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Dominic Wieser hat sich in Japan ein ungewöhnliches Leben aufgebaut – als Tourguide mit seiner eigenen Firma in Kyoto und als Aikido-Lehrer. Alle Bilder: zVg

Tourguide Dominic Wieser führt Gäste ins verborgene Kyoto

Marilin Leuthard

Er ist Aikido-Lehrer und Gründer von IKOO Tours: Dominic Wieser hat die Schweiz gegen Japan getauscht und lebt heute seinen Traum in Kyoto. Travelnews hat mit dem jungen Zürcher über seinen ungewöhnlichen Weg nach Japan gesprochen.

Als Dominic Wieser das erste Mal mit Japan in Berührung kam, liess ihn das Land nicht mehr los. Was mit der japanischen Popkultur – vor allem Anime und Manga – seinen Anfang nahm, führte ihn schliesslich zu seiner Tätigkeit als Tourenanbieter im Herzen Kyotos.

Mit 24 Jahren liess er sein Leben in Zürich hinter sich und ging nach Japan, um sich in seiner Leidenschaft, dem Kampfsport Aikido, weiterzubilden. Dass der heute 27-Jährige nun als Aikido-Lehrer japanische Erwachsene und Kinder unterrichtet und als spezialisierter Tourenanbieter in Kyoto seinen Traum verwirklicht, ist einer Reihe schicksalhafter Fügungen zu verdanken.

«Ich war schon immer ein bisschen freigeistig unterwegs», verrät er im Interview mit Travelnews. Wir wollten von ihm wissen, was hinter seinem grossen Lebenstraum steckt und was er in den vergangenen drei Jahren in Japan erlebt hat.

Wie hat sich Ihre Faszination für Japan entwickelt?

Dominic Wieser: Meine Faszination begann bereits früh in meiner Kindheit. Als meine Grosseltern aus den Japan-Ferien nach Hause kamen, brachten sie mir einen Schlüsselanhänger mit japanischen Dingen dran, den ich über mein Bett hängte. Auch der Film «Chihiros Reise ins Zauberland» hat mich als Kind in den Bann gezogen. Über die Jahre hat sich dieses Interesse immer weiterentwickelt. Irgendwann begann ich, Bücher über die Geschichte, die Kultur und die Gesellschaft zu lesen. Mich faszinierte der Gedanke, dass es am anderen Ende der Welt ein Land gibt, das genauso modern und fortschrittlich ist, aber komplett anders funktioniert als die Schweiz.

Und darum sind Sie auch dorthin ausgewandert?

Ich hatte in Zürich einen tollen Job mit tollen Aufstiegsmöglichkeiten, führte zuletzt sogar ein Team. Irgendwann wurde mir aber klar, dass ich nicht der Typ Mensch bin, der von neun bis fünf im Büro sitzt. Ich war nicht glücklich und suchte nach einer Veränderung. Ich suchte nach etwas, das mit der japanischen Kultur zu tun hat, und probierte auf Rat eines guten Freundes «Yoshinkan Aikido» aus, das ich bis dahin nicht gekannt hatte. Aikido ist eine defensive Kampfkunst, bei der es darum geht, die Kraft des Gegenübers umzulenken und gegen ihn – möglichst harmonisch und ohne Schmerz – zu verwenden. Ich schaute mir zunächst Videos davon auf YouTube an und besuchte dann ein Dojo («Trainingsraum») im Lochergut in Zürich. Ich war sofort begeistert und begann dort zu trainieren. Als der Sensei («Lehrer») merkte, wie begeistert ich von Japan war, sagte er einmal zu mir: «Wenn ich noch einmal so jung wäre wie du, dann würde ich nach Japan gehen und ein Intensivtraining machen». Er erzählte ausserdem von einem renommierten Sensei in Kyoto, der ein direkter Schüler des Gründers unseres Stils war. Als ich das hörte, wusste ich sofort, dass ich dorthin musste.

Gemeinsam mit Dominic Wieser entdecken zwei Gäste das authentische Kyoto.

Eigentlich war Japan schon immer Teil meines Plans gewesen – ob zum Reisen, Arbeiten oder Leben. Aikido öffnete mir schliesslich die Tür dorthin, und das Dojo vor Ort unterstützte mich und konnte für mich ein Kulturaktivitäten-Visum einholen. Also zog ich nach Kyoto, absolvierte zuerst das einjährige Intensivprogramm und hängte dann noch ein weiteres Jahr für die Instruktor-Ausbildung dran.

