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Atlantik, Avantgarde und Aromen: Unterwegs im Baskenland
Matthias ReimannDas Baskenland gehört mit Galicien, Asturien und Kantabrien zum sogenannten ‘Grünen Spanien’. Der Golf von Biskaya ist eine gigantische Atlantik-Bucht, die sich von Galicien bis zur Bretagne entlang der Westküste Frankreichs ausdehnt. Extremer Seegang und garstige Winde sind alltäglich. Diese Unbändigkeit prägt die Küstenregionen des Baskenlandes, während das Hinterland von milderer Witterung profitiert.
Geografisch ist die Gegend facettenreich. Entlang der 170 Kilometer langen Küste zeigt das Baskenland sein dramatisches Gesicht. Schroffe Klippen, Buchten und Strände reihen sich aneinander. Gegen das Inland hin wechseln sich dichte Wälder mit offenen Wiesen ab. In Álava, dem südlichsten Teil des Baskenlandes, wird das Land flacher, offene Ebenen dominieren. In der Rioja Alavesa sind die Hügel von Reben überzogen. Weinbau bestimmt hier sowohl Landschaftsbild als auch die lokale Wirtschaft.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren im Baskenland nicht nebeneinander, sondern reichen sich die Hand: in der Architektur, in der Gastronomie, im grünen Hinterland und entlang der rauen Baskischen Küste (Costa Vasca) ebenso wie im Alltag der Menschen.
Baskisch ist seit 1979 offizielle Sprache des Baskenlandes. Sie ist ein linguistisches Unikum: niemand weiss, woher die Sprache stammt. Sprachforscher sind überzeugt, dass es sich beim Baskischen um die älteste europäische Sprache handelt. Dass sie mit keiner anderen Sprache auch nur annähernd verwandt ist, macht Baskisch noch aussergewöhnlicher.
Von der Industriebrache zum urbanen Superstar
Wer an Bilbao denkt, dürfte eines der weltweit spektakulärsten Beispiele avantgardistischer Architektur vor dem geistigen Auge haben: Das von Frank O. Gehry entworfene Guggenheim-Museum für zeitgenössische Kunst. Eigentlich hatte die Guggenheim-Stiftung Barcelona, Bordeaux oder Salzburg als Standort für das bahnbrechende Museum im Kopf. Doch das vor weniger als 40 Jahren noch heruntergekommene, triste und wirtschaftlich geschwächte Bilbao stach sie alle aus.
Wegen seiner Tallage am Fluss Nervión und der Industriebetriebe und Werften nannte man die Stadt früher El Botxo – das Loch. Doch das ist Vergangenheit, denn El Botxo qualmt längst nicht mehr, sondern funkelt. Je nach Witterung strahlt die aus Titanplatten geschaffene Aussenhülle des verschachtelten Museums-Gebäude grau getrübt bis golden glänzend und versinnbildlicht den Wandel der Stadt. Wie das gesamte Baskenland ist Bilbao weltoffen, architektonisch ambitioniert, avantgardistisch und international vernetzt. Das spektakuläre Guggenheim-Museum hat Bilbao zwar weltweite Aufmerksamkeit verschafft, dennoch ist es nur Teil eines wunderbaren Ganzen.
Da wäre beispielsweise die Casco Viejo, der Altstadt-Kern mit der beeindruckenden gotischen Catedral de Santiago Apóstol. Wer das Viertel durchstreift, taucht ein in ein Labyrinth kleiner Strassen und Passagen. Die Gässchen sind perfekt zum Schlendern. Man sieht Boutiquen und Ateliers, die für einmal nicht gesichtslosen internationalen Grosskonzernen angehören. Es gibt Miniläden mit farbenfrohen Bonbon- und Schokoladeauslagen, winzige Lebensmittelgeschäfte, einen auf baskische Trachten spezialisierten Händler und einen Blumenladen, der wie ein spriessendes Gewächshaus aussieht. Dazu gesellen sich Hunderte Kneipen, Tavernen und Bars, die Schauplätze der einzigartigen baskischen Pintxos-Kultur sind.
Bilbao ist eine dynamische Kulturmetropole, die mit Selbstverständlichkeit bahnbrechende Architektur, urbane Lebensqualität und kulinarische Vielfalt vereint. Entlang des Flusses Nervión gibt es grosszügige Promenaden und öffentliche Räume, welche die Stadt neu strukturieren. Ikonische Bauwerke wie die Zubizuri-Brücke des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava oder die Metrozugänge - von niemand geringerem als Norman Foster geschaffen – ergänzen wundervoll den gestalterischen Anspruch des Guggenheim-Museums.
