On The Move
Einwurf Jetzt erst recht – weshalb wir verreisen sollten
Matthias ReimannWir alle sehen uns mit einer rasend schnellen, sich täglich verändernden geopolitischen Gemengelage konfrontiert. Wieder einmal leben wir in einer Zeit des permanenten Umbruchs; Heute geltende Wertvorstellungen gehören morgen der Erinnerung an.
Kriege, Unruhen und Krisen jeder Couleur scheinen zur Reiseplanung zu gehören wie die Wahl der Airline oder Zimmerkategorie. Trotz aller Unsicherheiten sollten wir aber nicht auf die unbezahlbaren Erfahrungen und Begegnungen verzichten, die uns das Reisen immer wieder grosszügig offeriert. Dies ist ein Plädoyer fürs Verreisen. Jetzt erst recht.
Salomonen – umschwärmt von Hammerhaien
Nordöstlich von Australien, in einem abgelegenen Winkel des Südpazifiks, befindet sich eines der artenreichsten marinen Ökosysteme der Welt. Die 700 Quadratkilometer grosse Marovo Lagoon ist eine Salzwasserlagune, die zur Provinz New Georgia in den Salomonen zählt. Sie ist durch ein doppeltes Barriereriff geschützt und für Tauch-Interessierte gleichbedeutend mit dem Heiligen Gral.
Neben einer schier unvorstellbaren Vielfalt an Hart- und Weichkorallen leben hier über 900 tropische Fischarten und mehr als 1000 weitere Tierarten, darunter Dugongs, Mantarochen, Meeresschildkröten und sogar Walarten wie Grosse Tümmler, Schwert- und Grindwale. Das indigene Volk der Marovo lebt seit 30'000 Jahren an der Lagune. Aus Respekt vor dem Meer und seinen Geschöpfen sind zahllose Bereiche der Lagune als «Tabu» ausgewiesen – diese heiligen Orte sind Laichgebiete, in denen nicht gejagt werden darf.
Zwanzig Meter unter der Wasseroberfläche gleite ich staunend über die Ausläufer eines Steilwandriffs vor Uepi Island in der spektakulären Marovo Lagoon. Unzählige Korallen- und Schwammarten funkeln im gleissenden Sonnenlicht. Abgesehen vom Blubbern meines Tauchgeräts umgibt mich eine unwirkliche und doch wohltuende Stille.
Plötzlich ziehen ein paar kurze Schatten über mir durch und sind ebenso schnell wieder weg. Unser Tauchguide signalisiert, dass wir nach oben schauen sollen. Was ich erspähe, verschlägt mir den Atem. Gegen das Sonnenlicht hochblickend sehen wir zwar nur Silhouetten eleganter Kreaturen, aber es ist uns sofort klar, worum es geht. Die Umrisse signalisieren zweifelsfrei, dass wir gerade Zeuge eines seltenen Unterwassererlebnis werden: Es sind Hammerhaie.
Wissenschaftliche Quellen sprechen von bis zu elf Arten, jedoch nur dem Grossen Hammerhai wird nachgesagt, dass er dem Menschen potenziell gefährlich werden kann. Der Schwarm, der uns heute inspiziert, ist zwar neugierig, will aber weiter nichts von uns wissen. So unvermittelt wie die graziösen XL-Fische über uns aufgetaucht sind, so schnell haben sie sich wieder aus dem Staub gemacht.
Glacier Express – vom Entdecken der Langsamkeit
Die Reise im langsamsten Schnellzug der Welt führt vom Oberengadin zum berühmtesten Berg Europas: Der Glacier Express verbindet St. Moritz mit Zermatt. Es gibt keine andere Bahnlinie, die zwei alpine Lichtgestalten dieses Kalibers vernetzt. Wer sich auf dieses lustvolle Entdecken der Schweizer Gebirgswelt einlässt, entscheidet sich für ein einzigartiges Reise-Erlebnis im eigenen Land. Für den knapp 300 Kilometer langen Weg nimmt sich der Zug Zeit, viel Zeit sogar. Während der achtstündigen Fahrt liegt die Geschwindigkeit meist unter 40 Stundenkilometern und lässt Reisende so die Langsamkeit genussvoll auskosten.
Ich hatte mir seit langem gewünscht, diese Bahnreise endlich einmal zu erleben. Von der Seenlandschaft jenseits des Malojapass bis zum Fuss des Matterhorns passiert diese rollende Bahnlegende 91 Tunnels und überquert 291 Brücken. Der Zug rollt durch alpine Kulturlandschaften, windet sich durch abgeschiedene Täler, tiefe Schluchten, entlang schroffer Felswände und vorbei an idyllischen Bergdörfern. Von allen Teiletappen beeindruckt mich die Ruinaulta am meisten. Der «helvetische Grand Canyon» zwischen Reichenau und Illanz ist eine der wildesten Felslandschaften im Land. Die Ruinaulta ist die bis zu 400 Meter tiefe und zwölf Kilometer lange Schlucht des Vorderrheins.
Unbeeindruckt vom gewaltigen Bühnenbild des Canyons mäandert unser Zug unaufgeregt auf einer waghalsig angelegten Streckenführung entlang des südlichen Flussufers. Neben dem Stakkato der Handy-Kameras ist es im Panoramawagen mäuschenstill. Ich blicke fasziniert auf wilde Landschaftsbilder, die untypisch für die Schweiz erscheinen. Niemand bleibt sitzen, meine Mitreisenden und ich stellen sicher, dass wir die spektakulären Ausblicke auf sich schroff auftürmende Urlandschaften nicht verpassen.
