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«Der Schweizer Reisemarkt liegt derzeit rund 15 Prozent unter Vorjahr»
Reto SuterHinter der Schweizer Reisebranche liegen turbulente Monate. Der Ausbruch des Iran-Kriegs am 28. Februar 2026 stellte sie vor vollendete Tatsachen: Zunächst mussten zahlreiche gestrandete Kundinnen und Kunden zurück in die Schweiz gebracht werden, danach folgten Umbuchungen und Stornierungen – verbunden mit erheblichem Mehraufwand für die Reisebüros. Und als wäre das nicht genug gewesen, kühlte sich im Frühling auch noch die Nachfrage markant ab.
Immerhin: Seit Juni belebt sich das Geschäft wieder. Von einer Buchungswelle, wie sie sich viele in der Branche erhoffen, kann aber noch keine Rede sein. Wie beurteilt Martin Wittwer, Präsident des Schweizer Reise-Verbands (SRV), die aktuelle Lage? Und wie fällt sein Zwischenfazit zum Reisejahr 2026 aus? Travelnews hat nachgefragt.
Herr Wittwer, seit März ist in der Schweizer Reisebranche von einer massiven Buchungsflaute die Rede. Wie ernst ist die Lage aus Ihrer Sicht?
Martin Wittwer: Die Reisebranche ist Krisen gewohnt – und sie hat in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass sie mit schwierigen Situationen umgehen kann. Wichtig ist: Diese Krise ist nicht hausgemacht, sondern eine direkte Folge der geopolitischen Unsicherheit. Aktuell gehen wir davon aus, dass der Schweizer Reisemarkt beim Umsatz rund 15 Prozent unter dem Vorjahr liegt. Gemäss der Rückmeldungen unserer Mitglieder liegen rund drei Viertel der Reisebüros und Reiseveranstalter hinter 2025 zurück. Etwa jedes vierte Unternehmen bewegt sich dagegen auf Vorjahresniveau oder sogar darüber.
Lässt sich erkennen, welche Reisebüros besser durch diese Phase kommen?
Das hängt stark vom Portfolio ab. Wer sich auf Individualreisen in den Nahen Osten oder nach Fernost spezialisiert hat, spürt die Krise stärker. Wer hingegen Reisen ins westliche Mittelmeer oder in den Norden verkauft, hat deutlich bessere Voraussetzungen.
Mehrere Reisebüros sagten gegenüber Travelnews, die Nachfrage ziehe seit rund zwei Wochen wieder an – allerdings langsamer als erhofft. Wo ist die Reiselust geblieben?
Die Reiselust ist nicht verschwunden. Aber sie ist noch längst nicht dort, wo sie vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs war. Auffällig ist: Entweder wird sehr kurzfristig gebucht oder bereits sehr langfristig, teilweise schon für 2027 oder sogar 2028. Was derzeit fehlt, sind Buchungen mit einem Horizont von drei bis vier Monaten. Gerade diese geben den Reisebüros normalerweise Planungssicherheit.
«Viele glauben an einen Nachholeffekt, sobald sich die Lage im Nahen Osten stabilisiert»
Bis Ende Mai haben 21 Reisebüros oder Veranstalter Kurzarbeit beantragt. Muss sich die Branche Sorgen machen?
Das Thema beschäftigt die Branche. Gleichzeitig lohnt sich die Einordnung: Wenn wir von rund 700 Reisebüros mit Kundengeldabsicherung in der Schweiz ausgehen, entsprechen 21 Betriebe etwa drei Prozent. Eine Marktumfrage, die der SRV in der Branche durchgeführt hat, zeigt zudem: Für drei Viertel der Unternehmen ist Kurzarbeit derzeit kein Thema. Ein Viertel beobachtet die Situation und hält entsprechende Szenarien bereit. Ich finde das richtig. Der Grundtenor bleibt aber optimistisch. Viele glauben an einen Nachholeffekt, sobald sich die Lage im Nahen Osten stabilisiert.
Stichwort Nachholeffekt: Die Friedensvereinbarung zwischen Iran und den USA sorgt für Hoffnung. Reicht das bereits für einen Aufschwung?
