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Die Klima-Grosseltern fordern ein Umdenken in der Reisebranche
Gregor WaserGemäss dem UBS-Sorgenbarometer 2024 verursachen einige Themen in den Köpfen der Schweizer Bevölkerung wachsendes Unbehagen: Gesundheit/Krankenkassenprämien, Zuwanderung/Asylfragen, Anstieg der Wohnkosten und Kriminalität/persönliche Sicherheit. Rückläufig an Bedeutung im Vergleich zum Sorgenbarometer des Vorjahres sind die Themen Altersvorsorge, Beziehung zu Europa und Umweltschutz/Klimawandel. Nur noch 32 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sorgen sich um den Klimawandel, im Jahr 2023 waren es noch 38 Prozent.
Ist der Klimawandel vorbei? Mitnichten. Besser geht es dem Klima keineswegs. Den Klimawandel nicht verdrängt oder vergessen haben die «Grands-parents pour le climat», die «Klima-Grosseltern», wie sich der Verein in der Deutschschweiz nennt. Das Engagement – der Verein ist in sechs Welsche und sechs Deutschschweizer Regionalgruppen aufgeteilt – hält unvermindert an.
Ein Hauptanliegen des Vereins ist «klimaverträgliches Reisen». «Schliesslich trägt der Tourismus fast 10 Prozent zur Klimaüberhitzung bei», sagt Markus Nauser von den Klima-Grosseltern der Region Bern im Gespräch mit Travelnews. Unter Berücksichtigung der indirekten Effekte des Flugverkehrs sei der Anteil sogar noch höher.
Klima-Rating von 13 Reiseanbietern
Im Januar haben die Klima-Grosseltern eine Bewertung zur Produktgestaltung und -präsentation von 13 Schweizer Reiseanbietern präsentiert. Vorgängig wurden die Online-Angebote der Reiseanbieter nach folgenden Kriterien analysiert:
- Haben Kundinnen und Kunden eine Auswahl an klimaverträglichen Produkten? Können diese Produkte leicht gefunden werden?
- Werden Informationen zu klimafreundlichen Anreisemöglichkeiten geboten oder Beratungsangebote gemacht?
- Wird auf das Angebot besonders klimabelastender Produkte verzichtet?
- Zudem wurde bewertet, ob bzw. wie Auskunft gegeben wird über die Klima-Emissionen des Reiseangebots.
Herausgekommen ist dieses Anbieter-Ranking mit einer Benotung auf der Skala 0 bis 10:
- Berg + Tal, 8,3
- WeitWandern, 8,3
- Imbach Reisen, 7,5
- Railtour Suisse, 6,7
- Twerenbold Reisen, 6,7
- Baumeler Reisen, 5,8
- Travelhouse, 4,2
- Migros Ferien, 3,8
- Ship'n Train Travel, 3,8
- Globetrotter Travel Service, 3,3
- Helvetic Tours, 1,7
- TUI Suisse, 1,3
- Kuoni Reisen, 0,8
Das detaillierte Ranking mit allen Kriterien finden Sie hier.
Wenige Punkte eingeheimst haben jene Anbieter der zweiten Rankinghälfte insbesondere bei den Kriterien «Angebotsschwerpunkt in Europa», «Proaktive Unterstützung bei emissionsarmer An-/Rückreise» und «Filtermöglichkeit für Angebote ohne Flug».
Das sagen die Reiseanbieter
Wie die Reiseanbieter auf das Ranking reagiert haben, wollte Travelnews von Markus Nauser wissen. Er sagt dazu: «Mehrere Anbieter monierten, dass das Ranking nicht den gesamten Aktivitäten gerecht werde, schliesslich würden ja auch Aufforstungsprojekte und Kinderhilfswerke unterstützt oder nur Hotels mit Umweltlabels berücksichtigt werden. Die Kriterien selber wurden aber nicht gross in Frage gestellt». Einzig der Punkt «Publikation der Klimaemissionen» wurde von kleineren Anbieter kritisiert mit dem Argument, sie könnten keine grossangelegte Klimabuchhaltung führen.
«Hotels mit Umweltlabel sind zu begrüssen und positiv, aber den grossen Brocken lässt sich damit nicht anpacken». Dem Kernproblem weiche man aus, findet der Geograf, der 14 Jahre lang für das Bundesamt für Umwelt (BAFU) tätig war.
Grosses Potenzial der Bahn
Bei Europareisen hofft Markus Nauser auf das erweiterte Nachtzug-Angebot und breitet die Europa-Landkarte mit den verfügbaren Verbindungen aus. «Ok, es gibt keinen Nachtzug mehr nach Barcelona, aber für den Rest von Europa stehen zahlreiche Verbindungen zur Verfügung», findet Nauser und verweist hier auf das Startup Simpletrain, das mit einem ausgeklügelten Bahnportal und guten Bahnofferten aufwartet.
«Reisebüros und Reiseveranstalter sollten verstärkt Bahnverbindungen in Europa aktiv anbieten», fordert Nauser, «zumindest jenen rund 20 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer, die sich um eine nachhaltige An- und Rückreise interessieren – und diese Klientel sollte als Zielgruppe wahrgenommen werden». Gerade in der wachsenden «Grosselterngeneration» hätten viele Zeit, um beim Reisen nicht auf das schnellste Transportmittel angewiesen zu sein. Es gehe nicht darum, die Mehrheit auf den Zug zu bringen, «aber zumindest jene, die guten Willens sind.»
Der Klimawandel schreite rasch voran. «Der Flugverkehr trägt in bedeutendem Umfang dazu bei – in der Schweiz zum grössten Teil durch Ferienflüge verursacht. Ferienflüge sind der grösste Hebel, den wir haben, um unsere persönlichen Klimaemissionen zu reduzieren», sagt er im Namen der Klima-Grosseltern, die sich im Interesse ihrer Enkel aktiv für klimaverträgliches Reisen einsetzen.
Neues Reiseverständnis gefordert
«Damit dieser Hebel genutzt werden kann, braucht es auch die Reisebranche. Unsere Analyse hat gezeigt, dass noch grosses Potenzial besteht bei Reisezielen in Europa, die – mit etwas Zeit und gutem Willen – auch mit der Bahn erreicht werden können. Handlungsbedarf sehen wir vor allem bei den grossen Anbietern von Pauschal-Reisen. Dort fehlen solche Angebote oft oder sie sind kaum auffindbar», stellt Nauser fest und fügt an: «Damit werden diese Unternehmen dem deklarierten Anspruch nicht gerecht, nachhaltiges Reisen zu ermöglichen und ihre Klima-Emissionen in Übereinstimmung mit dem Pariser Klimaabkommen bis spätestens 2050 massiv zu reduzieren.»
Es gehe dem Verein Klima-Grosseltern nicht darum, das Fliegen zu verbieten, «aber Flugreisen sollten eine Ausnahme sein, die man bewusst geniesst». Wie auch umfangreiche Studien gezeigt hätten, brauche es einen grundlegenden Wandel in der Branche sowie ein neues Verständnis des Reisens, «sonst bringen wir das Klima nicht ins Lot.»
Und Nauser wiederholt zum Schluss des animierten Gesprächs: «Wir brauchen ein neues Verständnis des Reisens – im Sinne von 'Der Weg ist das Ziel' anstelle von 'Hin und weg' oder 'Been there, done that', wenn die Reisebranche Teil einer klimaverträglichen Wirtschaft werden will. Wer, wenn nicht die Verkäufer von Ferienträumen, haben die Kompetenz, dieses neue Verständnis zu fördern?»