Flug
Was ist bloss los mit Easyjet?
Ben WestIn den Keller gerasselt wie jüngst viele weltweite Aktientitel ist jene von Easyjet nicht. Doch die grösste britische Budget-Airline durchfliegt derzeit trotzdem eine schlechte Phase. Da gab es etwa am 19. August den Vorfall, dass ein Easyjet-Passagier von der Polizei am Flughafen London Gatwick mit einer Elektroschockpistole gestoppt wurde, weil er versuchte, mit zwei Gepäckstücken an Bord zu gelangen — eine ziemlich harsche Durchsetzungspolitik der Ein-Gepäck-Regel.
Während vielen Jahren war Easyjet — mit 30 Millionen beförderten Passagieren im Jahr — eine ausgezeichnete Airline. Zwar gab es nie den Service-Standard anderer Airlines, doch die verblüffenden Tiefpreise und die Pünktlichkeit waren lange Zeit exemplarisch. In den letzten Jahren bin ich unzählige Male mit Easyjet geflogen, in den letzten vier Jahren vor allem die Strecke London — Zürich. Bis kürzlich offerierte die Airline stets einen wirklich guten Service und dies bei Preisen, die oftmals unter 45 Franken pro Weg lagen, ein Bruchteil davon, was Swiss oder British Airways verlangen. Und die Flüge waren mehrheitlich sehr pünktlich und effizient.
Doch in den letzten Monaten geht vieles schief. Ich musste feststellen, dass die Flüge oft verspätet oder annulliert sind. Der letzte Flug am Tag von Zürich nach London ist nun eigentlich stets um eine Stunde verspätet oder gar annulliert. Verschwunden sind in den meisten Fällen die Inflight-Magazine. Und auch ein kühles Bier vermisse ich jüngst auf den Flügen — ein Bier mit Eis kühlen zu müssen, ist nicht ideal.
Weiteres Ungemach
Im August hat Easyjet den Passagieren die Garantie genommen, dass sie ihr Handgepäck in der Grösse von 56 x 45 x 25 Zentimetern auch wirklich an Bord nehmen können. Die Garantie haben jetzt nur noch Passagiere, die einen Aufpreis bezahlen. Im April wurden Passagieren knapp 15 Franken verrechnet, die eine Verspätungs-Bestätigung verlangten, um diese ihrer Versicherung vorlegen zu können. Und in diesem Monat wurde bekannt, dass Easyjet viele der Hochsaison-Flüge massiv überbucht hat.
Zudem gibt es Ungemach wegen Streikdrohungen. Die meisten Flight Attendants müssen sich mit einem Jahreslohn von 37000 Franken begnügen. Easyjet hat derzeit die Gewerkschaft Unite Union am Hals, die einen Drittel der 3500 Personen umfassenden Cabin Crew vertritt. Die Vorwürfe des Kabinenpersonals: Die Basislöhne des Personals in Frankreich und Italien seien höher, die langen Arbeitszeiten, unvorhergesehene Einsätze, die Schwierigkeit Ferien beziehen zu können und der Zwang, Uniformen selber zu berappen zu überhöhten Preisen.
Gleichzeitig, wie die Gewerkschaft feststellt, seien die Direktoren-Gehälter um 18 Prozent gestiegen. Jedenfalls sieht es so aus, dass die Airline den Passagierkomfort, die Pünktlichkeit und die Angestelltenvergütung reduziert hat, um die Aktionäre glücklich zu machen. Und die scheinen happy: denn der Umsatz pro Sitz ist gewachsen, die Gewinnprognose auf 951 Millionen Franken angestiegen, nach einem Gewinn im letzten Jahr von 863 Millionen Franken. Wenn nun aber die aktuelle Serviceperformance nicht wieder erhöht wird, würde es nicht verwundern, wenn die Aktie bald auch an Fahrt verliert.