Tourismuswelt

Carla Riss stellt sich am kommenden Mittwoch an der Generalversammlung des Schweizer Reise-Verbands (SRV) als Stimme des Branchennachwuchses zur Wahl. Bild: zVg

«Dann riskieren wir, gute Leute an andere Branchen zu verlieren»

Reto Suter

Junge Reiseprofis sollen in der Branche künftig mehr mitreden können. Carla Riss, designierte Vertreterin der jungen Generation im Vorstand des Schweizer Reise-Verbands (SRV), spricht im Interview mit Travelnews über fehlende Netzwerke und den drohenden Verlust von Fachkräften.

Die Jungen sollen nicht länger nur zuhören, sondern die Zukunft der Schweizer Reisebranche aktiv mitgestalten. Mit den «SRV Future Voices» schafft der Schweizer Reise-Verband (SRV) deshalb ein neues Gremium, das den Branchennachwuchs stärker vernetzen und seinen Anliegen mehr Gewicht verleihen soll.

An der Generalversammlung vom kommenden Mittwoch (28. Oktober 2026) im ägyptischen El Gouna soll erstmals eine Vertretung der jungen Generation in den Vorstand gewählt werden. Vorgeschlagen ist Carla Riss, die bei ihrer möglichen Wahl allerdings nicht persönlich dabei sein kann. Berufliche Verpflichtungen verhindern ihre Teilnahme an der SRV-Reise nach Ägypten.

Die Unternehmerin ist seit über zehn Jahren in der Reisebranche tätig. Nach fünf Jahren bei Globetrotter baute sie gemeinsam mit Lukas Meier den Reiseveranstalter Meraki Travel auf, den sie heute leitet. Daneben engagiert sie sich an der Höheren Fachschule für Tourismus IST als Dozentin sowie als ÜK-Leiterin. In dieser Funktion vermittelt sie Lernenden und Studierenden in überbetrieblichen Kursen praxisnahes Branchenwissen.

Auch in den SRV Think Tanks hat sie sich aktiv eingebracht. Im Interview mit Travelnews erklärt sie, weshalb sich junge Reiseprofis an Branchenanlässen oft wie Aussenseiter fühlen, was sie gegen die Abwanderung von Fachkräften unternehmen möchte und wie sie den Anliegen der jüngeren Generation im SRV mehr Gehör verschaffen will.

Viele Menschen scheuen sich davor, ein Vorstandsamt zu übernehmen. Sie hingegen stellen sich dieser Herausforderung. Was reizt Sie an der Aufgabe beim Schweizer Reise-Verband?

Ich sehe darin eine einmalige Chance, mich stärker in der Reisebranche einzubringen und der jüngeren Generation eine Stimme zu geben. Ich möchte selbst Verantwortung übernehmen und etwas verändern. Bisher war ich noch nie Mitglied eines Vorstands und weiss deshalb nicht genau, was auf mich zukommt. Vielleicht ist das sogar ein Vorteil: So kann ich unvoreingenommen an die Aufgabe herangehen.

Obwohl Sie noch nie in einem Vorstand sassen, übernehmen Sie gerne Verantwortung. Unter anderem leiten Sie Meraki Travel, ein Unternehmen, an dessen Aufbau Sie massgeblich beteiligt waren. Woher kommt dieser Tatendrang?

Das steckt schon länger in mir. Wahrscheinlich haben mir meine Eltern diese Haltung mit auf den Weg gegeben. Bereits in der Schule war ich Schulsprecherin, später über viele Jahre Captain eines Fussballteams. Ich tausche mich gerne mit Menschen aus und stehe für meine Überzeugungen ein. Verantwortung zu übernehmen, war für mich deshalb schon immer selbstverständlich.

«Als junge Person Anschluss zu finden, kann ziemlich schwierig sein»

Sie sollen den jungen Stimmen im Schweizer Reise-Verband mehr Gewicht verleihen. Wo sehen Sie die grössten Defizite?

Aus meiner Sicht fehlt es vor allem an der Vernetzung. Wer nicht bereits in der Chefetage eines grösseren Reiseunternehmens sitzt, hat oft wenig Möglichkeiten, sich über die eigene Firma hinaus Gehör zu verschaffen. Ich möchte dazu beitragen, dass sich auch die jüngeren Mitarbeitenden gesehen, gehört und wertgeschätzt fühlen.

Was passiert, wenn das nicht gelingt?

