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Im Australien-Tourismus regiert der Optimismus
Urs Wälterlin, AdelaideFabienne Camenzind von Dreamtime Travel in Baden hat ein Wort, um die Stimmung an der Australian Tourism Exchange (ATE) zusammenzufassen: Optimismus. «Trotz der angespannten Weltlage ist die Stimmung an der ATE sehr positiv. Alle sind gut drauf und optimistisch. Das zeigt mir einmal mehr, was für eine grossartige Gruppe von Menschen das ist.» Ähnliche Töne auch am Stand von Tourism Australia (TA). Dort meint ein Einkäufer aus Dresden «wir Deutschen sind oft so negativ. Aber die Australier, die sind einfach total optimistisch. Wenn man bedenkt, was die australische Reiseindustrie in den letzten Jahren alles durchgemacht hat». Zyklone, Kriege, Korallenbleichen, Covid – die Liste der Widrigkeiten ist lang. «Und trotzdem verlieren die Aussies ihren Optimismus nie».
Ob begeisterte Einkäufer, motivierte Anbieter oder ein enthusiastisches TA-Team: fast schien es, der Begriff «Optimismus» sei ein offizieller Slogan an der ATE, die am Donnerstag in Adelaide zu Ende gegangen war. Der Anlass ist seit 46 Jahren die grösste und wichtigste Tradeshow in und für Australien. 730 Einkäufer und Agenten aus 32 Ländern waren in die südaustralische Hauptstadt gereist. Die Schweiz war mit sechs VertreterInnen führender Reiseunternehmen vor Ort. Einkäufer tauschten sich über vier Tage mit 1400 Repräsentanten von 674 Anbieterfirmen aus, über insgesamt 55'000 vorgebuchte und auf die Bedürfnisse der Teilnehmer abgestimmte Termine im 15-Minuten-Takt. «Ich habe noch nie eine so gut organisierte Messe erlebt», so eine Teilnehmerin, die zum ersten Mal an der ATE war.
Besucherzahlen legen um 10 Prozent zu
Wie der neue TA-Chef Robin Mack meinte (er löste im Januar Phillipa Harrison ab, die ein Mandat im Nahen Osten übernommen hatte), konnte Australien die Zahl der Besucher in den 12 Monaten bis März um 10 Prozent auf 9,1 Millionen erhöhen. Die Schweiz legte um 8 Prozent auf 48'425 Ankünfte zu. Auch wenn die Zahlen noch deutlich unter dem Stand vor 2019 liegen, wird die Entwicklung als klares Zeichen dafür gewertet, dass der Markt den Prozess des Wiederaufbaus nach dem Schock der Covid-Pandemie weiterführen konnte. Die Feriengäste aus aller Welt pumpten in diesem Zeitraum fast 32 Milliarden Franken in die australische Wirtschaft.
Nach wie vor stammt der Grossteil der Australien-Besucher aus den traditionellen Märkten Neuseeland, China und Grossbritannien. Für die Zukunft prognostiziert Mack aber ein «asiatisches Jahrhundert»: nicht nur China werde als Quellmarkt weiter wachsen. In verschiedenen Ländern Südostasiens sei TA daran, neue Märkte zu erschliessen.
Obwohl auch er generell optimistisch war, was die kommenden Jahre angeht, sprach Mack von einer kommende «Ära der Volatilität». Der Konflikt in Nahost und die generelle geopolitische Unsicherheit machten es schwierig, mit klarem Blick in die Zukunft sehen zu können. Trotzdem scheint das Interesse der Einkäufer nicht abzuflachen. Viele Anbieter meldeten «gute Gespräche», unter ihnen Angela Freeman von Wildlife NQ, die nördlich von Cairns die aus touristischer Sicht beste Krokodilfarm Australiens erlebt, betreibt Hartley’s Crocodile Adventures.
Im kommenden Finanzjahr will sich TA auf vier zentrale Aufgaben konzentrieren. So solle nicht nur der Mensch von der Destination Downunder überzeugt werden, sondern auch die Maschine – also künstliche Intelligenz. Daran arbeite ein Team, meinte Mack im Exklusiv-Gespräch mit Travelnews.ch. Ausserdem müsste die «unrivalisierte» Einzigartigkeit des Kontinents stärker in den Fokus gerückt werden. Auch sollen Grossanlässe wie die Olympischen Sommerspiele in Brisbane im Jahr 2032 dazu genutzt werden, Besucher anzulocken. Schliesslich solle die «distinktive Luxusposition Australiens» verstärkt vermarktet werden.
