinung nach immer mehr Reiseunternehmen darauf, Lernende auszubilden?
Die Teams sind kleiner geworden, die Dossiers komplexer, und die Ausbildung ist sehr zeitintensiv. Während drei Jahren braucht es viel Begleitung und Betreuung. Gleichzeitig frage ich mich schon länger, ob das heutige Ausbildungsmodell überhaupt noch optimal ist.
Was meinen Sie damit?
Ich stelle mir die Frage, ob Reisebüro-Mitarbeitende zwingend eine kaufmännische Ausbildung brauchen oder ob eine Ausbildung mit stärkerem Bezug zum Detailhandel den heutigen Anforderungen nicht besser entsprechen würde. Meine Erfahrungen mit Quereinsteigerinnen sprechen jedenfalls dafür. Die meisten von ihnen kommen aus dem Detailhandel und haben sich hervorragend entwickelt.
Könnte Smeraldo Tours künftig wieder Lernende ausbilden?
Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Unser Entscheid gilt mindestens noch bis Ende nächsten Jahres. Danach ist eine Rückkehr durchaus denkbar. Mir ist bewusst, wie wichtig gut ausgebildeter Nachwuchs für die Zukunft unserer Branche ist.