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Manchmal liegt das Reiseglück abseits der bekannten Routen: Abendstimmung über den Hügeln der toskanischen Maremma. Bild: JPR

Wie man Reisen anders plant und damit sein Glück findet

Jean-Pierre Ritler

Zuerst die Beiz, dann das Bett. Wer Reisen rückwärts plant, landet nicht in Follonica, sondern in Roccatederighi. Und isst die besten Pappardelle seines Lebens.

Die Szene ist so traumhaft wie unwirklich. Vor der kleinen Terrasse glitzert das Meer, dahinter sieht man Elba und Korsika. Im Abendhimmel stehen Venus und Jupiter untereinander, und auf dem Teller präsentieren sich die besten Pappardelle al Ragù di cinghiale meines Lebens.

Ich sitze in Roccatederighi, mitten in der toskanischen Maremma. Den Ort muss man auf der Karte mit der Lupe suchen und er liegt nicht mal in der Nähe einer Touristenroute.

Aber wie lande ich in diesem Städtchen mit dem merkwürdigen Namen? Und wie findet man dort die «Locanda Da Nada» mit ihrer kleinen Terrasse, der grossen Aussicht und dem fantastischen Essen?

Die Träume der Touristen

Als Touristen haben wir Träume. Eigentlich möchten wir nicht zusammen mit tausend anderen stumpfsinnig Städte ablaufen, vor Museen Schlange stehen, in schlechten Restaurants übers Ohr gehauen werden und am Strand 100 Euro für einen Sonnenschirm bezahlen.

Eigentlich wollen wir etwas anderes. Wir wollen die echte Toskana sehen, die der Einheimischen. Wir möchten zu Geheimtipps reisen, sensationelle Aussichten geniessen und bloss nicht Deutsch vom Nachbartisch hören.

Die malerischen Gassen von Roccatederighi zeigen, dass es nicht immer Follonica sein muss. Bild: JPR

Eigentlich. Doch wir tun es nicht. Weil wir nicht wissen, wie man solche Traumorte findet. Natürlich ist das Internet voller «Geheimtipps», Reiseseiten von Booking bis Airbnb schlagen uns allerlei Interessantes vor. Und da ist noch die Schwarmintelligenz von Google und Tripadvisor, die uns sagen, wo es «lecker» und günstig ist.

Aber sobald ein schöner Ort von jemand entdeckt und via Internet geteilt wird, ist der Zauber verflogen. Wer schon mal in der Cinque Terre war, weiss, wovon ich rede.

Womit wir in Roccatederighi landen. Und der Grund, wieso ich hier sitze und nicht im nahen, überfüllten Follonica.

Umgekehrt planen und das Glück finden

Meine Reise in die Toskana habe ich ganz anders als sonst geplant. Also nicht nach Orten, Sehenswürdigkeiten oder Menschen, die man besuchen muss. Nein, diesmal fing ich von hinten an. Denn in der Regel fragt man sich erst am Schluss eines Reisetages: Wo gehen wir essen?

Diese Frage stand jetzt an erster Stelle. Also zuerst die Beiz, dann die Übernachtung, dann der Weg dahin. Und für die Suche nach dem besten Lokal gibt es einen simplen Trick.

Die Pappardelle al ragù di Cinta Senese haben es mir angetan. Bild: JPR

Das Geheimnis zum kulinarischen Glück in Italien hat einen Namen: «Osterie d‘Italia», der italienische Beizenführer von Slow Food. Gibt es als Buch oder als App und hat mich in über 30 Jahren nicht einmal enttäuscht. Im schlimmsten Fall habe ich gut gegessen und wenig bezahlt. In den meisten Fällen gab es aber ein kulinarisches Erlebnis der Sonderklasse. Wie heute Abend.

Der Führer setzt genau auf das, was ich liebe: Unverfälschte, lokale Küche mit den allerbesten regionalen Zutaten. In diesen Gaststuben stehen oft die Nonnas am Herd, und der Nachwuchs begrüsst die Gäste. Also keine Haute Cuisine aus dem Molekularlabor, aber auch nicht die touristentaugliche Mischung von Pizza und Spaghetti Bolognese (die es – nebenbei gesagt – in der italienischen Küche gar nicht gibt).

Eine App, die sich lohnt

Solche genialen Orte findet man selten in Touristenhochburgen, sondern meist irgendwo im Niemandsland. In Orten mit so unbekannten Namen wie Roccatederighi oder Boccheggiano. Und daher führt uns die Suche nach den besten Lokalen auch in die unbekanntesten Ecken des Landes.  

Der Slow Food-Führer bewertet jedes Jahr rund 2000 Osterie und Trattorie und ist im Urteil gnadenlos. Wer den hohen Werten von Slow Food nicht entspricht, fliegt raus. Daher lohnt es sich, den Führer als App herunterzuladen. So hat man für sieben Franken im Jahr den Schlüssel zum kulinarischen Hochgenuss in der Hosentasche. Noch nie ist Geld besser angelegt worden.

Auf der kleinen Terrasse der «Locanda Da Nada» geniesst man die grosse Aussicht – und das meist ohne andere Touristen. Bild: JPR

Was nicht heisst, dass man an den unbekannten Orten bleiben muss. Man kann von dort auch kleine Ausflüge in die Touristen-Hotspots machen. Von Roccatederighi ist man in 40 Minuten in Follonica. Dort badet man im Meer und döst im schattigen Pinienwald, um Hunger zu bekommen. Was im Gegensatz zu einem Schirm am Strand nichts kostet.

Genuss auch bei Stromausfall

Denn abends steht «La Ciottolona» im historischen Zentrum von Boccheggiano auf dem Programm. Chefkoch Duccio und sein Vater Sandro interpretieren hier auf moderne, aber nicht aufdringliche Weise die traditionelle toskanische Küche neu. Die Fahrt dorthin ist malerisch, den Ort würde man ohne den Slow Food-Führer nie im Leben finden.

Während des Essens geht mehrmals der Strom aus. Was lustig ist, denn niemand ist mit Kerzen oder Taschenlampen darauf vorbereitet. Entweder geht die Küche und die Kaffeemaschine und ich sitze im Dunkeln. Oder eben umgekehrt.

Dem Genuss tut das keinen Abbruch. Nach Kalbsbries mit Artischockenvariationen, Spaghetti mit gesäuerter Butter, Safran und Ossobuco-Jus sowie Spanferkelkeule mit knuspriger Schwarte auf geschmorter Lauchsauce, dazu geröstete Frühlingszwiebeln und Balsamico-Reduktion bin ich schlicht überwältigt.

Denn manchmal beginnt die schönste Reise nicht mit einem bekannten Ort auf der Landkarte, sondern mit einem Tisch, an dem man glücklich wird.