Dann riskieren wir, gute Leute an andere Branchen zu verlieren. Gerade bei den Löhnen und Arbeitszeiten können andere Wirtschaftszweige häufig attraktivere Bedingungen bieten. Umso wichtiger ist es, dass wir den jungen Fachkräften zeigen, welche Perspektiven die Reisebranche bietet und dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Hier müssen wir gegensteuern.

Haben jüngere Mitarbeitende auch Hemmungen, an Branchenveranstaltungen teilzunehmen, weil sie sich im Kreis der etablierten Reiseprofis nicht richtig zugehörig fühlen?

Absolut. Das ist ein riesiges Thema, das ich selbst noch immer erlebe. Ich gehöre zwar nicht mehr zu den Allerjüngsten, bin an vielen Branchenveranstaltungen aber nach wie vor eine der jüngeren Teilnehmerinnen. Die langjährigen Branchenvertreter kennen sich untereinander bestens. Als junge Person Anschluss zu finden, kann da ziemlich schwierig sein. Besonders unangenehm wird es, wenn man allein an einem Anlass erscheint und kaum jemanden kennt.

Zusammen mit vier weiteren Nachwuchskräften nahm Carla Riss (2. von links) auf Einladung an der SRV-GV 2025 teil. Ganz rechts: SRV-Vorstandsmitglied Birgit Sleegers. Bild: TN

Wie möchten Sie diese Hemmschwelle abbauen?

Ich möchte auf beiden Seiten das Eis brechen. Einerseits will ich die erfahrenen Branchenvertreter ermutigen, aktiv auf jüngere Kolleginnen und Kollegen zuzugehen. Andererseits möchte ich dem Nachwuchs vermitteln, wie wertvoll ein gutes Netzwerk in unserer Branche ist. Die Reisebranche ist offen für Neues und heisst den Nachwuchs herzlich willkommen. Das habe ich an der GV selbst erlebt, als viele Mitglieder offen und positiv auf mich zugekommen sind. Und auch Meraki Travel gäbe es nicht, hätte Lukas Meier mit seiner langjährigen Branchenerfahrung nicht an die Idee von mir als junge Touristikerin geglaubt. Gerade diese Begegnungen über Generationen hinweg können enorm bereichernd sein. Hier sehe ich eine meiner wichtigsten Aufgaben.

Warum sind gerade Sie die richtige Person, um die jüngere Generation im SRV-Vorstand zu vertreten?

Ich bringe inzwischen zehn Jahre Berufserfahrung und ein gutes Netzwerk in der Reisebranche mit, gehöre aber gleichzeitig noch zur jüngeren Generation. Deshalb kann ich eine Brückenfunktion übernehmen. Als Quereinsteigerin weiss ich, wie schwierig es sein kann, nach dem Studium ohne einschlägige Berufserfahrung eine Stelle zu finden. Gleichzeitig kenne ich die Herausforderungen beim Aufbau eines eigenen Unternehmens. Und durch meine Tätigkeit als Dozentin an der Höheren Fachschule für Tourismus IST in Zürich erfahre ich aus erster Hand, wo dem Branchennachwuchs der Schuh drückt. Ich denke, diese Kombination ist eine gute Voraussetzung für die Aufgabe.

«Ich möchte mithelfen, das Image der Reisebüros aufzufrischen»

Wie erleben Sie die jungen Menschen, die heute an der IST eine Ausbildung absolvieren?

Als ausgesprochen motiviert, engagiert und interessiert. Sie setzen sich intensiv mit den Herausforderungen unserer Branche auseinander und hinterfragen bestehende Entwicklungen.

Welches Thema möchten Sie als Erstes auf die Agenda des SRV setzen?

Die Reisebranche sollte noch stärker miteinander statt nebeneinander arbeiten. Dabei muss die jüngere Generation eine wichtige Rolle spielen. Der SRV bietet bereits sehr viel an. Häufig gelangen Informationen und Einladungen aber vor allem zu den Führungspersonen eines Unternehmens. Die Mitarbeitenden in den Reisebürofilialen werden dadurch zu wenig erreicht. Das möchte ich ändern.

Und welche weiteren Schwerpunkte möchten Sie setzen?

