Ferienland Schweiz
«Eine Welt, von der ich nicht wusste, dass ich sie vermisst habe»
Anita Suter«Einmal war ich schon Zelten» holt Alex Oberholzer aus, als wir beim Café auf dem Campingplatz Bönigen sitzen. «Eine Ergotherapeutin im Kinderspital wollte uns Kindern unbedingt die Provence zeigen. Da hat sie eine Reise organisiert. Wir haben in einfachen Zelten auf Liegestühlen geschlafen» erinnert sich der 73-Jährige an das weit zurückliegende Abenteuer. Seither war das Campieren für den mit Fehlbildungen geboren und an Kinderlähmung erkrankten Zürcher, wie er selbst sagt, kein Thema mehr. Denn: Es war ihm als Rollstuhlfahrer schlicht nicht zugänglich. Bis jetzt.
Komplett mit Pflegebetten, Küche und Bad
«Zwei Pflegebetten! Hier könnten sogar Schwerstbehinderte Ferien machen. Das ist sehr erfreulich» kommentiert der reisefreudige Rollifahrer das Innere des gemütlich eingerichteten Bungalows, das wir über eine hölzerne Rampe und die überdachte Terrasse erreichen. Ihm selbst reicht das normale, breite Bett. Weil es exakt dieselbe Höhe wie die Sitzfläche seines Rollstuhls hat, kann sich Oberholzer problemlos hin und her manövrieren. «Autonomie ist wichtig», wirft er ein.
Das Badezimmer ist barrierefrei und auch die Küchenzeile ist mit dem Rollstuhl bequem unterfahrbar. Die Bungalows verfügen ausserdem über einen Wohn- und Essbereich und sind mit den nötigen Küchenutensilien für bis zu fünf Personen ausgestattet. Die anstehende Testnacht wird den bekennenden Camping-Skeptiker gar ein bisschen ins Schwärmen bringen: «Nur durch eine dünne Holzwand von der Natur und ihren Geräuschen getrennt zu sein und trotzdem meinen Komfort zu haben ist fantastisch. Ich kann hier das WC benutzen und sogar duschen.»
Zusammenarbeit mit Stiftung Cerebral
«Jedem uneingeschränkte Mobilität zu bieten, liegt in unserer DNA» sagt Oliver Grützner, CEO von TCS Camping. Mit den barrierefreien Bungalows hat der Touring Club Schweiz auf bisher sechs seiner über 20 Plätze den Grundstein für unkomplizierte Campingferien für Menschen mit Beeinträchtigungen gelegt. «Auch Menschen mit Beeinträchtigungen haben das Bedürfnis nach Ferien in der Natur und nach Inklusion, also mit anderen Gästen zu interagieren», hält Thomas Erne, Geschäftsleiter der Stiftung Cerebral fest.
«Auf einem Campingplatz sind die Leute ja auch viel kommunikativer. Bis du im Hotel mit jemandem in Kontakt kommst, bist du doch schon wieder am Abreisen», wirft Platzchefin Birgit Kobler, ihren Gästen in Bönigen als «Bigi» bekannt, zustimmend ein. Auch, so Thomas Erne, sei es eine Frage des Budgets. «Viele Fünfsterne-Hotels haben mittlerweile ganz valable rollstuhlgängige Zimmer. Aber nicht jeder kann sich das leisten.»
Getan ist es mit der rollstuhlgängigen Unterkunft allein allerdings nicht. Davon kann auch Alex Oberholzer ein Liedchen singen – insbesondere in Hinblick auf Hotelaufenthalte. «Während Mitreisende manchmal von tollen Ausblicken berichten, blickt man vom Behindertenzimmer nicht selten auf den Parkplatz oder in den Innenhof.» Anders gesagt: Auch das drumherum muss stimmen.
Holpersteinchen am Seeufer
Der Campingplatz in Bönigen ist überschaubar, entsprechend gut lassen sich die Distanzen auch im Rollstuhl bewältigen. Zur Rezeption und dem Bistro mit Innen- und Aussengelände gibt es eine Rampe. Innert weniger Minuten sind wir am Seeufer, wo der Star des Geschehens – der Brienzersee – türkis vor sich her funkelt.
