Hotellerie
«Vielleicht ist Swissôtel dann ein Wellnessunternehmen»
Mr. Gibson, Sie entwickeln Wellness- und Spa-Konzepte für Swissôtel, Raffels und Fairmont Hotels. Herrscht in der Kettenhotellerie noch Nachholbedarf?
Andrew Gibson: Es ist vor allem ein stetiger Lernprozess für unsere Senior und General Manager zu verstehen, dass Well-Being nicht einfach nur «Spa» oder «Fitness» bedeutet, sondern ein Gesamtkonzept ist, das ein Hotel in seiner Gesamtheit beeinflusst.
Im Swissôtel Zürich haben Sie nun mit dem Vitality Room ein neues Raumkonzept vorgestellt, das das Well-Being in den Mittelpunkt des Hotelaufenthaltes stellt.
Das Konzept ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein ganzheitlicher Well-Being-Ansatz das Denken und Handeln in der Hotellerie verändert. Ich nutze gerne den Begriff «unfehlbare Wellness» – das heisst ich gehe an einen Ort, und wenn ich von dort zurückkehre, fühle ich mich gesünder und besser als zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Ort aufgesucht habe. Das hängt mit den fünf menschlichen Sinnen zusammen, und die müssen wir stimulieren – über Licht, über Luft, über Aroma, über die Haptik der im Hotel verarbeiteten Materialien und über den Geschmack dessen, was wir im Restaurant und an der Bar anbieten. Wir möchten im Endeffekt erreichen, dass der Gast sich nach einem Hotelaufenthalt gut und besser fühlt als vor dem Besuch.
Inwiefern sind eine Fitnesswand und eine bunte Aromapalette an Gerüchen wie Sie sie nun in Zürich präsentiert haben Elemente, die das Wohlbefinden eines Gastes in einem Hotelzimmer steigern können?
Jeder kann in einem Hotel im Fitnessraum trainieren, die Workout-Fläche im Hotelzimmer erwartet eigentlich niemand. Doch nicht jeder Hotelgast möchte im Hotel trainieren – oder zumindest auch nicht öffentlich sichtbar. Genau hier holen wir den Gast ab und schaffen Mehrwerte – auch mit der Aromatherapie im Badezimmer. Der Geruchssinn gehört zu den stärksten menschlichen Sinnen, Gerüche gehen direkt von der Nase ins Gehirn. Und jeder Mensch hat Gerüche, die er mag oder eben nicht. Das ist unser Ansatz. Oder aber das Thema Licht: Wir sehen, dass nach Langstreckenflügen in neuen Flugzeugen, in denen sich während der Reise das Kabinenlicht tageszyklisch anpasst, die Passagiere frischer und erholter am Zielort ankommen als in früheren Tagen. Etwas Ähnliches gibt es aber bislang noch nicht für ein Hotelzimmer. Deshalb gehen wir das nun in unserem Vitality Room an.
«Nicht jeder Hotelgast möchte im Hotel trainieren – oder zumindest nicht öffentlich sichtbar»
Gibt es Marktdaten, die belegen, dass Nachfrage für ein Konzept wie den Vitality Room besteht?
Wir sehen seit langem einen steilen Anstieg bei den Wellnessreisen als Reisemotivation, und über alle Kontinente hinweg wird die Wellness-Community immer grösser. Rund um das Thema Wellness entstehen mehr und mehr neue Produkte. Das MGM Grand in Las Vegas hat vor rund fünf Jahren zehn seiner 3000 Zimmer in Wellnesszimmer umgewandelt und mit einem Aufpreis von 40 Dollar vermarktet. Das lief so gut, dass sie mittlerweile dort im Haus 200 Wellnesszimmer finden. Daher ja, die Nachfrage gibt es. Wir können sie aktuell allerdings noch nicht genau beziffern.
Wie sieht die Zukunft des Vitality-Konzeptes bei Swissôtel aus vor dem Hintergrund des Eigentümerwechsels nach der Accor-Übernahme?
Wir haben seit der Übernahme mit Chris Cahill einen neuen Vorstand für das Luxussegment bei Accor. Er wird verantwortlich sein für die Richtung, die wir einschlagen. Vielleicht sitzen wir in fünf oder zehn Jahren hier und Swissôtel ist ein Wellness-Unternehmen. Ich weiss das nicht. Der Begriff Vitality ist mittlerweile ein bedeutender Teil der Swissôtel-Geschichte. Dieser Begriff steht bei uns über den Begriffen Fitness und Spa, über Food und Beverage und nun auch über den Hotelzimmern. Und hoffentlich bald dann auch über der Lobby und über dem gesamten Hotel. Ich mag diese Vision.
Hat die Accor-Übernahme Ihre Arbeit bei der FRHI-Holding bis heute in irgendeiner Weise beeinflusst?
Nein, überhaupt nicht. Wir arbeiten noch immer mit unseren Markenzielen und –vorgaben. Natürlich wird uns das irgendwann beeinflussen, alleine schon wegen des neuen Vorstands. Ich weiss nicht, was er ändern wird, aber ich kann mir vorstellen, dass alles Gute, was bei Swissôtel geleistet wird, auch beibehalten wird.