Destinationen

Die Schweizer Vertretung an der Tourismusmesse Rendez Vous Canada, von links: Michael Bötschi (Go2Travel), Melissa Clausen (Knecht Reisen) und Robin Engel (Go2Travel). Bild: Go2Travel

Kanada: volle Betten, leise Sorgen

Robin Engel

Die Entwicklung im Nordamerika-Geschäft könnte unterschiedlicher kaum sein. Während die USA mit Gegenwind kämpfen, zeigte sich am Rendez Vous Canada, der grössten internationalen Tourismusmesse des Landes, eine äusserst positive Stimmung. Es gibt aber auch Warnsignale.

«Des einen Freud, des anderen Leid»: Momentan gibt es wohl fast kein passenderes Sprichwort, um die Reiselust nach Kanada- beziehungsweise in die USA zu umschreiben. Während man vor kurzem am IPW in Fort Lauderdale über die aktuellen Rückgänge im USA-Geschäft diskutierte, so herrschte am Rendez Vous Canada, das vom 26. bis 29. Mai 2026 in Toronto stattfand, vergleichsweise frohlockende Jubelstimmung.

Nachdem man die letzten beiden Jahre in Edmonton und Winnipeg zu Gast war, was die Anreise für gewisse Product Manager etwas umständlicher machte, kehrte Kanadas grösste Tourismusmesse dieses Jahr zurück nach Toronto, wo das RVC nach 2019 und 2022 bereits zum dritten Mal innerhalb der letzten sieben Jahre stattfand. Die grösste Neuerung für die diesjährige Ausgabe war jedoch die Kürzung der Appointments auf knackige zehn Minuten, was nicht bei allen Beteiligten gleich gut ankam.

Atlantik-Kanada boomt

Den Kick-Off der Messe symbolisierte das lockere Get-together hoch über den Dächern der Stadt im CN-Tower, dem einst höchsten freistehenden Gebäude der Welt. Bei gemütlichem Ambiente wurden bereits die ersten Trends diskutiert sowie die wunderbare Aussicht auf den Toronto City Airport und die vorgelagerten Toronto Islands genossen.

Dort fand übrigens wenige Stunden zuvor auch der (selbständig organisierte) Willkommens-Apéro der Schweizer Delegation statt – dieses Jahr bestehend aus Melissa Clausen (Knecht Reisen), Michael Bötschi (Go2Travel) und meiner Wenigkeit.

Genau diese drei machten sich davor auch gemeinsam auf den Weg an die Scarborough Bluffs etwas ausserhalb von Toronto. Die beeindruckenden Steinklippen münden direkt in den Lake Ontario und erinnern eher an Südengland als an Kanada und waren bis anhin ein echter Geheimtipp unter Einheimischen. Genau nach solchen Dingen aber gilt es Ausschau zu halten. Doch dazu später mehr.

Die Scarborough Bluffs etwas ausserhalb von Toronto. Bild: Go2Travel

Die zurzeit in fast allen Landesteilen vorzufindende Hochkonjunktur in Sachen Tourismus war dann auch während der einzelnen Meetings auszumachen. So beispielsweise freuten sich Leistungsträger im Westen Kanadas über fast komplett volle Auftragsbücher.

Ähnlich klang es aus den Reihen der maritimen Provinzen, denn auch in Atlantik-Kanada ist man hocherfreut über die steigenden Zahlen aus der Schweiz. Nicht zuletzt auch dank der Non-Stopp-Verbindung nach Halifax mit Edelweiss, die der ganzen Region einen mächtigen Schub verleiht.

Neue Chancen für den Schweizer Markt

Zudem hat auch Parks Canada schon einen Steilpass lanciert und für 2026 unter dem Motto «Canada Strong Pass» die Weiterführung des kostenlosen Nationalparkpasses angekündigt. Ob das der richtige Weg ist, sei zumindest aus internationaler Sicht in Frage gestellt. Aus lokaler Warte lässt sich das jedoch als taktvolle Antwort auf die kürzlichen Preiserhöhung des südlichen Nachbarn bei deren Nationalparkpass werten.

Natürlich im Wissen, dass die aktuelle US-Politik auch seinen Teil dazu beiträgt, derzeit etwas mehr Touristen als sonst üblich ins Land des Ahorns zu bewegen, ist man auch seitens Destination Canada bestrebt die Vermarktung weit über die Landesgrenzen hinaus zu pflegen beziehungsweise gar zu intensivieren.

