Flug
Einwurf Vom Glück reeller Preise
Vanessa BayEs ist das Wort der Stunde: Massentourismus. Im Grunde ist die Sache ja glasklar: Schuld sind die zu tiefen Flugpreise. Wäre Fliegen wesentlich teurer, würde weniger geflogen und der Tourismus würde entspannter, gehobener und sogar nachhaltiger. Nun mache ich ja die Flugpreise nicht.
Eigentlich. Aber eigentlich eben doch, denn ich buche ja Flüge – ich bin der Markt (nicht ganz allein, zugegeben, aber eben auch). Manchmal ist der Markt ausgeschaltet. Dann muss ich das Einzige buchen, das angeboten wird. Nach Elba zum Beispiel. Hier dominiert eine Airline die Strecke. Wenig überraschend, dass der Preis nicht umwerfend günstig ist. Nach New York oder Hongkong etwa könnte ich derzeit günstiger fliegen (aber auf diese Perversion müssen wir ein anderes Mal zurückkommen). Kein Markt: das ist irgendwie falsch.
Manchmal habe ich die Wahl – und was mache ich dann? Klar, ich buche günstig. Warum nicht mit Easyjet zu einem Spottpreis nach Brindisi fliegen, anstatt mit Swiss – einfach teurer? Bloss – damit befördere ich den Massentourismus: das ist irgendwie falsch. Die Umkehrung, dass ich nämlich – um ja nicht den Massentourismus zu fördern – stets die teuerste Option wählen würde, wäre sicher ehrenhaft, kann ich mir aber nicht leisten. Und die einzige Wirkung davon wäre ein besseres Gewissen. Abgesehen davon, dass man sich gegenüber den Billigreisenden irgendwie übervorteilt vorkäme: das ist irgendwie falsch.
Höhere Flugpreise zum Nachteil der Passagiere? Im Gegenteil.
Nach dem Ende der Air Berlin und der nun laufenden «Erbteilung» beklagte der «Tages-Anzeiger» am 25. August, Wettbewerb sei inzwischen Fehlanzeige. Und der Untertitel lautete: «Wenn Lufthansa grosse Teile von Air Berlin schluckt, wird sie den Flugmarkt dominieren. Dies könnte die Flugpreise hochtreiben – zum Nachteil der Passagiere.» Zum Nachteil der Passagiere? Zum Nachteil des Portemonnaies der Passagiere, das ja. Ansonsten aber vielleicht zu ihrem Vorteil! Sie kämen sich nicht mehr als Teil einer Schafherde vor, die durch enge Gänge auf noch engere Sitze getrieben wird. Sie wären wieder Reisende, nicht nur billigstfliegende Massentouristen. Und damit würden sie das Reisen vielleicht auch wieder höher wertschätzen.
So viel Hobbypsychologie kennt jeder: Was nichts kostet, ist nichts wert. Und was nichts wert ist, dem trägt man keine Sorge. Und etwas, zu dem alle keine Sorge mehr tragen, ist irgendwann auch nicht mehr attraktiv. Wer es mit dem Tourismus gut meint und ihm eine attraktive Zukunft wünscht, sollte ihn daher nicht immer weiter verbilligen. Zumindest nicht das Fliegen. Wir sollten wieder etwas Stolz darüber entwickeln, uns eine schöne Reise zu leisten. Auch wenn wir es dann etwas seltener tun. Schnäppchenjäger waren schon immer … nun ja: irgendwie falsch.
Situationen, die immer schief rauskommen – egal, wie man sich entscheidet –, nannten die alten Griechen eine Tragödie. Ganz so tragisch sehe ich die Dinge hier jedoch nicht. Klar, es ist ein Dilemma, in dem wir stecken. Ich bin aber überzeugt, dass jeder Einzelne dazu beitragen könnte, dass sich der Markt langfristig zu Gunsten eines verträglicheren Tourismus regulieren würde. Wir könnten jegliche Schnäppchenjägerei sein lassen und künftig nur noch zu reellen Preisen buchen. Wir kaufen auch kein T-Shirt für acht Franken, seit wir wissen, unter welchen Bedingungen solche Ware hergestellt wird. Springen wir bei den Flugpreisen über unseren ökonomischen Schatten, so gibt uns das das gute Gefühl, zu einem Tourismus beizutragen, der wieder mehr Freude macht. Nicht nur uns, dereinst auch unseren Kindern.