Wenn daraus tatsächlich ein nachhaltiger Frieden entsteht – und das hoffen wir alle –, dann rechne ich mit einem Nachholeffekt. Die aktuellen Buchungsmuster sprechen dafür: Die Menschen buchen kurzfristig oder sehr langfristig, aber kaum mittelfristig. Das deutet darauf hin, dass viele ihre Reisepläne lediglich verschoben haben. Der Aufschwung wird in diesem Fall eintreten. Davon profitieren vor allem jene Reisebüros, die auch während der Krise weiterhin auf Servicequalität, Kundennähe und persönliche Beratung gesetzt haben und digital fit sind.
Auch der SRV war betroffen und musste die Generalversammlungsreise vom Oman nach Ägypten verlegen. Wie schwer fiel dieser Entscheid?
Wir hätten die Reise sehr gerne wie geplant in Salalah durchgeführt. Aber irgendwann braucht es Planungssicherheit. Unser Partner Orascom konnte rasch eine Alternative in El Gouna anbieten. Dafür sind wir sehr dankbar. Natürlich ist es schade, aber am Ende war es besser, frühzeitig zu handeln, statt später kurzfristig absagen zu müssen. Ich freue mich nun sehr auf das Programm in Ägypten.
Gemeinsam mit dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) hat der SRV im Mai 2026 neue Empfehlungen für Reisen via Golf-Hubs veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen?
Sehr positiv. Die Unsicherheit rund um Umsteigeverbindungen via Doha, Dubai oder Abu Dhabi war für viele ein grosses Thema. Gleichzeitig entstand eine Wettbewerbsverzerrung: Airlines flogen, deutsche Veranstalter verkauften Reisen, bei uns herrschte hingegen grosse Zurückhaltung. Diese Blockade zu lösen, war für viele eine Erleichterung. Krisen sind manchmal auch ein Anlass, um Gewohntes zu hinterfragen.
«Das Problem der Branche ist aus meiner Sicht nicht die Marge, sondern das Volumen»
SRV-Ehrenmitglied René Loosli brachte ins Spiel, Kundinnen und Kunden an Zusatzaufwänden zu beteiligen. Was halten Sie davon?
Ich schätze neue Ideen sehr. Sie helfen der Branche, sich weiter zu entwickeln. Persönlich bin ich in dieser Sache aber zurückhaltend. Der grosse Mehrwert der Schweizer Reisebranche liegt in Beratung, finanzieller Sicherheit durch die Kundengeldabsicherung und Unterstützung im Krisenfall. Dafür zusätzlich Geld zu verlangen, halte ich für keine gute Idee. Zumal die Reisebüros bereits mit Gebührenmodellen arbeiten. Wer mögliche Zusatzaufwände darin nicht abbildet, sollte bestehende Modelle prüfen, statt neue Gebühren einzuführen.
Aber Sie verstehen den Frust jener Mitarbeitenden, die in solchen Phasen viele Stunden gratis arbeiten?
Absolut. Das verstehe ich sehr gut. Trotzdem glaube ich nicht, dass zusätzliche Gebühren die richtige Antwort sind. Das Problem der Branche ist aus meiner Sicht nicht die Marge, sondern das Volumen. Wer versucht, über höhere Gebühren Erträge zu sichern, riskiert am Ende weniger Geschäft.
Wie fällt Ihr Zwischenfazit zur Rolle des SRV in dieser Krise aus?
Mein grosser Dank gilt unserer Geschäftsstelle. Sie hat hervorragende Arbeit geleistet. Wir haben unmittelbar reagiert, den Austausch mit Veranstaltern gesucht, Gespräche mit Versicherungen organisiert, rechtliche Unterstützung angeboten und eng mit dem EDA zusammengearbeitet. Besonders beim Thema Transitflüge konnten wir gemeinsam eine tragfähige Lösung finden. Gleichzeitig verdient auch die gesamte Branche Anerkennung: Sie hat diese Krise bisher ruhig, professionell und ohne grosse Aufregung gemeistert.