Dem öffentlichen, aussichtsreichen Uferweg zu folgen, verlangt im Handrollstuhl allerdings einen kleinen Kraftakt; «Die Kieselsteine wurden von der Gemeinde wahrscheinlich erst kürzlich neu gestreut», mutmasst Alex Oberholzer, mit jahrzehntelanger Erfahrung in Sachen Hindernissen im Gepäck.
«Wenn der Weg erstmal etwas eingetreten ist, geht es ringer». Bis es so weit ist, lautet die Empfehlung an die Begleitung: Schneller schieben – das verringert den Widerstand. Noch ist es an diesem Frühsommertag etwas frisch für ein Bad im See. Aber auch im Hochsommer würde dieses dem Rollstuhlfahrer mangels Rampe verwehrt bleiben. «Ohne Einstiegshilfe keine Chance», lautet sein knappes Fazit.
Camping Flaach mit Pool Lift
Anders sieht dies auf dem TCS Camping Flaach am Rhein (ZH), den Oberholzer tags zuvor erkundet hat, aus. Hier gibt es ebenfalls bereits barrierefreie Bungalows – und dank einem speziellen Lift ist auch Gästen mit eingeschränkter Mobilität das Bad im platzeigenen Pool möglich. Der Platz auf dem lauschigen, mit zahlreichen Bäumen bestückten Gelände und der herzlichen Gastgeberin hat es dem Autor ohnehin angetan.
Doch zurück ins Berner Oberland. Der Bungalow lässt keine Wünsche offen. Kritik gibt es nur am Spielplatz (und dem sich darin befindlichen Pingpongtisch): dieser ist, wo ebenerdig, aus Sicherheitsgründen mit einem Zaun ohne Tor von der Strasse getrennt. Wäre Oberholzer früher mit seinen Kindern hier gewesen, hätte er von aussen zusehen müssen. Es ist das altbekannte Detail, in dem der Teufel steckt.
Fürs Abendessen steht uns der Sinn nach einem Ausflug. Gibt es in der Umgebung ein zugängliches Restaurant, «und isst man dort auch gut?», will Alex Oberholzer von Platzchefin Bigi wissen. Der vom Camping bequem zu Fuss erreichbare Bären wird uns überzeugen – nicht nur mit seiner Zugangsrampe, sondern auch wegen den herzlichen Gastgebern und dem guten Essen.
Uferweg, Stockhorn und Ballenberg
Bei einem längeren Aufenthalt, sinniert Oberholzer, würde er im Elektrorollstuhl den Uferweg erkunden, das Angebot des Shuttle Busses zur Stockhornbahn – wo dank der Stiftung Cerebral geländegängige Gebirgsrollstühle vermietet werden – in Anspruch nehmen, oder das ebenfalls rollstuhlfreundliche Freilichtmuseum Ballenberg am anderen Ende des Brienzersees besuchen. «Ich schätze sehr, dass ich mich hier auch ausserhalb der Unterkunft frei bewegen kann. Auf dem Platz, aber auch ins nahegelegene Dorf».
Auch wenn die eigenen Vorurteile («Ein Parkplatz mit drei Zelten, matschig und unbequem») definitiv widerlegt seien; Zum eingefleischten Camper werde ob seinem fortgeschrittenen Alter wohl nun doch nicht mehr, meint Alex Oberholzer. «Der Aufenthalt hat mir aber eine Welt eröffnet, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie vermisst habe.»
Von seinen Erfahrungen im barrierefreien Reisen berichtet Alex Oberholzer auf dem Blog Travelistas. 2023 ist sein Buch «Im Paradies der weissen Häubchen – meine Kindheit im Spital» im Verlag HIER UND JETZT erschienen. www.alexoberholzer.ch
Barrierefreie Bungalows gibt es dank einer Zusammenarbeit mit der Stiftung Cerebral auf den TCS Campingplätzen in Bönigen (BE), Bern, Sempach (LU), Sion (VS), Flaach (ZH), Buochs (NW). Weitere sollen folgen.