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«Wir verkaufen keine Kabine – wir verkaufen eine emotionale Erfahrung»
Nik EugsterHerr Rainer, Sie feiern 130 Jahre Expedition. HX als Marke gibt es ja noch nicht so lange. Warum dieses Jubiläum?
Gebhard Rainer: Wir können unsere Geschichte bis ins Jahr 1896 zurückverfolgen. Damals fand die erste kommerzielle Expedition statt – mit der «Lofoten» von Hammerfest nach Spitzbergen. Organisiert wurde sie von Persönlichkeiten aus dem Umfeld von Fridtjof Nansen. Vier oder fünf zahlende Gäste waren damals an Bord. Diese Expeditions-DNA ist Teil unserer Herkunft.
Wird diese historische Reise zum Jubiläum wiederholt?
Nicht die exakte Route. Aber wir bauen die originale Gästekabine von damals nach und integrieren sie für ein Jahr an Bord der Fridtjof Nansen. Gäste können während ihrer Reise eine Nacht in dieser «1896-Kabine» verbringen – als Experience-Element. Die Nachfrage ist bereits sehr stark.
Gibt es weitere Jubiläumsprodukte?
Wir haben spezielle Nordlichtreisen aufgelegt, auch begünstigt durch die aktuell starke Sonnenaktivität. Die laufen von Januar bis März und wieder von Ende Oktober bis Dezember. Nordlichter sind eine unglaublich emotionale Erfahrung. Wenn man diese Lichter am Himmel sieht, kombiniert mit Schneeschuhwanderungen oder einem Lagerfeuer am Strand – das bleibt.
«Der Unterschied zur klassischen Kreuzfahrt ist fundamental»
HX ist seit einem Jahr rechtlich unabhängig. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Sehr positiv. Unsere Teams haben in kurzer Zeit eine komplette Infrastruktur neu aufgebaut – neues Buchungssystem, neues Callcenter, neues Backoffice. Das war eine enorme Leistung. Die finale Systemmigration läuft noch bis Mai. Momentan ist es eine schmerzhafte Phase, weil bei der Datenübertragung immer wieder Dinge auftauchen, die man vorher nicht sehen konnte. Aber das ist bei solchen Transformationen normal.
Wie erleben Sie in dieser Phase die Partner – auch in der Schweiz?
Wir sind in einer sehr glücklichen Position. Unsere Partner zeigen viel Verständnis und unterstützen uns. Auch wenn es technologisch nicht immer reibungslos läuft, wissen sie, dass es eine Übergangsphase ist. Und sie wissen, dass sie uns jederzeit anrufen können. Diese «Responsiveness» ist uns sehr wichtig.
Wie steht der Schweizer Markt aktuell da?
Für die Grösse der Nation ist die Schweiz disproportional stark im Expeditionssegment. DACH ist insgesamt eine unserer wichtigsten Regionen – auf Augenhöhe mit den USA, wenn man die Buchungsstärke betrachtet. Und wir haben viele Wiederholungstäter. Gäste, die immer wieder mit uns reisen.
Was sollten Reisebüros ihren Kunden besonders mitgeben, wenn sie HX verkaufen?
Wir verkaufen keine Kabine auf einem Schiff. Wir verkaufen eine emotionale Erfahrung. Der Unterschied zur klassischen Kreuzfahrt ist fundamental. Bei einer Kreuzfahrt ist das Schiff die Destination. Bei uns ist die Destination das Ziel. Wir stehen für Wissenschaft, Bildung und nachhaltige Entwicklung mit klarem Fokus auf die Inhalte vor Ort.
«Wir nehmen lokale Guides als kulturelle Botschafter mit auf unsere Schiffe»
Ein grosses Thema ist Ihre Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung, insbesondere mit Inuit-Gemeinschaften. Was passiert dort konkret?
In der kanadischen Arktis und in Grönland haben wir gemeinsam mit Inuit-Gemeinden Ausflugsprogramme entwickelt. Wichtig ist: Wir haben nicht gesagt, was sie anbieten sollen. Wir haben gefragt: Wie wollt ihr Gäste empfangen? Wie gross sollen Gruppen sein? Was wollt ihr erzählen? So entsteht echtes Ownership. Gleichzeitig schaffen wir wirtschaftliche Grundlagen durch verantwortungsvollen Tourismus.
Wie zeigt sich das konkret?
Wir arbeiten während der gesamten Saison mit grönländischen Küchenchefs an Bord, die ihre Küche präsentieren. Wir nehmen lokale Guides als kulturelle Botschafter mit auf unsere Schiffe. Und über unsere Foundation unterstützen wir Bildungs- und Sozialprojekte. Nachhaltigkeit ist nicht nur CO₂-Reduktion – sie ist auch soziale Stabilität.
Warum ist Grönland für Sie ein so starkes Thema?
Grönland wird sich aufgrund des Klimawandels öffnen müssen. Mehr Interesse, mehr Tourismus – das wird kommen. Deshalb haben wir als Branche die Verantwortung, gemeinsam mit den Gemeinden zu definieren, wie Tourismus abläuft. Bei 58'000 Einwohnern kann man ein Land schnell überlaufen.
«Wenn ein Partner einen speziellen Routenwunsch hat, können wir schnell reagieren»
Stichwort Nachhaltigkeit: Wie positioniert sich HX hier konkret?
Ich bin ein Verfechter realistischer Nachhaltigkeit. Man sollte nur über das sprechen, was man auch umsetzen kann. Viele Lösungen hängen von Drittindustrien ab. Biofuel zum Beispiel – theoretisch möglich, praktisch aber in Ushuaia oder Nuuk schlicht nicht verfügbar. Wir brauchen branchenübergreifende Lösungen.
Welche konkreten Schritte gehen Sie?
Wir stellen unsere Wissenschafts-Zodiacs auf elektrische Motoren um. Wenn das weiterhin gut funktioniert, werden wir schrittweise auch die übrigen Zodiacs elektrifizieren. Alle unsere Schiffe sind zudem für Landstrom ausgerüstet. Aber wenn jeder Hafen andere Stecksysteme nutzt, braucht es zuerst Standardisierung.
Was ist Ihre zentrale Botschaft an Vertriebspartner?
Wir sind klein genug, um flexibel zu sein. Wenn ein Partner für eine bestimmte Saison eine Idee oder einen speziellen Routenwunsch hat, können wir schnell reagieren. Wir müssen nicht durch 17 Gremien gehen. Das ist ein Vorteil unserer Grösse und unserer Positionierung in dieser Nische.