Flug
Einwurf «Die Verschärfungen gehen deutlich zu weit»
Remo WeidmannOffen gesagt: So, wie sich die künftigen Gruppenkonditionen bei der Lufthansa Group aktuell präsentieren, sind sie für uns in dieser Form nicht akzeptabel. Wir haben grundsätzlich Verständnis dafür, dass eine tiefe Realisierungsrate einzelner Marktteilnehmer die Planbarkeit für die Airline erschwert. Ebenso ist nachvollziehbar, dass in diesem Zusammenhang Anpassungen im Gebührenmodell geprüft werden. Die nun kommunizierten Verschärfungen gehen aus unserer Sicht jedoch deutlich zu weit und treffen insbesondere jene Partner, die heute bereits mit stabilen Realisierungsquoten arbeiten.
Um die Problematik greifbarer zu machen, ist es wichtig zu verstehen, wie unser Geschäftsmodell funktioniert: In der Regel sichern wir uns Flugkontingente, sobald entsprechende Tarife verfügbar sind. Parallel dazu werden sämtliche weiteren Komponenten einer geführten Gruppenreise (Transfers, Hotels, Ausflüge etc.) in enger Zusammenarbeit mit Agenturen beziehungsweise DMCs organisiert und abgestimmt. Erst wenn das Gesamtpaket stimmig ist, wird die Reise aktiv ausgeschrieben und vermarktet.
Dieser Prozess führt dazu, dass wir Gruppenreisen im Langstreckenbereich üblicherweise rund 180 Tage vor Abreise auf den Markt bringen. Bei innereuropäischen Reisen ist der Vorlauf oft noch kürzer. Das bedeutet konkret: Zum Zeitpunkt der Ausschreibung würden wir uns unter den neuen Bedingungen de facto bereits innerhalb der verschärften Fristen befinden.
Genau hier liegt eines der Kernprobleme: Eine Frist von 180 Tagen entspricht nicht der gelebten Realität im Gruppenreisegeschäft. Um eine solche Frist überhaupt sinnvoll umsetzen zu können, müssten Airlines ihre Tarife deutlich früher als heute veröffentlichen. Mehr Vorlaufzeit würde im Übrigen auch die Vermarktungschancen verbessern. Das eine ist ohne das andere jedoch nicht umsetzbar.
Neue Konditionen gefährden bewährte Partnerschaften
Zusätzlich ist die Verschärfung für unser Geschäftsmodell wirtschaftlich kaum tragbar und steht in keinem angemessenen Verhältnis zum effektiven Risiko. Die zusätzlichen Kosten fallen zu einem Zeitpunkt an, in dem sich Reisen noch in der Verkaufsphase befinden und die Durchführung noch nicht gesichert ist.
Besonders kritisch ist dabei auch die fehlende Differenzierung: Die neuen Konditionen unterscheiden nicht zwischen Veranstaltern mit hoher und tiefer Realisierungsquote. Damit entsteht eine pauschale Belastung, die leistungsstarke Partner unverhältnismässig trifft.
Hinzu kommt eine problematische Anreizstruktur: Die geplanten Änderungen schaffen zusätzliche Risiken in einer Phase, in der Reisen aktiv verkauft werden müssen. Dies steht im Widerspruch zum Ziel, frühzeitige Buchungen zu fördern.
Für uns als spezialisierter Gruppenreiseveranstalter hat dies gravierende Konsequenzen: Wir investieren pro Gruppe erhebliche Marketingbudgets und tragen bereits heute ein bedeutendes unternehmerisches Risiko. Wenn im Falle einer Nichtdurchführung zusätzlich substanzielle Gebühren anfallen, lässt sich dieses Geschäft nicht mehr wirtschaftlich darstellen.
Dies hätte zwangsläufig zur Folge, dass wir unser Volumen verstärkt auf alternative Partner verlagern müssten. Paradoxerweise würden damit gerade jene Veranstalter aus dem System gedrängt, die heute zu stabilen Realisierungsquoten beitragen, was die Planbarkeit aus Sicht der Airline eher verschlechtern als verbessern dürfte.
Das ist umso bedauerlicher, als wir mit den Ansprechpartnern innerhalb der Lufthansa Group eine konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit aufgebaut haben. Unter den neuen Rahmenbedingungen steht diese jedoch ernsthaft in Frage.
Für tragfähige Lösungen im gemeinsamen Interesse
Abschliessend möchten wir auch die sehr kurzfristige Kommunikation dieser Änderungen kritisch hervorheben. Planungssicherheit ist im Gruppengeschäft zentral. Entsprechende Anpassungen benötigen ausreichend Vorlauf und Abstimmung mit der Branche.
Wir sind überzeugt, dass das Gruppengeschäft weiterhin grosses Potenzial bietet, und möchten dieses auch gemeinsam mit der Lufthansa Group weiterentwickeln. Dafür braucht es jedoch Lösungen, die sowohl den berechtigten Interessen der Airline als auch den wirtschaftlichen Realitäten der Veranstalter gerecht werden.
Ich hoffe, mit diesen Ausführungen zusätzliche Beweggründe aufzeigen zu können, weshalb die geplanten Anpassungen in der Praxis nicht umsetzbar sind, und die Lufthansa Group dazu zu ermutigen, gemeinsam mit den direkt betroffenen Veranstaltern tragfähige Lösungen zu erarbeiten.