Future
Fünf Erkenntnisse für die Reisebranche von morgen
Manuel PoschDie Innovationstage des Verbands Internet Reisevertrieb (VIR) gelten seit Jahren als wichtiger Seismograf für die digitale Touristik im deutschsprachigen Raum. Seit 2010 bringt der Event Entscheiderinnen und Entscheider aus Tourismus, Technologie und Politik zusammen. Dieses Jahr fand das Treffen am 23. und 24. Juni 2026 statt. Auffällig aus Schweizer Sicht: Mit Holidaycheck war lediglich ein Unternehmen mit Schweizer Wurzeln vertreten. Welche Entwicklungen die Diskussionen in Berlin prägten und welche Trends die Branche jetzt beschäftigen, ordnet Travelnews in fünf zentralen Punkten ein.
1. Künstliche Intelligenz verändert die Branche rasant
Der rote Faden der zweitägigen Konferenz war die Künstliche Intelligenz. VIR-Vorstand Michael Buller machte gleich zu Beginn deutlich, dass sich technologische Entwicklungen heute in wenigen Wochen vollziehen und nicht mehr über Jahre wie zu Beginn des Internetzeitalters. Bereits 17 Prozent der deutschen Reisenden nutzen KI-Tools für Inspiration und Reiseplanung. Gleichzeitig bleibt die klassische Pauschalreise mit einem Online-Anteil von 58 Prozent weiterhin das wichtigste Produkt.
Wie weit die Entwicklung bereits fortgeschritten ist, zeigte unter anderem Holologix AI mit dem Voicebot «MIA», der Reisen bereits selbstständig buchen kann. Wie weit Kundinnen und Kunden bereit sind, Zahlungen vollständig KI-basiert abzuwickeln, blieb umstritten. Google betonte, dass der Mensch beim finalen Buchungsabschluss vorerst unverzichtbar bleibe.
Ein praktisches Beispiel lieferte Sunny Cars: Das Unternehmen zeigte in einem Workshop, wie KI bereits heute Kundenservice, Kommunikation und interne Prozesse effizienter macht – vorausgesetzt, die Initiative kommt aus den Fachabteilungen und wird vom Management konsequent unterstützt.
2. Resilienz wird zum Wettbewerbsfaktor
Nicht weniger präsent war das Thema Krisenfestigkeit. Mehrere Referenten machten deutlich, dass Unternehmen künftig noch widerstandsfähiger werden müssen – sei es im Umgang mit geopolitischen Krisen, Cyberangriffen oder der psychischen Belastung der Mitarbeitenden.
Nach den jüngsten Hackerangriffen auf Unternehmen wie Aerticket, Booking oder Motel One wurde deutlich, wie wichtig Schulungen der Mitarbeitenden und Cyberversicherungen inzwischen geworden sind.
Mirco Jakubowski (A3M) erinnerte daran, dass die Touristik zwar krisenerprobt, aber oft schlecht vorbereitet sei. Krisenmanagement lasse sich trainieren – und sei eine Kombination aus strukturiertem Handeln und verlässlichen Informationen.
Johannes Ganser (Hanse Merkur) warnte vor der steigenden Belastung der Mitarbeitenden. Psychische Erkrankungen nähmen in Deutschland stark zu – mit durchschnittlichen Ausfallzeiten von 28 Tagen. Sein Appell: Unternehmen müssen gezielt in die mentale Gesundheit investieren.
3. Neue Reisetrends entstehen abseits des Massentourismus
Die Konferenz zeigte auch, wohin sich der Markt entwickelt. Bleisure-Reisen, Workation-Angebote und das Thema Longevity gewinnen an Bedeutung. Während Geschäfts- und Freizeitreisen zunehmend miteinander verschmelzen, steht die Touristik beim Thema Workation noch am Anfang. Entsprechende Angebote sind bislang kaum sichtbar.
Als neuer Wachstumsmarkt gilt zudem Longevity – also Reisen mit dem Ziel, möglichst lange gesund und leistungsfähig zu bleiben. Dieser Trend steckt im Tourismus noch in den Kinderschuhen, dürfte in den kommenden Jahren aber an Bedeutung gewinnen.
4. Die Branche muss stärker zusammenarbeiten
In der vielbeachteten Keynote «Vision 2030» plädierten Catharina Fischer (Next Step Future) und Florian Bauhuber (Realising Progress) für ein Umdenken. Die grössten Herausforderungen kämen heute nicht mehr aus der Branche selbst, sondern von aussen. Kooperationen seien deshalb wichtiger als Konkurrenz. Gleichzeitig werde die Touristik künftig weniger auf staatliche Unterstützung zählen können und müsse viele Lösungen selbst entwickeln.
5. Die Schweiz schaut kaum hin
Neben den zahlreichen Fachvorträgen boten die VIR Innovationstage viel Raum für Networking und den persönlichen Austausch. Aus Schweizer Sicht bleibt jedoch ein Wermutstropfen: Die Konferenz wird hierzulande kaum wahrgenommen. Entsprechend gehen der Schweizer Touristik wertvolle Impulse verloren – obwohl gerade Themen wie KI, Resilienz oder neue Geschäftsmodelle die Branche auch diesseits der Grenze in den kommenden Jahren entscheidend prägen werden.