Tourismuswelt

Schulungsevents und Roadshows geraten in der Schweizer Reisebranche zunehmend unter Druck. Selbst etablierte Formate kämpfen um genügend Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Bild: TN

Bröckelt der Zusammenhalt der Reisebranche?

Reto Suter

Absagen, schrumpfende Teilnehmerlisten und veränderte Prioritäten: Die Schweizer Reisebranche muss sich im Bereich der Aus- und Weiterbildung neu sortieren. Recherchen von Travelnews zeigen, was dahinter steckt.

Mit der Integration von Hotelplan in Dertour Suisse erlebt der Schweizer Reisemarkt den wohl grössten Umbruch seiner Geschichte. Viele Gewissheiten, die über Jahre Bestand hatten, gelten plötzlich nicht mehr. Oder, wie es ein langjähriger Branchenkenner gegenüber Travelnews formuliert: «Die Karten werden neu gemischt.»

Die Veränderungen zeigen sich vielerorts. Besonders sichtbar werden sie jedoch bei den Aus- und Weiterbildungs-Events der Branche. Zwar mussten Workshops und Roadshows auch früher gelegentlich abgesagt werden. Meist waren die Gründe nachvollziehbar: Eine Einladung kam zu spät, der Termin kollidierte mit anderen Veranstaltungen oder die beworbene Destination spielte im Schweizer Markt schlicht keine grosse Rolle.

Wenn selbst Klassiker schwächeln

Doch die Situation hat sich verändert. Heute geraten zunehmend auch etablierte unter Druck – ohne offensichtliche organisatorische Mängel. Zu den prominentesten Beispielen gehören die TPS Academy sowie die Veranstaltungen von Visit USA Switzerland.

Nach zwei erfolgreichen Ausgaben in den Jahren 2024 und 2025 zog die TPS Academy dieses Jahr die Reissleine. Die Zahl der Anmeldungen blieb massiv hinter den Erwartungen zurück. In Branchenkreisen wird gemunkelt, dass sich insbesondere Mitarbeitende von Dertour Suisse und TUI Suisse nur vereinzelt angemeldet hätten. Offiziell bestätigen will dies allerdings niemand.

Auch bei Visit USA häuften sich die schlechten Nachrichten. Die klassische Roadshow fand bereits im vergangenen Herbst zum letzten Mal statt. Und das «Visit USA Island Hopping», jahrelang einer der wichtigsten Weiterbildungs-Events für den Schweizer USA-Verkauf, lockte dieses Jahr nur noch einen Bruchteil der Reiseprofis früherer Jahre an. Mit der Auflösung des Visit USA Committee Switzerland verschwindet auch dieses Format endgültig von der Bildfläche.

Weniger Teamgeist, mehr Eigeninteressen

Travelnews hat mit mehreren Organisatoren etablierter Branchenveranstaltungen gesprochen. Überall tönt es gleich: Es wird immer schwieriger, genügend Reiseprofis für Workshops und Roadshows zu gewinnen.

Die Ursache sehen alle Gesprächspartner bei den grossen Marktteilnehmern. «Das Interesse, im Sinn der gesamten Branche zu denken und zu handeln, ist spürbar gesunken», sagt ein Insider, der anonym bleiben möchte. Statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen, fahre heute jeder sein eigenes «Zügli».

Diese Einschätzung teilt Heinz Zimmermann, Inhaber der Top Line Group und seit vielen Jahren Organisator des Arabian Souk, des Asia Workshops sowie der Visit-USA-Events.

«Die Bereitschaft und die Loyalität, einen Beitrag für firmenübergreifende Ausbildungs-Events zum Nutzen der gesamten Branche zu leisten, war früher generell höher», so Zimmermann. Die etablierten Plattformen Arabian Souk und Asia Workshop würden aber nach wie vor von sämtlichen Marktteilnehmern mitgetragen.

Besonders hebt Zimmermann das Engagement von Dertour Suisse hervor: «Das Unternehmen ist mit Oliver Howald beziehungsweise Verda Birinci-Reed in beiden Komitees vertreten und hilft dadurch aktiv mit, diese beiden Ausbildungs-Events zukunftsfähig zu machen.»

Externe Schulungen verlieren an Bedeutung

Nicht überall fällt das Urteil über Dertour Suisse so positiv aus wie bei Heinz Zimmermann. In Branchenkreisen gilt es inzwischen als offenes Geheimnis, dass der Reisekonzern weniger Mitarbeitende an externe Weiterbildungs-Events schickt als früher. Dieser Eindruck dürfte auch damit zusammenhängen, dass Hotelplan-Reiseprofis an Workshops und Roadshows traditionell sehr präsent waren und im neuen Dertour-Konstrukt nun deutlich seltener anzutreffen sind.

Dertour Suisse bestreitet nicht, dass die eigenen Schulungsformate im Zentrum stehen. «Die kontinuierliche Weiterbildung unserer Mitarbeitenden hat einen hohen Stellenwert», sagt Sprecherin Amélie Schnidrig auf Anfrage. Diese erfolge sowohl über interne Schulungsangebote wie klassische Trainings oder Studienreisen als auch über ausgewählte externe Veranstaltungen.

Dabei hätten die eigenen Programme seit Langem Priorität. Branchenübergreifende Schulungen seien eine wertvolle Ergänzung, würden aber gezielt dort eingesetzt, wo sie den grössten Nutzen für die Mitarbeitenden und das Unternehmen böten. Entscheidend seien fachlicher Mehrwert und Relevanz. Dass sich dadurch zwangsläufig die Teilnehmerlisten externer Organisatoren verkürzen, überrascht nicht.

Workshops wie die Thailand-Roadshow bleiben wichtige Plattformen für Produktwissen und persönlichen Austausch. Bild: TN

Gere Gretz, Gründer und Geschäftsführer von Gretz Communications mit Destinationen wie Costa Rica, Estland, Slowenien und Thailand im Portfolio, bestätigt zwar ebenfalls, dass die Anmeldelisten früher länger gewesen seien. Einen spürbaren Rückzug von Dertour habe er bisher jedoch nicht festgestellt. Ein aussagekräftiger Gradmesser werde allerdings erst die Thailand-Roadshow im Herbst sein.

Mehr Sorgen bereitet Gretz die Entwicklung bei TUI Suisse. Seit Längerem stellt er fest, dass Mitarbeitende des Unternehmens seine Veranstaltungen kaum noch besuchen. «Dass bei einer für den Schweizer Markt derart wichtigen Destination wie Thailand fast oder gar niemand von TUI Suisse teilnimmt, verstehe ich nicht und finde ich auch äusserst schade», sagt er.

Gleichzeitig zeigt Gretz Verständnis für die Reiseberaterinnen und Reiseberater selbst. Viele nähmen an Workshops und Roadshows in ihrer Freizeit teil, ohne dafür entschädigt zu werden. «Da ist es nachvollziehbar, dass die Lust nicht bei allen Einladungen gleich gross ist.»

Am Ende bleibt deshalb eine unbequeme Frage: Ist die sinkende Teilnahme an Weiterbildungs-Events lediglich eine Folge veränderter Unternehmensstrategien, oder verliert die Schweizer Reisebranche gerade ein Stück ihres früheren Zusammenhalts?