Wie war die Anfangszeit in einem so fremden Land?

Ich war tatsächlich noch nie zuvor in Japan, habe mich aber sehr gut darauf vorbereitet. Es ist natürlich immer etwas anderes, wenn man dann da ist, aber einen Kulturschock hatte ich nicht. Ich kam unmittelbar nach der Corona-Pandemie in Japan an und alles war folglich leer. In der U-Bahn war ich immer der einzige Ausländer und alle schauten mich verwundert an. Etwas, das mich überraschte, war die Distanz zueinander, die man in Japan pflegt. In der Schweiz fühlte sich das Dojo an wie eine Familie und man trank nach dem Training auch mal ein Bierchen zusammen. Das ist in Japan undenkbar. Die Menschen versuchen, das private Leben mit dem im Dojo auseinanderzuhalten. Sobald das Training fertig ist, bist du allein. Damit hatte ich am Anfang etwas Mühe – ich war recht einsam. Wenn du die feinste Schüssel Ramen vor dir hast und sie mit niemandem teilen kannst, wird es dir besonders bewusst. Mittlerweile ist dies für mich aber zur Normalität geworden. Die meisten Japanerinnen und Japaner gehen allein essen, die Restaurants sind auch darauf ausgelegt.

Wie steht es um Ihr Japanisch?

Ich bin in der Schweiz ein Jahr in den Japanischunterricht gegangen. Aber dann kommst du in Japan an, alle reden schneller und du verstehst kein Wort. Aber man ist quasi gezwungen, die Sprache zu lernen. Viele Menschen sprechen kein oder schlechtes Englisch. Im Dojo wurde nur auf Japanisch gelehrt. Ich habe mir dann eigentlich das meiste selber beigebracht, heute spreche ich ziemlich fliessend.

«Ich vermisse die Offenheit und Tiefgründigkeit der Menschen in der Schweiz.»

Was sind die grössten Unterschiede zur Schweiz?

In Japan gibt es verschiedene Höflichkeitsformen, je nachdem, wer vor dir steht. Es gibt eine strenge Hierarchie und du bist als Neuling stets zuunterst. Wenn der Sensei ins Dojo kommt, nimmst du seine Jacke. Wenn er seine Nase putzt, öffnest du den Abfalleimer für das Taschentuch. Und du putzt täglich den Trainingsraum. Es ist eigentlich wie im Film. Auch die Arbeitsmoral ist eine andere. Man hat zwar 15 Tage Ferien im Jahr, nimmt aber aus Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber nicht alle Tage. Das ist nicht gern gesehen. Deine Vorgesetzten wollen sehen, dass du alles gibst – jeden Tag. Du musst regelrecht ihr Vertrauen gewinnen. Zudem sagt dir niemand, wenn du etwas nicht gut machst. In Japan muss man das spüren. Oder man hört es über Dritte. Für mich als direkte Person war das sehr gewöhnungsbedürftig.

Vermissen Sie etwas an der Schweiz?

Nebst meiner Familie und meinen Freunden vermisse ich besonders die Offenheit und Tiefgründigkeit der Menschen in der Schweiz. Alles ist sehr oberflächlich hier. Die ganze japanische Kultur ist darauf ausgelegt, dass du keine Konflikte hast und alles harmonisch ist. Und natürlich das Essen meiner Mutter. Oder das Steinofen-Baguette der Migros (lacht). Aber ich liebe die japanische Küche.

Wie sind Sie darauf gekommen, als Tourguide zu arbeiten?

In den ersten zwei Jahren habe ich während sechs Tagen trainiert, 30 bis 35 Stunden pro Woche. Zuerst die Grundausbildung, danach noch ein Jahr, um selbst Lehrer zu werden. Bereits nach einem halben Jahr hatte ich dann aber das Gefühl, noch etwas anderes machen zu müssen. Damals wohnte ich in einer WG und eine meiner Mitbewohnerinnen bot sogenannte «Free Walking Tours» an. Diese Touren haben keinen Fixpreis, sondern die Teilnehmenden geben am Ende einfach die Menge Trinkgeld, die sie wollen. Ich bin danach selbst als Teilnehmer auf einige Touren gegangen, bevor ich mich als Guide bei einer Firma zur Verfügung stellte. Von da an habe ich einmal in der Woche eine Tour übernommen.

Wie kam es zur Gründung von IKOO Tours?

