Trips & Travellers
«Ganz spurlos geht das alles nicht an mir vorbei»
Reto SuterFür Bischofberger Reisen, den Arabien-Spezialisten aus dem Zürcher Seefeld, lief das Jahr zunächst rund. Vor allem der Oman war stark gefragt. Viele buchten grosszügig und liessen sich ihre Reisen einiges kosten.
Dann kam der 28. Februar 2026: Mit dem Ausbruch des Iran-Kriegs brach das Geschäft in der Golfregion innert kürzester Zeit ein. Für Bischofberger Reisen war das ein harter Schlag. Denn bis zu 40 Prozent des Umsatzes hängen am Nahen Osten.
Im Interview mit Travelnews spricht Inhaberin Romy Obrist, seit über 18 Jahren an der Spitze des Unternehmens und eine der profiliertesten Nahost-Kennerinnen der Branche, über die konkreten Auswirkungen der Krise und ihren Umgang damit.
Frau Obrist, wie ist Ihnen der 28. Februar 2026, der Tag des Kriegsausbruchs in Erinnerung?
Romy Obrist: Ich erfuhr es früh am Morgen: Mein Mann, selbst Iraner, weckte mich mit den ersten Meldungen. Sofort begannen die Gedanken zu kreisen. Welche Kundinnen und Kunden könnten betroffen sein? Zu diesem Zeitpunkt war noch unklar, wie weit sich die Ereignisse ausbreiten würden. Zunächst schien nur der Iran betroffen, wo wir schon länger keine Gäste mehr haben. Doch im Verlauf des Tages zeichnete sich das Ausmass immer deutlicher ab. Als schliesslich auch von Drohnenangriffen auf Dubai und Saudi-Arabien berichtet wurde, war klar, welche Dimension das Ganze angenommen hatte.
Wie viele Ihrer Kundinnen und Kunden befanden sich zu diesem Zeitpunkt in der Golfregion?
Glücklicherweise waren es nicht sehr viele, rund 40 Personen. Aufgrund des Ramadans, der erfahrungsgemäss einen dämpfenden Effekt auf die Nachfrage hat, hielten sich weniger Gäste als üblich am Persischen Golf auf. Erste Rückmeldungen erhielten wir bereits am Samstag: Einige meldeten sich telefonisch und berichteten, dass sie feststeckten. Entsprechend galt es, umgehend nach Lösungen zu suchen.
«Die Buchungsbereitschaft ging praktisch über Nacht zurück»
Wie lange dauerte es, bis alle Betroffenen wieder in der Schweiz waren?
Nach etwa einer Woche waren alle wieder zu Hause. Das mag auf den ersten Blick überschaubar erscheinen, kann für die Betroffenen jedoch eine belastende Situation sein, insbesondere, wenn berufliche Verpflichtungen anstehen und sich die Rückreise verzögert. Die Reaktionen waren entsprechend unterschiedlich: Während einige die ungeplante Verlängerung gelassen nahmen, waren andere wie auf Nadeln. Forderungen nach einer staatlichen Rückholaktion durch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) konnte ich allerdings nicht nachvollziehen. Die geopolitische Lage war seit Längerem angespannt – unter anderem durch die Präsenz von US-Militär in der Region, sodass eine Eskalation zumindest nicht völlig überraschend kam.
Wie ging es am Montag, dem ersten Öffnungstag ihres Reisebüros, nach dem Kriegsausbruch weiter?
Der Montag hatte es in sich. Parallel zur Organisation der Rückreisen für gestrandete Gäste vor Ort meldeten sich zahlreiche Kundinnen und Kunden, deren Reisen in die Golfregion bevorstanden. Nicht nur solche mit Abreisen im März oder April, sondern auch Gäste, die eine Reise für im Juni oder sogar Oktober gebucht hatten. Viele wollten erst einmal wissen, wie es weitergeht, andere zogen schnell die Reissleine und stornierten. Gleichzeitig merkte man sofort: Die Unsicherheit sitzt tief: Die Buchungsbereitschaft ging praktisch über Nacht zurück.
Was bedeutet das für Bischofberger Reisen konkret?
Kurzfristig lässt sich die Situation bewältigen – mit Umbuchungen, Rückerstattungen und viel Koordinationsaufwand. Herausfordernder ist jedoch die mittelfristige Entwicklung: Bleiben neue Buchungen aus, trifft das unser Geschäft substanziell. Ein kleiner Trost ist, dass der Sommer am Persischen Golf nicht zur Hochsaison zählt. Umso wichtiger wären jetzt die Buchungen für Herbst und Winter. Aber genau da herrscht aktuell Flaute.
Wie gehen Sie mit dieser schwierigen Situation um, haben Sie schlaflose Nächte?
Schlaflose Nächte habe ich keine, aber natürlich lässt mich die Situation nicht kalt. Am Ende geht es um unsere Einnahmen, die wir derzeit vielfach zurückerstatten müssen, während gleichzeitig kaum neue Buchungen reinkommen. Das beschäftigt einen, man fragt sich unweigerlich: Wie lange dauert das noch? Gleichzeitig versuche ich, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Kosten im Griff zu halten. Ganz spurlos geht das alles aber nicht an mir vorbei.