Vorteilhafter Wechselkurs
Mehrere Einkäufer meldeten bereits einen deutlichen Trend hin zu Luxusprodukten (siehe unten, «Klasse statt Masse»). Entsprechend war die Preisentwicklung ein grosses Thema: die Warnung, Australien sei bald zu teurer, wurde von vielen Einkäufern geäussert. Fabienne Camenzind: «Die Preise steigen kontinuierlich und Australien zählt nicht gerade zu den günstigen Reisezielen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist aus meiner Sicht teilweise bereits kritisch. Dank des starken Schweizer Franken ist der Wechselkurs aktuell jedoch sehr vorteilhaft, sodass die Preise noch akzeptabel bleiben. Gleichzeitig übt Australien nach wie vor eine grosse Anziehungskraft aus. Und SchweizerInnen verfügen zum Glück generell über ein hohes Reisebudget».
Mit den seit Beginn des Krieges gegen Iran gestiegenen Treibstoffpreisen habe sich die Preissituation zusätzlich verschärft, warnten mehrere TeilnehmerInnen. «Das spielt in einem Land mit so grossen Distanzen natürlich eine Rolle», so ein Einkäufer. Die meisten Selfdrive-Fahrzeuge – seit Jahren die die beliebteste Fortbewegungsart für Australien-Reisende aus der Schweiz – werden mit Diesel betrieben. Heute kostet dieser Treibstoff rund 30 Prozent mehr als vor Beginn des Konfliktes. Eine Einkäuferin meldet, dass Kunden sich aufgrund von Meldungen über Engpässe verstärkt nach der Verfügbarkeit von Treibstoff erkundigen, vor allem in den abgelegenen Regionen des Landes. «Einige fragen sich sogar, ob sie deshalb ihre geplante Reise nach Australien stornieren sollen.» Solche Bedenken sind jedoch unbegründet: die australische Regierung hat in den letzten Wochen in verschiedenen Ländern erfolgreich über genügend Nachschub von Benzin und Diesel verhandelt.
Traum von Australien schüren
Während TA für die kommenden Monate in den deutschsprachigen Ländern keine wesentlichen Marketing-Aktionen plant, sollen laut Robin Mack Agenten weiterhin eine zentrale Rolle beim Verkauf der der Destination Australien spielen. Dazu diene das erfolgreiche Aussie-Specialist Programm, das seit den neunziger Jahren 100'000 Kurse angeboten hatten. 40'000 qualifizierte Experten und Expertinnen sind heute weltweit in 100 Ländern im Einsatz.
Ein weiterer Kurs für 300 Agenten ist für Oktober in der nordaustralischen Stadt Darwin geplant. «Nur wenn man eine Destination wirklich kennt, kann man sie auch erfolgreich verkaufen», so der TA-Chef, der seine Karriere am Schalter eines Reisebüros begonnen hatte. Laut Mack gehe es ultimativ darum, das Ziel zu erreichen, dass «Australien die erste Destination ist, von der Reisende träumen und eine, die sie dann ultimativ wählen».
Wer die ganze Reise kontrolliert, verdient mehr
Die australische Tourismusbranche erlebt derzeit einen massiven Umbruch, weg von kleinen Einzelanbietern hin zu grossen Erlebnis-Netzwerken. Jüngstes Beispiel für diesen Trend ist die Übernahme von Voyages Tourism Australia durch den Reise-Riesen Journey Beyond im Januar. Damit sicherte sich das Unternehmen die Schlüssel zum bekannte Ayers Rock Resort im Northern Territory, sowie zum Mossman Gorge Cultural Centre in Queensland.
Dass es sich um ein Schwergewicht der Branche handelt, zeigen die Zahlen: Das Ayers Rock Resort umfasst fünf Hotels und einen Campingplatz, die zusammen eine konstante Belegungsrate von 70 Prozent halten. Schon vor dem Verkauf erwirtschaftete das Geschäft im Zeitraum 2023-24 ein EBITDA von 25,7 Millionen australischen Dollar. Mit dem Deal übernahm Journey Beyond auch die Verantwortung für die Infrastruktur, darunter einen Kredit über 112,5 Millionen Dollar und die Modernisierung des lokalen Flughafens für 27,5 Millionen Dollar.
Hinter dieser Konsolidierung steckt eine klare Strategie: Wer die gesamte Reise kontrolliert, verdient mehr. Da Journey Beyond bereits legendäre Züge wie The Ghan und die Indian Pacific betreibt, kann die Firma Reisenden nun ein Komplettpaket aus einer Hand anbieten. Anstatt die Einnahmen mit anderen Hotels zu teilen, landet so ein deutlich grösserer Teil der Reisekasse im eigenen Haus. Diese Grösse dient gleichzeitig als Sicherheitsnetz gegen Krisen. Als etwa der Tropensturm Jasper im Jahr 2024 in der Mossman Gorge für einen Besucherrückgang von 13,5 Prozent sorgte, konnte ein so breit aufgestellter Konzern Verluste durch Gewinne in anderen Regionen problemlos abfedern.