Seit Kurzem wird dies in Deutschland durch die Agentur New Age Marketing unter der Leitung von Andi Schunck und Susi Miller gehandhabt. Beide sind in der Schweiz aufgrund ihrer Vergangenheit mit diversen anderen (Destinations-)Vertretungen bestens bekannt und auch entsprechend vernetzt. So keimt die Hoffnung, dass der Schweizer Markt sich in Zukunft auf dieser Ebene wieder etwas mehr Gehör verschaffen kann. Es scheint also alles angerichtet zu sein.

Im gleichen Atemzug aber gilt es zu fragen, ob der etwas arg grosse Schub an zusätzlichen Logiernächten und Touristen dieses Jahr einige Regionen nicht doch ein wenig an den Rand ihrer Kapazitäten bringen dürfte. Es ist schwierig auszumalen wie beispielsweise ein Banff oder Tofino, wo bereits in der Vergangenheit Engpässe keine Seltenheit waren, noch mehr Leute beherbergen sollen.

Auf der einen Seite beklagt man sich natürlich nur ungern über zusätzliches Business – auf der anderen Seite ist es ein sehr schmaler Grat bis hin zum Massentourismus, und man möchte sich in Kanada auf keinen Fall mit diesem assoziieren. Zumal man mit einer Fläche von über 240 Mal der Schweiz eigentlich genug Platz zum Ausweichen hätte.

Auch aufgrund dessen versuchen die Provinzen in der Bewerbung der einzelnen Regionen und Attraktionen diese Hotspots tunlichst zu vermeiden und andere wunderschöne Hidden Gems – wie beispielsweise die Scarborough Bluffs – hervorzuheben. Aber wem kann man es verübeln, bei einem Besuch in der Schweiz das Matterhorn zu besuchen?

Jubiläumsausgabe in Calgary

An gewissen Orten war hinter vorgehaltener Hand sogar zu vernehmen, dass nicht nur Europa mächtig zugelegt hätte, sondern auch die Kanadier selbst (weiterhin) sehr gerne im eigenen Land Ferien machen und von Reisen in die Vereinigten Staaten absehen. Der vor Jahresfrist geäusserte Wunsch, Kanada zum 51. Bundesstaaten der USA zu machen, scheint nach wie vor noch nicht verdaut zu sein…

Zum Abschluss der diesjährigen RVC-Ausgabe traf man sich im Royal Ontario Museum für die traditionelle Canada-Night. Wie immer eine tolle, fast schon familiäre Angelegenheit. Für 2027 steht nun die 50. Ausgabe des Rendez Vous Canada auf dem Programm. Dann in Calgary, der grössten Stadt der Provinz Alberta und vor den Toren der Rocky Mountains. Man darf also bereits jetzt schon gespannt sein, was zur Jubiläumsausgabe alles aufgefahren wird.

Verschnaufpause von Michael Bötschi (links) und Robin Engel am Campfire. Bild: Go2Travel

Unter dem Strich aber dürfen wir festhalten, dass Kanada bei uns – entgegen den Erwartungen – einen grossen Teil des fehlenden USA-Geschäfts wettmachen konnte. Zum einen bemerkenswert, da die Reisezeit in Kanada von Mitte Mai bis Mitte Oktober – in gewissen Regionen teilweise sogar noch kürzer – doch eher überschaubar ist. Zum anderen aber zeigt uns dies, dass wir auch im Kanada-Bereich noch wachsen können und entsprechendes Potenzial vorhanden ist.

Ob dies auch nächstes Jahr so anhält, steht in den Sternen. Nun gilt es abzuwarten, wie sich die diesjährige Saison vor Ort entwickelt. Man ist sich einig: Naturkatastrophen wie Waldbrände oder Überschwemmungen gehören fast schon an die Tagesordnung und sind nicht mehr eine Frage ob, sondern eher wann, wo, wie lange und in welchem Ausmass.

Dies kombiniert mit möglichen überbevölkerten Sehenswürdigkeiten oder den doch menschenleeren, Bilderbuch-Bergseen fernab der Touristenströme lässt Herr und Frau Schweizer darüber urteilen, wie begeistert sie zu Hause über ihre Kanada-Ferien berichten. Denn bekanntlich ist die gute, alte «Mund-zu-Mund-Propaganda» immer noch das zielführendste Marketing-Tool, weshalb es zu schauen gilt, dieses bestmöglich zu nutzen.

Wie wir alle wissen, flacht auch die beste Welle einmal ab, und dann gilt es bereit zu sein die Nachfrage mit weiterführenden Massnahmen zu stimulieren. Sei es mit werbewirksamen Out-of-Home Kampagnen, lehreichen Studienreisen oder Schulungen. Bekanntlich sitzen wir alle im gleichen Boot, einfach in unterschiedlichen Reihen. Es müssen also alle paddeln – eben wie in einem «Canadian Canoe».