Nach eineinhalb Jahren Erfahrung mit Free-Walking-Touren dachte ich, dass ich mein eigenes Ding machen will. Ich wollte meine eigenen Routen anbieten können, flexibler sein und nicht immer 50 Prozent meiner Einnahmen an den Vorgesetzten abgeben. Also habe ich meine eigene Firma gegründet.

War dies ein schwieriges Unterfangen?

Die Firmengründung in Japan ist eigentlich gar nicht so schwierig – auch nicht als Ausländer. Ich musste lediglich ein A4-Formular auf dem Steueramt ausfüllen.

Was für Erlebnisse bieten Sie mit IKOO Tours an?

Ich konnte über das Dojo einen Kontakt zu einem Mönch knüpfen, dem ein sehr exklusiver und privater Zen-Tempel mitten in Kyoto gehört. Genau in dem Quartier, in dem ich ohnehin meine Touren mache. Und der Zufall wollte es, dass dessen Frau Tee-Zeremonien und Zen-Meditationen durchführt. Ich konnte mit ihnen eine Kooperation starten und biete heute private Touren in diesem Tempel an, mit der Möglichkeit, an verschiedenen Zeremonien teilzunehmen. Zudem führt eine ehemalige Mitbewohnerin von mir gemeinsam mit ihrem Mann ein Ryokan auf dem Land. Die ganze Umgebung ist alt, traditionell, authentisch und voller alter Sake Brauereien – fernab vom klassischen Massentourismus.

Eine Tee-Zeremonie in einem privaten Zen-Tempel mitten in Kyoto: Dank Dominic Wiesers Touren öffnen sich Türen zu einem Japan, das den meisten verborgen bleibt.

Weiter kann man eine Aikido-Probelektion besuchen, einen Sushi-Workshop in einem renommierten Restaurant machen oder individuell angepasste Routen erleben. Mein Motto ist: «Beyond the crowds». Ich biete meinen Kundinnen und Kunden private und persönliche Führungen und Erlebnisse, abseits der Massen an. Mein Ziel ist es, ihnen das richtige Kyoto zu zeigen.

Wer bucht Ihre Touren?

Rund 80 Prozent meiner Kundinnen und Kunden kommen aus der Schweiz. Mittlerweile arbeite ich mit diversen Schweizer Reisebüros sowie einem deutschen Anbieter zusammen. Mich kann man aber auch direkt buchen über meine Webseite, Tripadvisor oder Get Your Guide.

Japan ist eine Trenddestination geworden. Wie nehmen Sie die Entwicklung in den vergangenen Jahren wahr?

Tatsächlich hat gerade Kyoto im Moment einen schlechten Ruf. Auf Social Media sind stets die überfüllten Orte zu sehen. Viele Besucher konzentrieren sich in Kyoto auf dieselben bekannten Sehenswürdigkeiten. Diese sind auch wirklich sehenswert, aber die Strasse daneben ist menschenleer. Abseits der Touristenpfade zeigt Kyoto seinen wahren Charakter – und genau das möchte ich vermitteln.

Wann ist die ideale Zeit, nach Japan zu reisen?

Japan im Schweizer Sommer sollte man möglichst vermeiden. Es ist so feucht und heiss, das ist auch gesundheitlich nicht ganz ungefährlich. Es ist zwar «nur» zwischen 35 und 40 Grad, doch das eigentliche Problem sind die 80 bis 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Am besten sind April und Mai sowie Oktober, November und Dezember. Und für alle, die Osaka als Ausgangspunkt für Tagesausflüge nutzen möchten: Kyoto funktioniert genauso gut für Reisen nach Kobe oder Nara und ist einfach die schönere Stadt.  

Wo sehen Sie sich in der Zukunft?

Sowohl in Japan als auch in der Schweiz. Natürlich möchte ich IKOO Tours weiter ausbauen und noch mehr exklusive Erlebnisse anbieten. Irgendwann kann ich hoffentlich auch Mitarbeiter einstellen, um mich einerseits zu entlasten und andererseits die Kapazitäten zu erhöhen. Ich kann mir vorstellen, in Zukunft einige Monate pro Jahr in der Schweiz zu verbringen. Hinzu kommt meine Vision, in der Schweiz etwas Eigenes zu eröffnen – sei es ein eigenes Aikido-Dojo, ein Onsen-Bad oder ein anderes japanisches Lokal. Ein Matcha-Pop-up wäre auch was (lacht).