Here & There
Protokoll einer Katastrophe mit Ansage
Patrick HuberDer 26. Mai 1991 markiert den schwärzesten Tag der österreichischen Luftfahrtgeschichte. 223 Menschen (darunter 7 Schweizer) fanden beim Absturz der «Mozart» den Tod, die – hätten Behörden und die Lauda Air nicht geschlampt und die vielen Warnzeichen ernst genommen – nie mit ihrem Leben hätten bezahlen müssen. Der Wiener Aviatikjournalist Patrick Huber hat die Story minutiös recherchiert, unzählige Interviews mit Hinterbliebenen geführt. Dabei ist er bei seinen Recherchen trotz viel Widerstand auf eine Serie unglaublicher Pannen und Vertuschungen gestossen. Das 456-seitige Buch liest sich wie ein Krimi.
15 Minuten nach dem Start auf dem auch heute noch häufig angeflogenen Don Muang-Flughafen in Bangkok stürzte die Boeing 767-300 ER «Mozart» in den thailändischen Dschungel, nachdem sich in einer Höhe von 24'700 Fuss (rund 7500 Meter) die Schubumkehr des linken Triebwerks geöffnet und die Piloten in der Folge die Kontrolle über den Grossraumjet verloren hatten.
Die Ursachenforschung gestaltete sich schwierig, weil das Flugzeug in einen Urwald gestürzt war. Auch erwies sich die Identifizierung der zerschmetterten Leichen wegen der grossen Hitze und Feuchtigkeit äusserst schwierig. Waren doch die damaligen Methoden (Fingerabdrücke, Zahnstatus) mit den heutigen (Stichwort: DNA) kaum zu vergleichen.
Die thailändische Kommission, welche den Unfall untersuchte, konnte die Ursache für das unbeabsichtigte Öffnen der Schubumkehr während des Steigflugs aufgrund des Zerstörungsgrad des Wracks nicht mehr feststellen. Boeing als Herstellerin des Flugzeugtyps nannte das Auslösen der Schubumkehr während des Flugs «einen Konstruktionsfehler». Fälschlicherweise ging Boeing davon aus, dass die Piloten diesen Fehler in der Luft noch hätten korrigieren können.
Fragwürdig Rolle gespielt
Für Patrick Huber ist der Absturz deutlich vielschichtiger. Das Management der Lauda Air, der 2019 verstorbene frühere Formel 1-Weltmeister und CEO der Lauda Air, Niki Lauda, und auch die österreichischen Aufsichtsbehörden hätten «eine fragwürdige Rolle» gespielt.
Der mittlerweile ebenfalls verstorbene technische Direktor der Lauda Air, Hanns Pekarek habe Niki Lauda viele Monate vor dem Absturz der «Mozart» über den grossen Arbeitsdruck bei der Wartung aufmerksam gemacht und dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet sei. Pekarek habe sogar seiner Familie ein «Flugverbot» mit Lauda Air erteilt. Pekarek verliess die Airline acht Monate vor dem fatalen Absturz.
Ins Bild passt, dass es Ungereimtheiten mit den Lizenzen der beiden amerikanischen Piloten gab. Deren Lizenzen seien ohne Überprüfung 16 Monate lang gültig gewesen. Zum Vergleich: österreichische Piloten müssen alle sechs Monate einen Checkflug absolvieren. Die Aufsichtsbehörden schritten nicht ein.
Mehr als 60 Fehlermeldungen
Vier Wochen vor dem Absturz habe es mehr als 60 Fehlermeldungen in Bezug auf die Schubumkehr am linken Triebwerk gegeben. Alle Hinweise wurden ignoriert. Ein von der Staatsanwaltschaft Wien beauftragter Gutachter fand heraus, dass die «Mozart» am Unglückstag «überhaupt nicht mehr» hätte fliegen dürfen, sondern zur Fehlersuche und -behebung in der Werft hätte stehen müssen.
Patrick Huber hat mit dem österreichischen Experten Ernst Zeibig (2024 verstorben) mehrere Gespräche geführt. Dabei kam Erschütterndes zutage. Lauda Air und die österreichischen Behörden hätten ihn nur mangelhaft bei seiner Arbeit unterstützt. Zeibig überprüfte die technischen Unterlagen der «Mozart» viel intensiver als es die thailändische Kommission je getan hatte. In den vom Gericht bei Lauda Air beschlagnahmten Unterlagen fehlten zwei Dutzend Einträge aus dem technischen Logbuch der «Mozart».
Niki Lauda, selber Linienpilot, war über die Enthüllungen alles andere als erfreut und bezeichnete den Experten mit Jahrzehntelanger Erfahrung sinngemäss als «unfähig». Er hatte sich sogar zur Behauptung verstiegen, die internationale Flugunfallkommission habe «eindeutig» festgestellt, «dass es bei uns keine Wartungsmängel gab.»
Das Gutachten wurde niemals veröffentlicht und von den staatlichen Stellen weitgehend unter Verschluss gehalten. Formaljuristisch sei dies korrekt gewesen, denn Gerichtsakten sind aus Datenschutzgründen nicht für jedermann einsehbar, betont der Autor.
Trotzdem hätte die Justiz den von ihr beauftragten Gutachter Dr. Zeibig autorisieren können, sich öffentlich auf Anfrage – beispielsweise der Hinterbliebenen – dazu zu äussern. Doch auch dies geschah nicht.
Keine Gedenkstätte in Österreich
Bis heute gibt es in Österreich noch keine Gedenkstätte, die an die 223 Opfer des schwersten Luftfahrtunglücks in der Geschichte des Landes erinnert. 27 nicht identifizierte Leichen wurden in Thailand in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt. Die mit argen Liquiditätsproblemen kämpfende Lauda Air wurde 2002 von der Austrian Airlines (AUA) übernommen. Die AUA weigert sich bis heute, die Kosten für die Instandhaltung der thailändischen Gedenkstätte zu übernehmen.
Patrick Huber beschäftigt sich seit dem Absturz mit dem Thema. Er hatte schon zu Lebzeiten Laudas eine grosse Reportage dazu veröffentlicht. Und dabei auch die Pressestelle mit einem Fragenkatalog konfrontiert – aber nie eine Antwort erhalten. Off the Record spricht er aus dem Nähkästchen über seine bei den Recherchen gemachten Erfahrungen. Zitiert werden will er aber nicht, obwohl er nie eine Klageandrohung von Seiten Laudas erhalten hat. Das Thema ist in Österreich viel zu heikel, zumal Niki Lauda auch heute noch als Nationalheld gilt.
Lauda Air NG 004: Der letzte Flug der Mozart - Österreichs grösste Luftfahrtkatastrophe von Patrick Huber, www.der-rasende-reporter.info. Herausgegeben im Eigenverlag über Neopubli GmbH Kpenicker Strasse 154a, 10997 Berlin. ISBN-10, 3565180528 ; ISBN-13, 978-3565180523; 456 S., Paperback und Softcover.