Fühlten Sie sich in den vergangenen Wochen an die Corona-Pandemie erinnert?
Durchaus, in den ersten Tagen kam mir die Situation tatsächlich sehr bekannt vor. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Während der Pandemie haben viele ihre Reisen lediglich verschoben und grundsätzlich daran festgehalten. Diesmal reagieren die Kundinnen und Kunden kompromissloser und sagen ihre Reise gleich komplett ab.
«Dass sich die Lage derart zuspitzt, war so nicht abzusehen»
Dubai, Abu Dhabi oder Doha galten lange als Inbegriff von Stabilität und Sicherheit. Mit den Ereignissen Ende Februar hat sich dieses Bild gewandelt. Hätten Sie ein solches Ausmass für die gesamte Region erwartet?
Ganz ehrlich: Nein. Dass der Iran für Unruhe sorgt, überrascht nicht, aber dieses Ausmass schon. Gerade Dubai hat dem Iran in Zeiten des Embargos wirtschaftlich unter die Arme gegriffen. Umso verständlicher ist nun die Irritation: Warum trifft es ausgerechnet uns? Wir sind doch nicht euer Feind. Natürlich zeigt ein Blick auf die Landkarte, wie nah die Länder beieinander liegen. Aber dass sich die Lage derart zuspitzt, war so nicht abzusehen.
Welche Informationen haben Sie aus der Region, wie läuft das Leben derzeit ab?
Aus dem Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten hören wir, dass der Alltag grundsätzlich weiterläuft, wenn auch gedämpfter als sonst. Die Menschen fühlen sich nach wie vor sicher, doch das Leben hat sich etwas verlagert: Weniger Szenen am Pool oder Strand, dafür mehr Aktivität in den Innenstädten. Im touristischen Bereich ist die Zurückhaltung spürbar. Für eine Geschäftsreise, etwa zu einer Messe, würde ich persönlich jederzeit nach Dubai reisen. Klassische Badeferien hingegen würden sich für mich nicht stimmig anfühlen.
Sie kennen den Iran gut: Was wünschen Sie dem Land und vor allem den Menschen dort?
Ich wünsche mir vor allem, dass die Menschen im Iran endlich in Freiheit und Sicherheit leben können. Viele leiden seit Jahren unter politischen und wirtschaftlichen Zwängen, obwohl das Land selbst enormes Potenzial hätte. Mein persönliches Wunschszenario wäre deshalb ein Sturz des Regimes – in der Hoffnung, dass dadurch der Weg frei würde für mehr Offenheit, Stabilität und eine konstruktivere Rolle in der Region. Denn der Einfluss des Iran auf verschiedene Konflikte hat in der Vergangenheit immer wieder zur Eskalation beigetragen.
«Für manche rücken Ferien in der Schweiz wieder stärker in den Fokus»
Wohin verlagern sich die Buchungen bei Bischofberger Reisen?
In ganz unterschiedliche Richtungen. Einige Kundinnen und Kunden weichen auf Ziele wie die Malediven, Portugal oder die Kanarischen Inseln aus. Eine klare Tendenz ist dabei nicht erkennbar. Gleichzeitig spüren wir auch viel Zurückhaltung: Viele entscheiden sich bewusst dafür, vorerst gar nicht zu verreisen, die Entwicklung abzuwarten und erst kurzfristig zu planen. Für manche rücken dabei auch Ferien in der Schweiz wieder stärker in den Fokus.
Wie beurteilen Sie den Entscheid der Edelweiss, im Winter auf Oman-Flüge zu verzichten?
Ich kann diesen Schritt gut nachvollziehen. Gerade jetzt werden die Reisen für den kommenden Winter gebucht – und aktuell fehlt vielen schlicht das Vertrauen, Ferien in der Golfregion zu planen. Zwar ist ein Grossteil des Oman offen und es besteht keine Reisewarnung des EDA, doch die Verunsicherung ist spürbar. Für die Edelweiss ist die Situation besonders herausfordernd: Als Ferienfluggesellschaft ist sie darauf angewiesen, dass die Nachfrage frühzeitig anzieht. Anders als bei Linienflügen fehlt der breite Passagiermix, der Schwankungen abfedern könnte. Bis in den Herbst abzuwarten und darauf zu hoffen, dass sich die Maschinen noch füllen, wäre ein erhebliches Risiko. Insofern ist der Entscheid konsequent und letztlich eine Reaktion auf eine derzeit sehr zurückhaltende Nachfrage.
Was sagen Sie jemandem, der heute Ferien in Dubai für Oktober 2026 plant?
Ich würde das derzeit als unproblematisch einschätzen. Bis dahin dürfte sich die Lage beruhigt haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich die aktuelle Situation über so viele Monate hinzieht. Und wichtig: Sollte sich die Lage wider Erwarten nicht entspannen und weiterhin eine Reisewarnung des EDA bestehen, haben die Kundinnen und Kunden die Möglichkeit, ihre Reise kostenfrei zu annullieren.