Weit oben erspähe ich Furcht einflössende Erdpyramiden, zerklüftete Kalktürme und horizontale Linien aus Schutt. Unterhalb der Bahntrasse lugt die eisig blaue Strömung des Rheins hervor. Beobachtet von halsbrecherischen Felswänden links und rechts zwängt sich der ansonsten ruhig wirkende Fluss hier tosend durch eine schmale Stelle der Schlucht. Die Schweiz ist ein Reiseland, das mich immer wieder von Neuem fasziniert – und begeistert.
Seychellen – Kalmare sind dumm
Vor ein paar Jahren traf ich Christelle Verheyden zu einem Interview. Die Belgierin führte damals als Head Chef das exquisite Restaurant La Grande Maison, das der Takamaka-Rum-Destillerie angegliedert war. Die charmante Küchenchefin tischte im Südosten der Hauptinsel Mahé kreolische Gerichte auf, die sie elegant und gleichzeitig spielerisch mit der Raffinesse der französischen Küche fusionierte. Fisch und Meeresfrüchte spielten eine Hauptrolle in ihrem Repertoire. Sie verarbeitete nur lokale Produkte und kannte jeden ihrer Lieferanten. Konsequent verwendete sie keine Zutaten, die mittels Flugfracht ins Land gebracht wurden.
Wir sassen ins Gespräch vertieft auf der schattigen Veranda vor dem Restaurant, als ein lokaler Fischer bei ihr vorbeischaute. Mit einem breiten Lachen bot er Christelle Kalmare an, die er eben gefangen hatte. Für sie war in jenem Moment klar, dass sie das Abendmenu etwas anpassen würde.
«Zwei Seychellois beschaffen für mich einzig Kalmare und Oktopus. Die beiden sind keine eigentlichen Fischer, denn sie haben keine Boote und fahren auch nicht aufs Meer» erklärte sie und fuhr fort: «Sie tasten sich während der Ebbe mit langen Metallstangen auf vorgelagerte Riffbänke vor, stecken ihre Stangen in kleine Höhlen und Löcher, und schon haben sie ihren Fang. Kalmare sind dumm», lachte Christelle.
«Die Viecher halten sich an den Metallstangen fest und die Fischer ziehen sie einfach aus ihren Löchern.» Allerdings sind ihre Lieferanten nicht immer gleich verlässlich: «Wenn meine Jungs keine Lust oder gerade mal genügend Geld in der Tasche haben, passiert gar nichts... Darum bin ich beim Gestalten meiner Speisekarte stets auf der Hut und vor allem immer bereit zum Improvisieren.»
Dijon – mehr als Senf und Burgunderweine
Das mittelalterliche Herz der burgundischen Hauptstadt lässt sich wunderbar auf dem Rundgang der Eule (Le Parcours de la Chouette) erkunden. 22 bronzenen Pfeilen folgend, die sich zwischen den Pflastersteinen der Innenstadt verbergen, lernt man sowohl die Highlights der Altstadt wie auch verborgene Schätze kennen. Die Eule ist Dijons Maskottchen und so sitzt sie zum Beispiel auf einem Strebepfeiler der Église Notre-Dame, einem Höhepunkt burgundisch-gotischer Bauweise. Im historischen Stadtkern befindet sich auch die ausladende, von gemütlichen Cafés gesäumte Place de la Libération. Im gegenüberliegenden Palais des Ducs de Bourgogne befinden sich das Rathaus sowie eine der umfangreichsten Kunstsammlungen Frankreichs.
Ein Juwel in Dijons reichem Schatz an Sehenswürdigkeiten sind die grossartigen Les Halles Centrales. Sie wurden 1868 durch den Pariser Architekten Gustave Eiffel erbaut. Die grazile Stahl-Glas-Konstruktion lehnt an klassische Architektur jener Zeit an. Dieser Tempel des Essens lässt das Herz jedes Gourmets sprunghaft höherschlagen. Das Gewusel auf dem Markt ist französisch jovial und immer mit einer Prise Leichtigkeit durchsetzt.
Wer seine kulinarischen Schätze gleich vor Ort verspeisen möchte: bitteschön! Die kleine Weinbar im Herzen der geschäftigen Markthalle serviert eiskalten Champagner zu den frischen Austern aus der Normandie vom Stand nebenan. Entscheiden sich Marktbesucher eher für ein Stück Jambon Persillé, den legendären Burgunder Kräuterschinken, setzt ein trockener Beaujolais kraftvolle Kontraste. Und wem hinterher nach etwas verlockend Süssem ist, wählt Nonnettes. Die kleinen Lebkuchen-Köstlichkeiten sind traditionell mit Orangenmarmelade gefüllt und lassen ein Gläschen gekühltem Vin de Paille umso besser schmecken. Für diesen konzentrierten, goldgelben Süsswein lassen Winzer die Trauben einige Wochen sorgfältig trocknen. Wer die Markthalle in Dijon besucht, findet zuhauf Erklärungen für den Begriff «essen wie Gott in Frankreich». Bon Appétit!
Erfahrungen und Begegnungen wie diese sind es, für die es sich lohnt, immer wieder aufzubrechen. Es sind Augenblicke des Innehaltens und Staunens und es sind Lichtblicke, in denen wir uns als Entdecker und nicht als Störenfriede fühlen. Wir können diese flüchtigen Momente nicht planen und schon gar nicht im Voraus buchen.
Diese Kostbarkeiten wiegen alle Zumutungen auf, die mit dem Weltenbummeln einhergehen. Enge Flugzeuge, nervige Sitznachbarn, Schlangestehen, überteuerte Sehenswürdigkeiten und Mückenstiche vergessen wir schnell wieder. Aber die Erlebnisse und Begegnungen, die uns berühren, werden Teil unserer eigenen DNA. Genau deshalb sollten wir verreisen. Jetzt erst recht!