Flug
Swiss will in Genf «eine robuste Nummer 2» sein
Jean-Claude Raemy
Gestern konnte die Lufthansa Group, und mit ihr die Swiss, ein solides Halbjahresresultat für die ersten sechs Monate 2017 präsentieren. Am selben Tag kündigte Easyjet einen weiteren Ausbau ab Genf und Basel an. Beides Themen, welche auch im Rahmen eines Austausches der Swiss-Spitzenmanager Reto Francioni (Verwaltungsratspräsident, l.) und Thomas Klühr (CEO, Bild unten) mit ausgesuchten Medienvertretern thematisiert wurden.
Im konkreten Fall geht es um Genf. Francioni definierte das Geschäft von Swiss in Genf als eine der grossen Herausforderungen des Unternehmens, nebst den anhaltenden, nur bedingt beeinflussbaren Problemen wie der Regulierung in der Luftfahrt und dem Ausbau der Infrastrukturen und damit der Wachstumsmöglichkeiten der Swiss am Flughafen Zürich. Unter anderem sei Swiss wegen der starken Konkurrenz von Easyjet in Genf noch nicht ganz da, wo sie sein wolle, räumte Francioni ein. Er bemerkt aber unmissverständlich: «Wir halten klar an Genf fest und das Projekt ‚Geneva Reoladed‘ ist auf gutem Weg.»
Letzteres sieht vor, bis Ende 2018 eine «schwarze Null» in Genf schreiben zu können – was laut Klühr «weiterhin realistisch» sei. Inhalte des Projekts sind eine Verdichtung des Angebots auf weniger Routen, welche dafür einen besseren Yield bieten, dazu Optimierungen bei den Bodenprozessen sowie Überlegungen betreffend Neuerungen im Onboard-Bereich. Konkret wird an einem «buy on board»-System für Europa-Flüge ab Genf, und dabei nur für Economy-Passagiere, getüftelt, wobei Klühr unmissverständlich festhält, dass noch nichts definitiv entschieden sei.
Ohnehin sei es nicht das Ziel, Easyjet aus Genf zu verdrängen. Es gehe vielmehr darum, eine gute Produktivität zu erzielen und «eine robuste Nummer 2» zu sein. Des Weiteren ist Klühr überzeugt, dass Swiss die beste Lösung ist, um in Genf erfolgreich agieren zu können – im Raum stand ja auch der Einsatz von Eurowings-Flügen; ein Modell, welches Lufthansa in deutschen sekundären Airports auch anwendet. Doch Klühr macht deutlich, dass er die Interessen und Mechanismen des Schweizer Marktes intern verteidigt, und dies aus persönlicher Überzeugung.
Swissness und Qualität sollen Defizite bei der Kostenstruktur wettmachen
Swiss will also das Geschäft in Genf, aber auch das generelle Wachstum in der Schweiz, völlig nüchtern und realistisch angehen. Chancen sieht man durchaus, notabene in der anhaltenden Konsolidierungswelle, welche die Luftfahrt - derzeit insbesondere in Europa – durchlebt. Um als einer der Gewinner der Konsolidierung hervorzugehen, müsse man an den eigenen Stärken weiterarbeiten.
Francioni nennt diese Stärken beim Namen: Swissness, eine hohe Eigenständigkeit unterhalb des Daches der Lufthansa-Gruppe sowie ein hohes Qualitätsbewusstsein auf allen Stufen. Letzteres wird etwa dadurch unterstrichen, dass Vertreter von Swiss bei gewissen strategischen Themen für die ganze Gruppe eine Leaderfunktion einnehmen, was auch dank der neu eingeführten Matrix-Struktur möglich ist. «Zudem wird heute wieder mehr Wert auf Preis-/Leistungs-Aspekte statt nur auf die Kostenseite gelegt», erklärt Francioni. Das Problem der hohen Kostenstruktur und des starken Frankens bleibe aber, räumen die Manager ein.
Doch vorläufig stehen die Zeichen weiter auf Wachstum. Die Einflottung der Boeing 777 und der C-Series 100 und 300 ist auf gutem Weg und bald abgeschlossen. Nach Abschluss der Einflottung wird sich die angebotene Sitzplatzkapazität der ganzen Swiss-Flotte um einen tiefen zweistelligen Prozentsatz erhöht haben.
Bald neue USA-Ziele?
Ausserdem denkt auch die Swiss wieder über neue Ziele nach. In diesem Sommer wurden gerade auch wieder Touristikziele auf der Mittelstrecke lanciert (Bergen, Cork, Sylt, Figari, Nis); ein weiterer solcher Ausbau ist nicht auszuschliessen – natürlich immer in enger Absprache mit Edelweiss Air, der Schwestergesellschaft, welche hauptsächlich dem Touristikmarkt verpflichtet ist.
Edelweiss hat in den letzten Jahren kräftig auf der Langstrecke ausgebaut, unter anderem dank der Übernahme von Airbus A340 aus der Swiss-Flotte. In diesem Sommer kamen unter anderem die Ziele San Diego, Cancun oder San Jose (Costa Rica) hinzu, für den nächsten Sommer sind Denver, Orlando und Varadero angesagt, und offenbar wird auch über Verbindungen nach Buenos Aires ernsthaft nachgedacht. Swiss hingegen hat seit vier Jahren kein Langstreckenziel mehr lanciert. Das soll sich aber ändern - auf den Winter 2018/2019 hin. Auf der Langstrecke ortet Klühr noch Potenzial «in Nordamerika und Asien», und erst in zweiter Linie in Mittel- und Südamerika. Konkret sei derzeit aber noch nichts.
Swiss-CEO Thomas Klühr (3 v.l.) mit dem abtretenden CFO Roland Busch (2. v.l.) und CCO Markus Binkert (rechts) bei der Einweihung der ersten B777.