Here & There

Als erfahrene Reisende und Expertin für barrierefreie Hotellerie und Mobilität weiss Sonja Häsler: Barrierefreiheit ist eine grosse Chance für die Hotellerie. Bild: Sonja Häsler

Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal – nicht als Sonderfall

Christoph Ammann

Sonja Häsler kennt Hotels aus einer besonderen Perspektive: aus dem Rollstuhl. Im Interview spricht die Expertin für barrierefreie Hotellerie über Autonomie, Alltagstauglichkeit und darüber, warum Barrierefreiheit vor allem eine Frage der Haltung ist.

Sonja Häsler war als Badminton-Paraspitzensportlerin in über 36 Ländern unterwegs. Die 49-jährige Bernerin lebt heute in Basel und engagiert sich in Mandaten und Kommissionen für Procap Reisen & Sport. Ihre Erfahrung macht sie zu einer profunden Kennerin barrierefreien Reisens.

Frau Häsler, darf man den Begriff «Behinderung» heute noch verwenden?

Sonja Häsler: Das ist eine sehr individuelle Frage, und es gibt dazu unterschiedliche Meinungen. Persönlich erlebe ich mich weniger als «behindert», sondern eher als durch die Umgebung behindert. Entscheidend ist für mich, ernst genommen zu werden. Der Wortwahl wird oft zu viel Aufmerksamkeit geschenkt – diese Energie wäre aus meiner Sicht in zugängliche Infrastruktur besser investiert. Schon kleine Dinge machen im Alltag einen grossen Unterschied: etwa, wenn ich vom Rollstuhl aus selbständig eine PET-Flasche entsorgen oder Butter aus der Kühlvitrine nehmen kann.

Wie sind Sie bei der Evaluation der barrierefreien Hotels vorgegangen?

Ich habe mich auf Mobilitätseinschränkungen konzentriert. Absolute Barrierefreiheit gibt es in keinem Hotel, denn die Bedürfnisse unterscheiden sich von Person zu Person. Gemeinsam haben wir im Vorfeld eine Liste mit Schweizer Hotels erstellt, die grundsätzlich für Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer infrage kommen. Anhand definierter Kriterien kristallisierten sich fünf Häuser heraus, die ich besucht habe. Spannend war dabei auch die unterschiedliche Willkommenskultur – etwa bei der Terminvereinbarung oder beim ersten Kontakt an der Rezeption.

Worauf lag Ihr Augenmerk besonders?

Sind Informationen über Barrierefreiheit des Hotels auf der Website vorhanden? Gibt es Stufen beim Eingang oder eine schwer passierbare Schmutzschleuse? Gelangt man über den Haupteingang oder zumindest über einen nahegelegenen Nebeneingang selbständig zur Rezeption? Autonomie und ein Gefühl von Normalität sind zentral. Ebenso wichtig ist die Kommunikation auf Augenhöhe am Frontdesk – wir schätzen es, wenn man uns nicht buchstäblich von oben herab begegnet.

«Unsere Bedürfnisse sind so individuell wie die Menschen selbst – dennoch gibt es verbindliche Normen, die für die Mehrheit eine gute Zugänglichkeit sicherstellen.»

Was ist im Zimmer besonders wichtig?

Das Badezimmer spielt eine Schlüsselrolle. Ein unterfahrbarer Waschtisch ohne störende Möbel, gut erreichbare Armaturen, Föhn und Spiegel sowie Frotteetücher auf passender Höhe sind essenziell. In der Dusche braucht es einen stabilen Duschstuhl. Wichtig ist auch, dass ich nach dem Transfer den Rollstuhl aus der Kabine schieben und den Duschvorhang schliessen kann. Sehr hilfreich – und aus meiner Sicht unverzichtbar – ist eine Alarmschnur, die bis zum Boden reicht, falls Hilfe benötigt wird.

Wie steht es ums stille Örtchen?