Baskische Tapa
Der Mercado de la Ribera ist die 1929 erbaute Markthalle von Bilbao. Mit 10 000 Quadratmetern Fläche beherbergt sie einen der grössten Märkte Europas. Der Markt besticht durch ein hervorragendes Angebot an Fisch und Meeresfrüchten.
In der Fleisch- und Gemüsehalle sind auch die berühmten Pintxos zu Hause. Tapas kann jeder in Spanien, im Baskenland isst man aber Pintxos: Kleine Weissbrot- Scheiben werden mit allem, was schmeckt, reich belegt und mit einem kleinen Holzspiess zusammengehalten. Variationen reichen von Schinken über Paté und Käse zu Sardellen, Garnelen, Bacalao Mousse (Stockfisch), Oliven oder Gemüse.
Küstenlinie mit Charakter
Zwischen Bilbao und San Sebastián entfaltet sich eine atemberaubende Küstenlandschaft. Sie entdeckt man am besten mit dem Mietwagen, denn so kann man überall stoppen und staunen. Ein bemerkenswerter Höhepunkt ist Gaztelugatxe. Eine kleine, über eine schmale Steinbrücke erreichbare Klosterinsel, erhebt sich dramatisch aus dem Meer. Spätestens seit ihrer medialen Inszenierung in ‘Game of Thrones’ ist sie international bekannt.
Einen bewussten Kontrast setzt das Fischerdorf Getaria. Authentisch, traditionsbewusst und zugleich international relevant, vereint es kulturelle und kulinarische Highlights. Als Geburtsort des Modeschöpfers Cristóbal Balenciaga besitzt der Ort eine besondere Strahlkraft, die durch ein sehenswertes Museum unterstrichen wird. Gleichzeitig steht Getaria für eine Küche, die kompromisslos auf Qualität setzt. Wer hier fangfrischen Fisch, schonend gedämpft und begleitet von Gemüse aus der Region mit einem lokalen Wein geniesst, stösst direkt ins Herz der baskischen Esskultur vor.
Belle Époque und Michelin-Sterne
San Sebastián, baskisch Donostia, empfängt Reisende mit eleganter Architektur und einem Hauch von Belle Époque. Keine andere Stadt der Welt verfügt über eine vergleichbare Dichte an Michelin-Sternen pro Kopf der Bevölkerung: Aktuell sind es 19. Dennoch ist Genuss alltagsnah, locker und ohne Zwang. In der Altstadt Parte Vieja pflegen Einheimische wie Gäste den Txikiteo: Man zieht von Bar zu Bar, trinkt kleine Gläser Wein oder Sidra und geniesst leckere Pintxos.
Die Lage der Stadt ist aussergewöhnlich. Die muschelförmige Playa de la Concha ist ein wunderbarer Stadtstrand, der San Sebastián einen leicht mondänen Anstrich verleiht. Standseilbahnen führen auf den Monte Igueldo und den Monte Urgull, von wo sich weite Ausblicke über Stadt, Atlantik und Hinterland eröffnen.
Vitoria-Gasteiz – Die Hauptstadt des Baskenlandes
Wenigen ist der Name Vitoria Gasteiz vertraut und den meisten dürfte unbekannt sein, dass weder San Sebastián noch Bilbao, sondern genau diese kleine Unbekannte die Hauptstadt des Baskenlandes ist. Ausserhalb des Rampenlichts der Küste liegt Vitoria Gasteiz auf 500 Metern über Meer südöstlich von Bilbao im grünen Hinterland auf der alavesischen Hochebene.
Die baskische Hauptstadt ist stolz auf ihren mittelalterlichen Stadtkern, der von zahllosen Plätzen und Gebäuden mit traditionellem Flair geprägt ist. Aufgrund ihrer ovalen Form wird die Altstadt auch die Mandel genannt. Das eigentliche Stadtzentrum ist die Plaza de la Virgen Blanca mit dem Denkmal, das an die Schlacht von Vitoria erinnert. Zwei sehenswerte Kathedralen dominieren das historische Viertel: die neue Kathedrale der María Inmaculada und die Alte Kathedrale (Catedral Vieja).