Here & There

Travelnews-Autor Andreas Güntert erlebte in Hamburg Me-Cation, Workation und Slowcation – und einen Endsilben-Überdruss. Bild: Internaut

Einwurf Mein Sommer, meine Over-Cation

Andreas Güntert

Haben Sie diesen Sommer einfach nur Ferien gemacht oder waren Sie auf Glowcation, Runcation oder Skillcation? Es wird Zeit, dass dieses grammatikalische Virus endlich wieder verreist.

Wie war Ihr Sommer? Warm? Heiss? Zu heiss? Mein Sommer war grossartig. Mit nur einem Makel: Wo andere ein Übermass an Hitzegraden verspürten, quälte mich Cation-Überdosis.

Cation? Ja, genau. Es verging im Sommer 2026 gefühlt kein Tag, an dem mir nicht eine Trendnase oder ein sonstiger Influencer (w/m/d) eine neue Travel-Tendenz beliebt machen wollte. Buzzwords aus den verschiedensten Himmelsrichtungen, die alle etwas gemeinsam hatten: Sie enden auf «-cation».

Cation, Cation und kein Ende

Als da war (kleine Auswahl): Wenn Männer mit ihren Kumpels verreisen: Brocation. Wenn Damen unterwegs unter sich bleiben: Hercation. Menschen lernen auf Reisen etwas Neues hinzu? Skillcation. Wenn Reisende (wenn ich das richtig verstanden habe), ihre innere Gesundheit zur äusseren Ausstrahlung bringen: Glowcation. Wenn Ferienmachende während der Reiserei etwas Sinn finden wollten: Whycation. Wobei es da auch Subtrends gibt. Wenn Menschen den Sinn beim Rennen finden wollen: Runcation. Wenn sie sich dabei mit anderen messen: Racecation.

Ich rannte, strahlte und sinnsuchte zwar nicht. Aber auch in meinen zwei Wochen in Hamburg kam es – ganz unbewusst – zu -Cation-Auffälligkeiten. Weil ich alleine dort war (Me-Cation.). Weil ich Arbeit mitgenommen hatte an die Waterkant (Workation). Und weil ich es manchmal etwas gemütlicher nahm als daheim (Slowcation). Ich hoffe, Sie sind einverstanden, wenn ich Sie hier verschone mit der Erläuterung weiterer neumödiger Ferienformeln wie Astrocation, Daycation, Quietcation, Skycation oder Sleepcation.

Diagnose: Cation-Manie

Aber eine kleine Erklärungssuche (Explaincation?) sei mir trotzdem vergönnt: Was ist da eigentlich los? Muss heute jede Ferienart partout zu einer eigenen -cation werden? Ist das Reisen derart von angelsächsischen Marketingmenschen und ihrem Marketing-Sprech durchdrungen, dass jede touristische Aktivität zu einer -cation mutieren muss?  

Die Reiseindustrie, scheint es mir, leidet an einer mittelschweren Infektion mit der Silbe -cation. Vom englischen vacation abgeknabbert, wird das Unwörtli heute an alles geklebt, was sonst nicht gesagt werden kann. Oder zu wenig Sales-Schmiss hat. Die sprachpolizeiliche Spurensicherung am Cation-Tatort ergibt: Toxischer Marketing-Cocktail aus der US-Wortküche, allgemeine Ausdrucks-Manie, Wortdiarrhö mit hoher Ansteckungsgefahr.

Sprachlich ist es ja so, dass wir bei dieser vermaledeiten Wortbildung von einer «Kofferwort-Suffix» sprechen, von neuen zusammengeschmolzenen Wortbausteinen also, mit welchen am laufenden Band neue Wörter erzeugt werden. Mir reicht es mit diesem linguistischen Overtourism. Mach endlich einen Abflug, elende Endsilbe!

Auch daheim gibt es kein Entkommen

Wobei: Fast schon fürchte ich, dass wir 2026 das letzte Jahr erleben, in dem Menschen einfach Wandern, Velofahren und Campieren gehen. Spätestens 2027 wird man uns dann Wandercation, Velocation und Campcation als heisses Trend-Süppli servieren. Ich sag es hier, ich sag es laut: Die Schlusssilbe «-cation» ist grauenhaft. Man weiss ja: Was hinten rauskommt, muss nicht immer das Beste sein. Wann verreist diese Endsilbe endlich?

Ein Entkommen gibt es jedenfalls nicht. Wer ob diesem ganzen «-cation»-Overkill lieber zu Hause bleibt, wird auch im trauten Heim nicht verschont. Denn wer daheim hockt, betreibt Staycation. Darf ich zum Saison-Ende deutlich werden und einen aggressiven Hashtag setzen? Ich tu es. Und fordere, hier, jetzt und ultimativ: End-Cation!

P.S. Jenem Teil des Publikums, das sich wohl fühlt auf dem rutschigen Trend-Terrain, ist selbstverständlich längst aufgefallen, dass das grösste Sommer-Trendwort fehlt in dieser Streitschrift (Streit-Cation?) Das heisse Wort im Reisesommer 2026 war natürlich: Coolcation. Erwähnt habe ich es deshalb nicht, weil es in Hamburg meist um oder über 30 Grad heiss war. Also nicht so cool wie erhofft.

Früher hätte man da wohl «Pustekuchen mit Coolcation!» geknurrt. Heute knurrt man anders, kofferwortiger, trendiger irgendwie: Puste-Cation!