Das Wichtigste: Neben Griffen, die den Transfer vom Rollstuhl auf die Toilette erleichtern, braucht es ausreichend Platz für den Rollstuhl und gegebenenfalls eine Assistenzperson. Selbstverständlich sollte auch das Toilettenpapier in Griffnähe sein. Wichtig ist mir hier eine Klarstellung: Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer sind keine homogene Gruppe. Manche sind mit schmalen Handrollstühlen sehr mobil, andere benötigen mit einem breiteren E-Rollstuhl deutlich mehr Platz. Unsere Bedürfnisse sind so individuell wie die Menschen selbst – dennoch gibt es verbindliche Normen, die für die Mehrheit eine gute Zugänglichkeit sicherstellen.

Hat sich die Branche in den letzten Jahren weiterentwickelt?

Ja, definitiv. Die Tourismusbranche ist heute deutlich besser sensibilisiert als früher. Für eine wirklich praxistaugliche Umsetzung braucht es jedoch weiterhin Aufklärung und Fachwissen. Ich arbeite gerne mit Checklisten, die Hoteliers bei betrieblichen Abläufen unterstützen. Besonders wertvoll sind transparente Informationen für Gäste im Rollstuhl – idealerweise gut auffindbar auf der Hotel-Website.

Was ist im Schlafbereich entscheidend?

Flexibilität. Möbel wie Bett oder Nachttisch sollten verschiebbar sein, um ausreichend Platz für den Rollstuhl zu schaffen. Manche Gäste transferieren von links ins Bett, andere von rechts – das sollte möglich sein.

Wie wichtig ist die Betthöhe?

Sehr wichtig. Grundsätzlich bevorzugen wir eher tiefere Betten, die mit einfachen Behelfsmassnahmen wie zum Beispiel passgenaue Holzleisten erhöht werden können. Der aktuelle Trend hin zu Boxspringbetten erschwert oder verunmöglicht oft den selbständigen Transfer.

Und Technik und Beleuchtung?

Ein gut erreichbarer Hauptlichtschalter ist sehr angenehm. Generell sollte die gesamte Technik – von der Klimaanlage über die Kleiderstange im Schrank bis zum Kartenschlitz – vom Rollstuhl aus bedienbar und gut einsehbar sein.

«Für Hotels bedeutet das nicht nur Inklusion, sondern auch eine Chance: Sie gewinnen neue Gästegruppen.»

Gibt es weitere typische Engpässe?

Der Lift sollte ausreichend Platz bieten, insbesondere für Elektro-Rollstühle. Und generell gilt: Stufenlose Zugänge sind im ganzen Hotel für alle ein grosser Gewinn, so etwa auch im Umgang mit Rollkoffern. Im Restaurant spielt neben der Tischhöhe auch die Konstruktion eine Rolle – Tischbeine oder Sockelplatten sollten nicht im Weg sein.

Wie erleben Sie Frühstücksbuffets?

Sehr positiv – vor allem, wenn ich mich selbständig bedienen kann. Das Buffet sollte eine für uns gut erreichbare  Höhe haben, und bei geschlossenen Behältern, die nicht einsehbar sind, hilft eine Beschriftung. Ideal ist auch ein Tisch in der Nähe des Buffets, damit die Wege kurz bleiben.

Nutzen Sie auch Wellnessangebote?

Ja, sehr gerne. Schwimmbad und Sauna sind ein grosser Mehrwert, um nicht zu sagen ein Segen! Entscheidend sind klare Vorabinformationen zur Zugänglichkeit. Ein stufenloser Zugang zur Wellnesszone ist wichtig. Ein Poollift ist optimal, aber auch ein erhöhter Beckenrand kann den Einstieg erleichtern.

Ihr Fazit: Ist die Schweizer Hotellerie bereit für Gäste mit Handicap?

Es gibt bereits viele gute Ansätze, doch insgesamt besteht noch Potenzial. Barrierefreiheit ist ein Thema, dem die Schweiz und ihre Leistungsträger aus meiner Sicht künftig noch mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Für Hotels bedeutet das nicht nur Inklusion, sondern auch eine Chance: Sie gewinnen neue Gästegruppen – zum Beispiel ältere Gäste mit Rollator – und stärken ihre Qualität. Ich wünsche mir, dass sich die Branche weiterhin offen und engagiert mit dem Thema auseinandersetzt. Ich höre noch zu oft: Es geht nicht, wir können Sie nicht unterbringen. Vieles ist eine Frage der Haltung, nicht der Finanzen!