Ich möchte mithelfen, das Image der Reisebüros aufzufrischen und die Berufe in unserer Branche attraktiver zu machen. Gleichzeitig geht es mir darum, die Ideen und Erfahrungen der verschiedenen Generationen besser zusammenzubringen. Es ist unglaublich bereichernd, von Kolleginnen und Kollegen mit langjähriger Branchenerfahrung zu lernen und gleichzeitig eigene Ideen und neue Perspektiven einzubringen. Gerade im täglichen Austausch mit Lukas erlebe ich, wie wertvoll dieses Zusammenspiel ist. Wir lernen enorm viel voneinander: Seine Erfahrung hilft mir, Ideen realistisch einzuordnen, während ich neue Denkansätze einbringen kann. Wenn wir diese unterschiedlichen Perspektiven verbinden, können wir gemeinsam viel bewegen.

Die Reisebranche kämpft vielerorts darum, junge Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu halten. Was muss sich verändern, damit eine Karriere im Tourismus attraktiv bleibt?

Flexible Arbeitsmodelle spielen eine zentrale Rolle. Seit meinem Einstieg vor rund zehn Jahren hat sich diesbezüglich bereits sehr viel getan. Damals war Homeoffice praktisch kein Thema, und die langen Öffnungszeiten der Reisebüros waren weitgehend in Stein gemeisselt. Heute sind wir glücklicherweise deutlich weiter. Mindestens ebenso wichtig ist es, jungen Talenten attraktive Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Welche beruflichen Perspektiven gibt es innerhalb der Reisebranche, wenn jemand beispielsweise nicht Filialleiterin werden möchte? Da müssen wir noch stärker aufzeigen, wie vielfältig unsere Branche ist.

«Ich könnte mir beispielsweise SRV-Veranstaltungen vorstellen, die sich ausschliesslich an jüngere Mitarbeitende richten»

Bei den Löhnen kann die Reisebranche mit anderen Wirtschaftszweigen oft nicht mithalten. Wie lässt sich dieser Nachteil ausgleichen?

Wir müssen realistisch bleiben: Die Löhne werden sich von heute auf morgen nicht massiv verbessern. Aber Geld ist nicht der einzige Faktor, der einen Arbeitsplatz attraktiv macht. Flexible Arbeitszeiten, grosszügige Ferienregelungen, Homeoffice-Möglichkeiten oder Vergünstigungen beim Reisen können ebenfalls entscheidend sein. Wichtig ist, dass Unternehmen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden eingehen und attraktive Gesamtpakete anbieten.

Stellen wir uns vor, wir führen dieses Interview in drei Jahren nochmals. Woran müsste man erkennen können, dass die «SRV Future Voices» tatsächlich etwas bewirkt haben?

Mein Wunsch ist eine Plattform, auf der sich junge Menschen aus der Reisebranche regelmässig austauschen können – am liebsten persönlich und nicht nur digital. Ich könnte mir beispielsweise SRV-Veranstaltungen vorstellen, die sich ausschliesslich an jüngere Mitarbeitende richten. Ohne Vorgesetzte oder Kaderleute, dafür mit viel Raum für offene Gespräche. An solchen Treffen soll zur Sprache kommen, was den Jungen fehlt, welche Wünsche sie haben und wo sie Verbesserungsmöglichkeiten sehen. Diese Anliegen möchte ich, sofern ich gewählt werde, direkt in den SRV-Vorstand tragen. So könnten die Stimmen des Nachwuchses auf höchster Branchenebene Gehör finden.

Was wäre für Sie der grösste Erfolg Ihres Wirkens im SRV-Vorstand?

Wenn es uns gelingt, mehr junge Talente langfristig in der Reisebranche zu halten. Wir haben unglaublich viele engagierte und fähige Menschen in unseren Reihen. Ich sage immer: Wer in der Reisebranche arbeitet, bringt beste Voraussetzungen für viele andere Berufe mit. Unsere Mitarbeitenden sind belastbar, können vernetzt denken, mit Druck umgehen und sind lange Arbeitstage gewohnt. Genau deshalb sind sie auch für andere Branchen interessant. Wir müssen alles daransetzen, dass sie ihre berufliche Zukunft weiterhin bei uns sehen und nicht wegen besserer Löhne oder Arbeitsbedingungen abwandern.

Zum Schluss: Was fasziniert Sie persönlich nach wie vor an der Reisebranche?

Dass kein Tag wie der andere ist. Diese Abwechslung liebe ich. Gleichzeitig sind wir unglaublich nahe am Weltgeschehen und bekommen unmittelbar mit, was rund um den Globus passiert. Dazu kommt die Möglichkeit, selbst viel zu reisen und die Welt zu entdecken. Und letztlich gibt es für mich nichts Erfüllenderes, als für andere Menschen die fünf schönsten Wochen des Jahres zu planen.