Flug
Kommentar Die Ideenlosigkeit im Airline-Disput
Gregor WaserDie dunklen Wolken über der Airline-Industrie verdichten sich. Immer mehr Leute und Politiker ärgern sich in der Schweiz über die Vielzahl von Fliegern am Himmel, die für CO2-Ausstoss und Lärm sorgen und die unerhörten Tiefpreise, die das Problem verschärfen. Und Wissenschaftler warnen, dass Hitzewellen, Hochwasser und Stürme indirekt auch von den Airlines verursacht werden.
An einem Bilanz-Talk am Dienstag und im «Forum» auf Radio SRF1 am Donnerstag kamen diese Woche Kritiker und Airline-Vertreter zu Wort. Fazit: Die Fronten verhärten sich zunehmend. Die Gegenpole im Disput sind Aerosuisse-Präsident und SVP-Nationalrat Thomas Hurter sowie SP-Nationalrat Thomas Hardegger, ehemaliger Präsident der Flughafengemeinde Rümlang ZH.
Für Hardegger ist klar: Shopping-Flüge für weniger als 50 Franken nach London oder Bangkok-Flüge für 478 Franken sind unsinnig; dass Airlines keine Kerosin- und Mehrwertsteuer oder weitere Ticketabgaben zahlen müssen, um Folgeschäden bei Umwelt und Gesundheit zu berappen, ebenso. Und Hardegger erhält Unterstützung während des SRF1-Forums von vielen Telefonanrufern, die in die gleiche Bresche schlagen.
Das Argumentarium der Airline-Industrie reicht nicht mehr aus
Hurter kontert: Was ist der richtige Preis? Die heutigen Flugpreise sind Ausdruck des Wohlstands. Wir dürfen keinen Anspruch haben, die Weltbevölkerung zu erziehen. Schlage die Schweiz im Alleingang eine Ticketabgabe drauf, werden sich bloss die Mitbewerber aus dem arabischen oder asiatischen Raum ins Fäustchen lachen. Und innerhalb 50 Minuten wiederholt Airline-Vertreter Hurter ein Dutzend Mal die Worthülse «wir übernehmen Verantwortung». Sein Arbeitgeber (die Swiss) würde Verantwortung übernehmen und in umweltfreundlichere Maschinen investieren und habe sich dem Klimainstrument Corsia angeschlossen.
Damit entschärft er den wachsenden Groll bei der Bevölkerung aber noch nicht. Dass die Swiss energieffizientere Triple-7 anschafft, die bisherigen Maschinen aber dann der Tochter Edelweiss abgibt, sei unter dem Strich ja keine Umweltverbesserung, monieren diese. Und Corsia sorge ja lediglich dafür, dass ab 2020 wachstumsbedingte CO2-Emissionen kompensiert werden müssen.
Das Argumentarium der Airline-Industrie reicht jedenfalls nicht mehr aus, um dem in den nächsten Monaten und Jahren zweifellos wachsenden Ärger bei der Bevölkerung – und den sich bei diesem Thema immer lauter äussernden Politiker – die Stirn zu bieten. Genauso wie der SRV-Vorstoss, eine Airline-Kundengeldabsicherung zu installieren, vom Tisch gewischt wird, werden Öko-Kritiker belächelt. Aus Airline-Warte mögen die Kritikpunkte und Argumente der Fluggegner zwar unrealistisch sein, doch im ständig härteren Disput müssten bessere Argumente her oder zumindest ein Wille signalisiert werden, Massnahmen anzugehen. Schliesslich würde eine Flugticket-Abgabe in der Höhe von 50 Franken bei einer Mehrheit der Passagiere auf Gutheissen stossen, wie die Schweizerische Energiestiftung (SES) eruiert hat.
Doch die Diskussion ist verzahnt und blockiert. Auch kreativ tönende Vorschläge der Gegner helfen da nicht weiter. Man soll doch ein umgekehrtes Meilensystem einführen – je mehr jemand fliegt, desto mehr Abgaben müsse er bezahlen. Oder ein Kontingentsystem: jeder hat eine Anzahl Meilen zu gut – wenn diese nicht gebraucht werden, könne man sie verkaufen. Oder Thomas Hardeggers Vorschlag: Man könnte den Beweggrund einer Flugreise mit Gebühren verknüpfen: ein Shopping- oder Badeferienflug würde dann stärker belastet als ein Geschäftsreiseflug. Verständliches Kopfschütteln auf der anderen Seite, weil unrealistisch. Ende der Diskussion. Doch das Problem ist nicht vom Tisch.