Das übergeordnete Ziel ist es, besonders zahlungskräftige Gäste anzusprechen. Um Preise von über 315 Dollar pro Nacht im Outback zu rechtfertigen, braucht es den hohen Standard, den nur finanzstarke Konzerne garantieren können. Dennoch bleibt die kulturelle Wurzel erhalten: Während Journey Beyond das Geschäft führt, werden die Landtitel zunehmend an die traditionellen Eigentümer zurückgegeben.
Klasse statt Masse: Australien auf dem Weg zum Luxus-Reiseziel
Australien war zwar schon immer ein Sehnsuchtsort. Doch wer heute den weiten Weg ans andere Ende der Welt auf sich nimmt, sucht oft mehr als das klassische Sightseeing-Programm. Die australische Tourismusbranche hat das erkannt und erfindet sich spätestens seit der Covid-Pandemie neu: weg vom Massentourismus, hin zu exklusiven, unvergesslichen Premium-Erlebnissen. Hinter diesem Wandel stecken logische Gründe.
- Die weite Anreise soll sich lohnen: Ein Flug aus Europa oder Nordamerika nach Down Under kostet Zeit und Geld. Genau deshalb setzt Australien auf den sogenannten «High Value Tourism». Die Idee dahinter ist: Wenn Gäste schon diese weite Reise antreten, möchte man ihnen eine Qualität bieten, die sie dazu bewegt, länger zu bleiben. Statt auf möglichst viele Touristen setzt das Land immer mehr auf Exklusivität und individuelle Erlebnisse – eine Strategie, die besonders seit der Pandemie an Fahrt aufgenommen hat.
- Der neue Luxus: Gänsehautmomente statt Goldarmaturen: Wohlhabende Reisende suchen heute nach dem echten «Once in a lifetime»-Gefühl. Ein klassisches Fünf-Sterne-Hotel reicht nicht mehr aus. Gefragt sind abgelegene Lodges mitten in der Wildnis, private Naturtouren, exzellente Gourmet-Konzepte und tiefgehende, authentische Begegnungen mit der indigenen Kultur. Und das Ganze so nachhaltig wie nur möglich. Mit seiner endlosen Weite, der geringen Bevölkerungsdichte und der spektakulären Natur ist Australien wie geschaffen für diesen modernen Luxus.
- Asiatischer Boom und Schutz für die Umwelt: Gleichzeitig wächst die Zahl kaufkräftiger Gäste aus Asien – etwa aus Singapur, Indien oder China – rasant. Sie schätzen feines Essen, exklusive Weinreisen und absolute Privatsphäre. Dieser Trend in Richtung Premiumsegment hat auch einen entscheidenden ökologischen Vorteil: In hochsensiblen Regionen wie dem Great Barrier Reef oder dem Outback bedeuten weniger, dafür aber zahlungskräftige Besucher, dass die Natur und die Infrastruktur geschont werden, während die Einnahmen für die Region trotzdem stimmen.
So sieht der australische Luxus in der Praxis aus
Ob Natur, Kulinarik oder Abenteuer – die Premium-Angebote des Landes sind so vielfältig wie der Kontinent selbst:
- Outback-Magie: Im Longitude 131° schlafen Gäste in luxuriösen Zelt-Suiten mit direktem Blick auf den Uluru. Wer es rauer, aber nicht weniger exklusiv mag, erlebt auf der Bullo River Station im abgelegenen Norden das echte Leben auf einer riesigen, privaten Rinderfarm.
- Insel-Paradiese: Resorts wie das legendäre Qualia oder das Lizard Island Resort bieten High-End-Gästen private Strände und exklusive Tauchgänge direkt am Great Barrier Reef.
- Rollende Fünf-Sterne-Hotels: Züge wie The Ghan oder der Indian Pacific machen die Durchquerung des rauen Inlands zu einem Erlebnis voller Fine Dining und erstklassigem Service.
- Genuss und Abenteuer: Exklusive Weinverkostungen und ein Luxus-Abendessen im Privathaus auf der südaustralischen Fleurieu-Halbinsel, private Helikopterflüge über die rauen Kimberley in Westaustralien oder Safari-Touren im Kakadu-Nationalpark – Australien bietet zunehmend solche aussergewöhnlichen und teuren Produkte an.
Denn Für viele Tourismusexperten ist die Sache klar: die Zukunft des Reisens in Australien liegt im Luxussegment. Weniger Gedränge, mehr unvergessliche Momente und eine starke Positionierung als weltweite Top-Adresse für Premium-Gäste.